22.04.2002 · Die Grenzen der Charttechnik sind in Krisenzeiten schnell erkennbar. Wie der Charttechniker damit umgeht, erklärt Thomas Bopp.
Von Thomas Bopp, CMT-CharttechnikerCharts zu lesen ist eine Art Kunst und keine Wissenschaft. Es lauern viele Fallen, die dem Investor das korrekte Lesen der historischen Kursbilder erschweren. Wie jede Form der Kapitalmarktanalyse hat auch die Charttechnik ihre Grenzen.
Wer sich lange genug mit den Aktienmärkten beschäftigt hat, der hat bestimmt schon oft Ereignisse miterlebt, die alle vorher gemachten Bewertungsansätze zunichte machen. Seien es Unterstützungs- oder Widerstandslinien, Aufwärts- oder Abwärtstrends, alles wird durchbrochen - nichts funktioniert mehr.
Unerwartete Ereignisse zerstören Trends
Dynamische, unerwartete Ereignisse können jeden über lange Zeit aufgebauten Trend ohne vorherige Warnung zunichte machen. In diese Kategorie fallen Kriegsängste - man denke an die Ereignisse des 11. September - oder unerwartete Aktionen von Regierungen. Sie ändern das komplette Verhalten der Kapitalmarktteilnehmer von einem auf den anderen Tag.
Chart-Analyse basiert auf der Untersuchung von Markt-Psychologie, und es ist Unsinn zu glauben, dass alle und wirklich alle Ereignisse in den Charts zu sehen sind, bevor diese auftreten. Meist passieren diese unerwarteten Ereignisse just zu einem Zeitpunkt, wenn fast alle Marktteilnehmer die gleiche Meinung haben oder die entsprechende Aktie an einer wichtigen Unterstützung angekommen ist und Anleger im entsprechenden Wert neue Positionen aufbauen. Zu allem Unglück kommt meist gerade dann dazu, wenn die Börse geschlossen ist, so dass ein Anleger nicht mehr darauf reagieren kann.
Selbst die besten Charts werden durch solche Vorkommnisse zerstört und selbst der erfahrene Charttechniker muss abwarten, bis sich wieder ein klares Bild ergibt.
Rücktritt eines Politikers
In den vergangenen Jahren konnte man einige dieser Ereignisse am eigenen Leib miterleben. Ein Beispiel ist der Rücktritt des deutschen Finanzministers nach Börsenschluss des 11. März 1999. Im Chartbild des Dax dieser Zeit ist ein Kurssprung von mehr als 300 Punkten zu sehen. Zur damaligen Zeit war alle Welt sehr negativ für deutsche Aktien eingestellt - man rechnete mit längerfristig sinkenden Kursen. Der Dax befand sich in einem seit Jahresbeginn bestehenden Abwärtstrend.
Als dann die Rücktrittserklärung kam, wussten die Marktteilnehmer nicht mehr, wie sie das Ganze einordnen sollten. Konsens war, dass ein Nachfolger sein Amt besser oder zumindest nicht schlechter beherrschen würde als der Rücktrittskandidat. Es zeichnete sich also ein Verbesserung der Zukunftsaussichten ab. Gleichzeitig waren die Marktteilnehmer in Erwartung sinkender Kurse unterinvestiert. Als dann zu Börsenbeginn dieser Kurssprung von mehr als sechs Prozent kam, mussten die Großanleger kaufen. Im gleichen Boot saßen kurzfristige Trader, die Positionen im Dax-Future nur für ein oder zwei Tage hielten und in „südlicher Richtung“ positioniert waren. Jeder Punkt nach oben kostete sie richtig Geld. Hier sorgten Order zur Verlustbegrenzung und Zwangsliquidationen für weitere Schubkraft.
Putschversuch in Moskau
Das gleiche Phänomen konnte 1998 beim Putschversuch in Russland festgestellt werden. Der Dax schloss am Abend des 27. Oktober 1998 noch über einer Unterstützungslinie - aber über Nacht kamen schlechte Nachrichten aus Russland. Die Börse schaut immer in die Zukunft und beschwor durch dieses weltbewegende Ereignis schlechte Zeiten herauf. Man wollte vorsichtshalber an der Seitenlinie warten, bis sich herauskristallisiert, wie es weitergeht. Ein Kursrutsch im Laufe des folgenden Tages von fast zehn Prozent zeigt diese Meinungsänderung der Marktteilnehmer. Als am Abend des gleichen Tages der Putschversuch im Sande verlief, reagierte man am in der folgenden Sitzung erneut und kaufte die zuvor verkauften Werte für das Depot zurück. Auch hier sollte der Einfluss der oben erwähnten Futures-Trader nicht gering eingeschätzt werden.
Fazit: Unerwartete Ereignisse sind, ob gut oder schlecht, immer ein Greuel für Investoren. Sie werfen die gesamte Markteinschätzung zumindest für kurze Zeit über den Haufen. Da sie sich trotz aller Vorsicht weder voraussehen noch vermeiden lassen, sollte der Anleger nur mit Geld spekulieren, das er nicht benötigt - und zwar für mehrere Jahre.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |