Oklahoma ist weit von der Wall Street entfernt. Aber Analysten und Investoren im Finanzzentrum New York haben in den vergangenen Wochen mit wachsender Aufmerksam die Vorgänge in Oklahoma City verfolgt, wo Chesapeake Energy, der zweitgrößte amerikanische Erdgasproduzent seinen Hauptsitz hat. Das Unternehmen steht einerseits wegen der gefallenen Erdgaspreise geschäftlich unter Druck. Dazu macht Chesapeake mit Nachrichten über das Geschäftsgebaren des Vorstandsvorsitzenden Aubrey McClendon Schlagzeilen, das manche Anleger an Wild-West-Methoden erinnert.
Verkäufe sollen Geld in die Kasse spülen
Chesapeake ist mit 12,6 Milliarden Dollar hoch verschuldet und muss derzeit unter Druck Teile seines großen Landbesitzes mit Öl- und Gasvorkommen veräußern, um ausreichend Barmittel zu generieren. Die regulären Zuflüsse aus dem Gasgeschäft haben wegen der gesunkenen Rohstoffpreise deutlich abgenommen. „Das Geschäftsmodell von Chesapeake ist angespannt, weil sie Vermögenswerte zu Geld machen wollen, um den Verschuldungsgrad zu senken“, sagte Analyst Jeffrey Robertson von der Bank Barclays, nachdem das Unternehmen kürzlich einen Quartalsverlust ausgewiesen und die Erwartungen der Wall-Street-Auguren enttäuscht hatte.
„Wir sind weiter optimistisch, dass Käufer für die Vermögenswerte auftreten werden, um die Finanzierungslücke zu schließen“, sagte Robertson, der sein Kursziel für die Chesapeake-Aktie aber von 27 auf 20 Dollar reduzierte. Der Aktienkurs des Unternehmens ist in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 50 Prozent gefallen und notiert aktuell etwas unter 14 Dollar. Damit kommt Chesapeake nur noch auf einen Börsenwert von etwas mehr als 9 Milliarden Dollar. Der Kurs des Energieriesen Exxon Mobil, des größten amerikanischen Produzenten von Erdöl und Erdgas, ist im gleichen Zeitraum dagegen leicht um etwas mehr als 2 Prozent gestiegen - obwohl auch das Geschäft von Exxon Mobil unter den niedrigen Gaspreisen leidet, die nahezu auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren gefallen sind. Der warme Winter hatte die Nachfrage nach Erdgas gedrückt, dessen Preise ohnehin unter einem Überangebot leiden.
„Die geschäftlichen Sitten stammen aus dem Wilden Westen“
McClendon, der Chesapeake 1989 mit einem inzwischen ausgeschiedenen Geschäftspartner gegründet hatte, geriet in den vergangenen Wochen auch wegen fragwürdiger Privatgeschäfte ins Gerede. Die Nachrichtenagentur Reuters fand heraus, dass McClendon eigene Beteiligungen an Förderstellen von Chesapeake als Sicherheiten für Kredite von mehr als einer Milliarde Dollar nutzte, ohne dass Aktionäre darüber informiert waren. Mit den Krediten finanzierte McClendon wiederum die Betriebskosten, für die er wegen der Beteiligung an den Bohrstellen aufkommen muss. Die Darlehen wurden teilweise von Beteiligungsgesellschaften gewährt, die Geschäfte mit Chesapeake machten. Es wurde zudem bekannt, dass McClendon von 2004 bis 2008 neben seiner Tätigkeit als Vorstandschef einen 200-Millionen-Dollar-Hedgefonds unterhielt, der Wetten im Rohstoffmarkt einging. Wie die Kredite wirft das Fragen nach potentiellen Interessenkonflikten auf.
Die Aktionäre von Chesapeake verloren auf der jüngsten Hauptversammlung im Mai die Geduld. McClendon wurde der Vorsitz des Verwaltungsrats entzogen. Damit soll die Aufsichtsfunktion dieses Gremiums über die Geschäftsführung gestärkt werden. „Ich glaube, die gesamte Geschäftsführung und der Verwaltungsrat müssen gesäubert werden“, sagte David Dreman, Verwaltungsratschef des Vermögensverwalters Dreman Value Management, nachdem die Milliardenkredite an McClendon bekannt wurden. „Chesapeake ist eines der führenden Unternehmen in der Branche, aber die geschäftlichen Sitten stammen aus dem Wilden Westen“. Die Börsenaufsicht SEC und die Steuerbehörde IRS haben mittlerweile mit informellen Ermittlungen begonnen. Und der als aggressiver Vertreter von Aktionärsinteressen bekannte Finanzier Carl Icahn soll nach Medienberichten einen Einstieg bei Chesapeake erwägen.
Dabei ist es nicht das erste Mal, dass der Milliardär McClendon, der auch am Profibasketball-Team von Oklahoma City beteiligt ist und eine Sammlung teurer französischer Weine besitzt, wegen privater Geschäfte negative Schlagzeilen macht. Vor vier Jahren war er angesichts hoher Kursverluste in Folge der Finanzkrise gezwungen, eine große Position Chesapeake-Aktien zu verkaufen, die er auf Pump erworben hatte. Das trug in dem Jahr zu einem Kurseinbruch der Papiere um fast 90 Prozent bei. Monate später erhielt McClendon dennoch ein Vergütungspaket von 112 Millionen Dollar, was ihn damals zu einem der bestbezahlten Vorstandschef in Amerika machte.
