27.04.2009 · Conergy war der Star der Branche. Doch jetzt zerbricht die Firma an ihrem wilden Wachstum. Und die Gründer liegen im Clinch.
Von Nadine Oberhuber und Christian SiedenbedelWenn sich zwei Könige streiten, können sie schon mal ein ganzes Reich dabei zugrunde richten. Und es sieht so aus, als ob den beiden Chefs von Conergy das bald gelungen ist. Spätestens seit klar ist, dass sie ihren Streit vor Gericht austragen wollen: Es geht um mehr als einen Familienzwist im Firmenkomplex. Es geht um Milliarden.
Und es ist schon jetzt ein Drama. Denn einer der größten Solarkonzerne Europas - nach Marktwert - steht am Abgrund. Der ehemals größten muss man inzwischen sagen. Denn seit der Streit entbrannt ist, sind Milliarden Euro an Firmen- und Aktienwert in Rauch aufgegangen. Megawatt oder Megapleite - das ist jetzt die Frage.
Gemischtwaren statt Greentech
Anfangs sah es so aus, als stritten sich die beiden Sonnenkönige nur um die richtige Strategie fürs Geschäft: Ex-Vorstand Hans-Martin Rüter ist ein engagierter, stets braungebrannter Macher. Und er will alles. Er wollte den ganz großen grünen Konzern schaffen. Einen, der nicht nur die Kraft der Sonne ausnutzt, sondern auch den Wind und andere Lüftchen: Mit Solarzellen beginnt das Geschäft, bevor Rüter in Windturbinen, Biogas- und Biomasse-Anlagen investiert. Am Ende kauft er weltweit schneller Firmen zusammen, als sich die Windräder drehen und all die Unternehmensteile Kapital aufbauen können. „Er verzettelt sich total und verliert den Überblick“, sagen Insider.
Heraus kommt kein Greentech-Konzern von Weltformat, sondern ein ökologischer Gemischtwarenladen, der weiter wuchern soll, dem aber das Geld fehlt. Um das Wachstum zu finanzieren, hat sich Rüter viel zu stark von Banken und Krediten abhängig gemacht. Noch im September 2007 ist der Vorstand sicher: Conergy wächst, wird 2008 eine Milliarde Euro Umsatz machen. Doch schon vier Wochen später sieht alles ganz anders aus. Er meldet satte Verluste. Das ist der Moment, in dem ihn der Aufsichtsrat entmachtet, um Conergy wieder zurück auf Kurs zu bringen. Zur Sonne.
Ungeschickte Revolutionäre
Pikant am Putsch: Es ist nicht irgendein Aufsichtsratchef, der Hans-Martin Rüter absetzt, sondern sein Onkel. Dieter Ammer, 58 Jahre alt und ein Bremer Sturkopf. Er hat die Firma mit Rüter gegründet und den Kurs des Neffen lange abgenickt, erzählen Beobachter. Aber 2007 war Schluss.
Noch brisanter ist: Ammer versucht zwar, den Konzern mit einem rigorosen Sanierungskurs zurück in die Gewinnzone zu bringen, beweist dabei aber ebenso wenig Geschick. Dabei ist er ein versierter Manager: Er hat schon in den 90er Jahren aus einer Handvoll Zuckerrübenbauern das Unternehmen Nordzucker geschmiedet, hat die Brauerei Beck's für Milliarden an den belgischen Konzern Interbrew verkauft und stieg anschließend in den Vorstand der Tchibo-Holding auf. Aber da endet die Zeit seiner souveränen Regentschaft.
Die Sonne ist nicht Bier und Kaffee
Und auch in der Solarbranche sieht er mehr Schatten als Licht: Er verheizt schnell den Vorstand, den er an Stelle seines Neffen eingesetzt hat, und macht sich selber zum Chef. Daraufhin tritt eine ganze Führungsriege hochrangiger Manager ab, ganze Abteilungen verlassen die Firma. Ihr Vorwurf: Der Sanierer Ammer versteht vielleicht, worauf es beim Bierbrauen und Kaffeerösten ankommt, weiß aber nicht die Bohne, wie das Solargeschäft funktioniert. Ammer rettet das Unternehmen zunächst, indem er Millionen aus seinem eigenen Geldbeutel zuschießt und auch seinen Freund, den Unternehmer Otto Happel von Gea, als Großaktionär gewinnt.
Heute sitzt Conergy auf einer halben Milliarde Euro Verlust, die angepeilten Umsätze sind vom Winde verweht. Wie soll die Firma jetzt noch ihre geplanten neuen Solaranlagen finanzieren? Es gibt aber eine Stelle, an der noch Geld zu holen ist: beim Ex-Vorstand Rüter, der nach dem Börsengang von Conergy rund 26 Millionen Euro einstrich.
Skandal-Aktie
Damit wird der Fall endgültig zum Drama: Nun verklagt nämlich der Onkel den Neffen - obwohl der Ex-Aufsichtsrat die Entscheidungen des Ex-Chefs mit abgesegnet hat. Und obwohl er dem Neffen nach dessen Rauswurf einen hochdotiertem Beratervertrag gönnte, monieren Anlegerschützer. Zerrt Ammer Rüter nun vorauseilend vor Gericht, damit Aktionäre dem Aufsichtsrat später nicht vorwerfen können, er habe nicht gehandelt? Oder vermutet er Fehlverhalten?
Der Vorwurf lautet: Rüter habe als Vorstand Missmanagement betrieben. Und womöglich Bilanzierungsfehler? Es hätten sich „Anhaltspunkte für mögliche Sorgfaltspflichtverletzungen ergeben“, heißt es offiziell. Es gibt Branchenkenner, die sagen, Conergy werde der erste große Skandal der New-Energy-Branche, so wie es EM.TV in der New Economy war: Der Filmrechtehändler hatte sich auch verzettelt, war unkontrolliert gewachsen, hatte große Zahlen prognostiziert. Erst nach Jahren klärten die Gerichte, dass die Haffa-Brüder als EM.TV-Gründer falsche Zahlen herausgegeben und Insidergeschäfte mit Aktien getätigt hatten.
Drei Könige bei Conergy
Ob sich die Vorwürfe gegen Rüter halten lassen, ist schwer zu sagen. Das liegt daran, dass die Solarbranche in vielen Fragen ihre eigenen Gesetze hat (vgl. Solarworld & Co. stoßen an ihre Grenzen): Wie ein Vorstand geplante, noch nicht im Bau befindliche Solarparks bilanziert, ist ein ewiger Streitpunkt. Ob er sich langfristige Lieferverträge sichern sollte, ein weiterer. Rüter selbst wehrt sich gegen alle Vorwürfe und kündigt nun rechtliche Schritte gegen seinen Onkel an. Damit ist das Trauerspiel perfekt. Schon jetzt werfen Aktionärsvertreter den heutigen Firmenlenkern „mangelnden Aufklärungswillen“ vor und unken, „dass es im Ergebnis wohl keine Schuldigen geben dürfte“.
Der nächste Akt des Dramas zeichnet sich schon ab: Nachfolger von Jetzt-Chef Ammer soll Andreas von Zitzewitz werden, der schon beim Chiphersteller Infineon rausflog, weil er über eine Schmiergeldaffäre stolperte. Nur sein rasches Geständnis half Zitzewitz damals, eine Gefängnisstrafe abzuwenden. Nun gibt es drei Könige bei Conergy. Das aber, so viel ist sonnenklar, ist nicht nur einer zu viel.
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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