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Brexit-Auswirkungen : Es steht schlecht um das Pfund

Wieder günstiger: Das schwache Pfund macht die London-Reise billiger. Bild: dpa

Das Pfund fällt auf seinen tiefsten Stand seit 2009. Der Euro hingegen profitiert von starken Konjunkturdaten. Über den Brexit-Kurs wird weiter spekuliert.

          „Der Aufschwung ist noch nicht zu Ende“, konstatiert die Bayerische Landesbank. Ihre Diagnose bezieht sich auf die Aussichten der Wirtschaft in der Eurozone, nachdem am Mittwoch unerwartet starke Daten zur Stimmung der Unternehmen veröffentlicht wurden. „Im August haben sich in der Industrie vor allem die Exportaufträge stark positiv entwickelt“, heißt es in der Bayern LB: „Ein Bild, welches sich sowohl im Euroraum insgesamt als auch in den beiden großen Ländern, Frankreich und Deutschland, zeigte. Damit stieg der Auftragsbestand in der Währungsunion so deutlich wie zuletzt vor elf Jahren, was auf mehr und mehr ausgelastete Kapazitäten hindeutet.“ Die gute Entwicklung der Exportaussichten hat viele Analysten angesichts der Aufwertung des Euros besonders überrascht.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Die Veröffentlichung der Konjunkturdaten führte zu einer Aufwertung des Euros am Devisenmarkt gegenüber einer Vielzahl von Währungen – darunter auch im Vergleich zum Pfund, gegenüber dem der Euro so hoch notierte wie zuletzt im Jahre 2009. Ein Grund ist in einer unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung zu sehen. Zwar ist die britische Wirtschaft nach dem Brexit-Votum nicht, wie von Pessimisten vorhergesagt, in eine Rezession gefallen.

          Aber die Inflationsrate hat seitdem deutlich zugelegt und kratzt an der Marke von 3 Prozent. Damit liegt sie über der Zielmarke der Bank von England von 2 Prozent, aber dennoch bleibt am Devisenmarkt die Ansicht verbreitet, dass die Bank von England mit Blick auf die Konjunktur ihre Geldpolitik in absehbarer Zeit noch nicht straffen wird.

          Britisches Wirtschaftswachstum steuert auf Nulllinie zu

          Denn auch wenn sich Großbritannien nicht in einer Rezession befindet, so ist die Situation nach einer Analyse der schweizerischen Großbank UBS schwierig. „Die Verfassung der britischen Wirtschaft könnte schlechter sein, als sie auf den ersten Blick aussieht“, lautet die Schlussfolgerung. Nehme man kurzfristige Schwankungen aus den Daten heraus, habe sich das Wirtschaftswachstum seit Jahresbeginn deutlich verlangsamt; es dürfte sich in der nahen Zukunft der Nulllinie annähern.

          Auf dem Kurs der britischen Währungen lasten weiterhin Ungewissheiten über den Verlauf der Brexit-Verhandlungen. In einem neuen Strategiepapier schlägt die britische Regierung in Rechtsfragen sanfte Töne an. So soll mit dem Austritt aus der Europäischen Union zwar die Unterwerfung unter den Europäischen Gerichtshof enden, aber in einer künftigen Kooperation mit der Europäischen Union sollen Entscheidungen des Europäischen Gerichtshof auf eine noch zu definierende Art und Weise Berücksichtigung finden. Doch trotz aller Strategiepapiere bleibt für viele Teilnehmer am Devisenmarkt immer noch unklar, wie der Austritt Großbritanniens aus der Union verlaufen wird.

          Gleichwohl gilt eine weitere deutliche Abwertung der britischen Währung nicht als zwingend. Viele Anleger fühlten sich zwar mit Spekulationen auf eine Fortsetzung des Trends wohl, aber allmählich sei Vorsicht geboten, heißt es in der französischen Großbank Crédit Agricole. Denn mittlerweile sehe das Pfund sowohl gegenüber dem Euro wie gegenüber dem Dollar unterbewertet aus. Die Analysten der dänischen Großbank Danske halten in den kommenden Monaten noch eine „moderate Abwertung“ des Pfunds zumindest bis zum nächsten Parteitag der regierenden Konservativen Partei für denkbar.

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          Unterdessen ist es in Großbritannien zu einer schweren Auseinandersetzung zwischen Ökonomen gekommen, nachdem eine Gruppe unter Führung des Makroökonomen Patrick Minford nach einem Brexit einen Zuwachs der britischen Wirtschaftsleistung um 135 Milliarden Pfund, entsprechend 7 Prozent des BIP, prognostizierte. Die Gruppe sieht erhebliche Gewinne aus mehr Freihandel, einer künftigen „pragmatischeren“ Regulierung, und sie sieht in der Abwertung des Pfunds einen Motor, der für ein nachhaltigeres Wirtschaftsmodell sorgen werde.

          Als andere britische Ökonomen die Einschätzung Minfords als „ökonomischen Selbstmord“ kritisierten, rastete der streitbare Mittsiebziger in einem Fernsehgespräch aus, in dem er andersdenkende Ökonomen als von Brexit-Gegnern „gekaufte Leute“ bezeichnete. Vor ein paar Monaten hatte Minford Schatzkanzler Philipp Hammond einen „ökonomischen Analphabeten“ genannt.

          Quelle: F.A.Z.

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