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„Mistrades“ : Der 163-Millionen-Euro-Mann?

Armin S. und seine Bildschirme: Bekommt er die Millionen ausgezahlt? Bild: Frank Röth

Der Frankfurter Armin S. streitet um einen Bankirrtum zu seinen Gunsten. Er wirft der BNP Paribas vor, sogenannte Mistrades zu spät gemeldet zu haben – und will 163 Millionen Euro. Hat er eine Chance vor Gericht?

          Vor dem Frankfurter Landgericht landet jetzt ein äußerst ungewöhnlicher Fall. Wie ein Gerichtssprecher auf Anfrage bestätigte, beginnt dort unter dem nüchternen Aktenzeichen „2-18 O 175/17“ eine Auseinandersetzung, die doch ziemlich aus dem Rahmen fällt. Ein Mann aus Frankfurt, Armin S., der seinen vollen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, weil er um seine Sicherheit fürchtet, ist vermutlich durch einen Bankirrtum zu seinen Gunsten an 163 Millionen Euro gekommen. Der Mann hatte 3000 Zertifikate für jeweils rund 108 Euro gekauft, von denen sich herausstellte, dass sie jeweils mehr als 54.000 Euro wert waren – zusammen 163 Millionen Euro. Jetzt streitet er vor Gericht mit der französischen Großbank BNP Paribas in einer sogenannten offenen Teilklage darum, die erste Million ausgezahlt zu bekommen; um die weiteren will er sich später kümmern.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Fall ist ebenso spektakulär wie bizarr. Wie kann in einer Bank ein Fehler in dieser Größenordnung auftauchen, ohne dass es jemandem auffällt? Was sind das für seltsame Wertpapiere, bei deren Handel so etwas passiert? Und nicht zuletzt: Was ist das für ein Mann, dem so etwas widerfährt – und was macht jemand, der plötzlich 163 Millionen Euro hat, mit all dem vielen Geld?

          Die letzte Frage macht dem 38 Jahre alten Börsenhändler, der früher bei der Citibank gearbeitet hat und seit drei Jahren selbständig ist, noch am wenigsten Sorgen. Er wohne im Moment noch zur Miete, deutet er, vielleicht lasse sich daran ja etwas ändern. Außerdem fügt er hinzu: „Was mir immer wieder durch den Kopf geht, ist, einen Großteil davon zu spenden – ab einer gewissen Summe macht Geld ja nicht mehr glücklich.“

          Erst einmal aber muss er den dreistelligen Millionenbetrag haben. Er selbst ist zwar fest davon überzeugt, dass ihm das Geld zusteht. Aber die Bank, die mit ihrer Verteidigung die renommierte Großkanzlei Linklaters beauftragt hat, sieht das offenbar anders. In einem Schreiben kündigt Linklaters-Anwalt Christian Schmitt an, die Bank werde beantragen, die Klage von Armin S. auf Erfüllung des Geschäfts oder alternativ die Zahlung von Schadenersatz „kostenpflichtig abzuweisen“.

          Gegen die Großkanzlei Linklaters

          Worum geht es? Armin S. erzählt, vor rund zwei Jahren habe er die 3000 nicht näher spezifizierten Zertifikate mit der Wertpapierkennnummer „AA2GDQ“ gekauft, und zwar für 108,80 Euro das Stück. Er schloss das Geschäft im außerbörslichen Handel ab, „over the counter“ (OTC), wie die Börsianer sagen. Das war an einem Freitag. Erst nach sechs Tagen, so erzählt er, als er noch einmal – diesmal über die Börse – zwei weitere der Zertifikate zum Preis von 108,62 nachkaufen wollte, sei der Börse aufgefallen, dass da etwas nicht stimmen könnte. Kurze Zeit später habe die BNP das Geschäft angefochten und gesagt, das Zertifikat sei 54.000 Euro wert und es müsse ein Fehler vorliegen.

          Der Preis, der also an jenem Freitag im System stand, soll falsch gewesen sein. Dabei hatte die Bank ihm das Geschäft zunächst sogar noch ausdrücklich per Mail bestätigt, wie er sagt.

          Wann wurde der „Mistrade“ bemerkt?

          Solche Geschäfte, die auf Fehlern beruhen, „Mistrades“ genannt, gibt es im Handel wohl öfter – nicht unerheblich ist aber anscheinend, wann sie korrigiert werden. Armin S. jedenfalls vertritt die Ansicht, die Bank hätte einen Mistrade spätestens bis zum nächsten Börsentag, dem Montag, 11 Uhr, melden und korrigieren müssen. Um seine Position zu stützen, hat er zusätzlich zur Klageschrift der auf Kapitalmarktrecht spezialisierten Anwaltskanzlei Bögelein & Dr. Axmann auch noch ein 80-seitiges Rechtsgutachten bei dem Gießener Rechtsprofessor Jens Ekkenga in Auftrag gegeben, das im Ergebnis seine Rechtsposition untermauern soll.

          Bei der Deutschen Börse schildert man die Problematik mit den Mistrades so: Es gebe in der Tat bestimmte Fristen, bis zu denen Fehler im Zertifikatehandel gemeldet werden müssten. Wenn es sich um ein Geschäft gehandelt hätte, das über die Börse abgewickelt wird, müssten solche Fehler innerhalb von zwei Stunden gemeldet werde. Bei außerbörslichen OTC-Geschäften, wie in diesem Fall, sei hingegen jeder Broker frei, mit dem Emittenten des Wertpapiers eigene Regeln zu vereinbaren, die dann auf der Internetseite veröffentlicht würden. Es sei zumindest nicht ungewöhnlich, dafür die Frist bis 11 Uhr am nächsten Börsentag festzusetzen.

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