Die Türkei hat in den vergangenen Jahren beachtliche volkswirtschaftliche Fortschritte erzielt. Aber auch wenn die Momentaufnahme noch so positiv ausfällt, schwingt bei Beobachtern wegen etlicher negativer Erfahrungen stets eine gewisse Skepsis mit.
Geprägt ist diese Haltung dadurch, daß sich das Land in der Vergangenheit nach prosperierenden Phasen regelmäßig immer wieder selbst ein Bein gestellt hat. Das bisher letzte Mal, als das passierte, ist noch nicht so lange her. Wie sich alle Beteiligten noch mit Schrecken erinnern, schrumpfte das Bruttoinlandprodukt im Jahr 2001 um 8,5 Prozent.
Wie damals hat die Türkei auch jetzt wieder mit großen Problemen im Außenhandel zu kämpfen. Das Leistungsbilanzdefizit ist im Vorjahr um 47 Prozent auf 22,9 Milliarden Dollar gestiegen und erreichte auch gemessen am BIP einen Rekordwert von 6,5 Prozent. Angesichts der Historie rufen solche Zahlen natürlich einen gewissen Argwohn hervor. Zumal der seit Anfang 2004 gegenüber dem Euro um rund 14 Prozent gestiegene Wert der Lira der Exportwirtschaft zusehends das Leben erschwert.
Beeindruckende Erfolge im Kampf gegen die Inflation
Und in der Tat muß das bestehende Ungleichgewicht im Außenhandel dringend bekämpft werden, um bei plötzlich auftretenden externen Schocks nicht wieder in einen Abwärtssog gezogen zu werden. Trotz dieser Mängel finden sich aber auch viele Argumente, die es erlauben, der Türkei ein gutes volkswirtschaftliches Zeugnis auszustellen. Mit am eindrucksvollsten lassen sich die in den vergangenen Jahren erzielte Fortschritte anhand der Inflationsentwicklung belegen. Ist es doch gelungen, die Teuerung, die sich im Jahr 2001 auf 68,5 Prozent belief, im Jahr 2005 auf nur noch 7,7 Prozent zu drücken.
Das somit erreichte tiefste Niveau seit 37 Jahren erlaubte es der Notenbank gleichzeitig, die Leitzinsen seit August 2001 bisher 28 Mal auf 13,5 Prozent zu senken. Und wenn alles gut geht, könnte der Zinssenkungszyklus im Laufe des Jahres 2006 eine Fortsetzung finden. In den vergangenen drei Monaten ist die Inflation zwar jeweils auf einen Januarwert von 7,9 Prozent gestiegen. Doch im weiteren Jahresverlauf wird mit wieder einer rückläufigen Inflationsrate gerechnet, und das von der Notenbank für das Jahresende vorgegebene Zielband beträgt 4,7 bis 6,3 Prozent.
Staatsverschuldung erfüllt inzwischen das Maastricht-Kriterium
Nicht zuletzt wegen der hohen Ölpreise besteht zwar erstmals seit 2001 die Gefahr einer Verfehlung der eigenen Zielvorgabe bei der Inflation. Von den Zeiten einer galoppierenden Inflation ist das Land derzeit aber weit entfernt. Eine erfreuliche positive Wirkung haben die gesunkenen Zinsen auch auf das Staatsbudget gehabt. Der im Vorjahr beim Haushaltsdefizit gemessen am BIP erreichte Wert von zwei Prozent lag nicht nur tiefer als erwartet, sondern unterschritt auch das von der EU im Rahmen der Maastricht-Kriterien vorgegebene Haushaltsdefizit von maximal drei Prozent des BIP.
Bei der Würdigung des Vorjahreswertes sollte man sich auch an die im Krisenjahr 2001 registrierte Quote von 16 Prozent erinnern. Wissen sollte man zudem auch, daß ohne Berücksichtigung von Zinszahlungen auf die Staatsschuld 2005 ein Primärüberschuß im Haushalt von 35,9 Milliarden türkische Lira erzielt wurde. Ob sich hier die Fortschritte fortsetzen werden, hängt jetzt aber ganz wesentlich davon ab, welche Regelungen bei der Defizitbekämpfung in den staatlichen Sozialversicherungssystemen gefunden werden. Da aber spätestens 2007 Wahlen anstehen, dürfte die schnelle Durchsetzung unpopulärer Einsparmaßnahmen schwer durchsetzbar werden.
Erfreulich hat sich im übrigen auch die Konjunktur entwickelt, ist die inzwischen rund 350 Milliarden Dollar große Volkswirtschaft (hinzu kommt eine Schattenwirtschaft, deren Umfang auf bis zu 60 Prozent des BIP veranschlagt wird) seit 2002 doch mit einer jährlichen Rate von sieben Prozent gewachsen.
Dafür, daß die Türkei anders als früher auch künftig auf dem Pfad der Tugend bleibt, sprechen gleich zwei wichtige Stabilitätsanker. Gemeint sind damit das Beistandsabkommen mit dem Internationalen Währungsfonds und die im Oktober aufgenommenen EU-Beitrittsverhandlungen. Denn um sich den Weg zur EU nicht selbst zu verbauen, muß die Türkei langfristig makroökonomische Disziplin an den Tag legen und in ihren Reformanstrengungen nicht nachlassen.
Bevölkerungswachstum erschwer Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
Welche Fortschritte das Land inzwischen in Sachen Liberalisierung erzielt hat, wird unter anderem an der positiven Entwicklung bei den ausländischen Direktinvestitionen sichtbar. Begünstigt durch Privatisierungen und dem regen Interesse ausländischer Unternehmen am Kauf türkischer Firmen verdreifachten sich diese im Vorjahr von 2,85 Milliarden auf 9,65 Milliarden Dollar. Zusammen mit den umfangreichen Käufen der Ausländer am türkischen Aktien-, Anleihen- und Immobilienmarkt tragen die Direktinvestitionen zur Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits bei. Und mit der Annäherung an die EU und den damit verbundenen Zuflüssen an Kapital sollte sich daran bis auf weiteres auch nichts ändern.
Gefährlich könnte es allerdings werden, wenn der Risikoappetit der Anleger auf Anlagen aus Schwellenländern abrupt enden sollte. Aber auch davon ist momentan nichts zu spüren. Das heißt aber nicht, daß die Türkei keine Hausaufgaben mehr zu erledigen hätte. Dazu gibt es überhaupt keine Veranlassung, lebt doch trotz aller auch bei dieser Statistik erzielten Verbesserungen noch immer jeder vierte Türke unterhalb der Armutsgrenze. Und um die mit einem Wert von über zehn Prozent noch immer hohe Arbeitslosenrate zu drücken, ist das Land wegen des starken Bevölkerungswachstums auf ein jährliches Wachstum von mindestens sechs Prozent angewiesen.
Die Regierung dürfte deshalb alles daran setzen, das Wirtschaftswachstum hoch zu halten. Schließlich spielen auch in der Türkei wirtschaftliche Überlegungen eine wichtige Rolle bei der Stimmenvergabe. Zusammen mit den Stabilitätsankern IWF und EU spricht dies auch im laufenden Jahr für eine positive Entwicklung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Türkei. Und das wiederum ist die beste Voraussetzung, um die Börsianer bei Laune zu halten und weitere Gelder an die türkischen Finanzmärkte zu locken.
