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Börse Merck-Debakel schreckt Pharma-Aktionäre

02.10.2004 ·  Grundsätzlich gilt die Pharmabranche als vergleichsweise konjunkturrobust und damit als solide Anlage. Wie riskant eine Investition in Pharma-Wertpapiere jedoch sein kann, zeigt der Fall Merck.

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Das Debakel des amerikanischen Pharmakonzerns Merck & Co. um das zurückgezogene Schmerzmittel Vioxx hat es wieder gezeigt: Die vermeintlich sichere Wette auf Pharmaaktien kann sich von einem Tag auf den nächsten zu einer hochriskanten Anlage entwickeln.

Merck, der bis vor vier Jahren größte amerikanische Pharmakonzern, galt an der Börse einmal als ein Witwen- und Waisenpapier. Nun ist der Aktienkurs innerhalb eines Tages um 27 Prozent abgestürzt, das Unternehmen verlor 27 Milliarden Dollar an Börsenwert. Das ist deutlich mehr als die gesamte Marktkapitalisierung des größten börsennotierten deutschen Pharmakonzerns Bayer. Der Konzern aus Leverkusen ist mit solchen Abstürzen selbst wohlvertraut. Im Spätsommer 2001 nahm das Unternehmen den Cholesterinsenker Lipobay vom Markt, die Aktie verlor innerhalb eines Tages mehr als 17 Prozent an Wert.

Gefährliche Pharmaaktien

Grundsätzlich gilt die Pharmabranche als vergleichsweise konjunkturrobust und damit als solide Anlage. Schließlich werden Menschen in guten wie in schlechten wirtschaftlichen Zeiten krank und behandlungsbedürftig. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich die Branche in ihrer Gesamtheit fast immer parallel zum Gesamtmarkt entwickelt: Der Branchenindex Dow Jones Healthcare gewann in dieser Zeit 9 Prozent an Wert, der Standard & Poor's 500 legte um 11 Prozent zu.

Bei einzelnen Pharmaaktien gibt es indessen immer die Gefahr eines dramatischen Absturzes. Dies ist am deutlichsten zu sehen, wenn wie jetzt ein etabliertes Medikament vom Markt genommen wird und damit auf einmal Milliardenumsätze wegbrechen. Große Kurseinbrüche gibt es aber auch regelmäßig dann, wenn ein Unternehmen Rückschläge bei der Entwicklung von Medikamenten hinnehmen muß, die gerade in klinischen Studien getestet werden und noch nicht auf dem Markt sind. Der Börsenwert eines Pharmaunternehmens definiert sich schließlich in hohem Maße über die Qualität des Nachschubs an Medikamenten, der sogenannten Pipeline. Auch die Ablehnung der Zulassung eines Medikaments durch Gesundheitsbehörden wie die amerikanische FDA kann über Jahre aufgebaute Kursgewinne innerhalb eines Tages zunichte machen.

Schreckensereignis könnte Unternehmen zu einschneidenden Kursänderungen zwingen

Die Merck-Aktie war schon vor dem Kurseinbruch am Donnerstag, gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, billiger als der Branchenschnitt und ist dies nun um so mehr. Ob dies eine Kaufgelegenheit für die Aktie bietet, ist allerdings zweifelhaft. Merrill-Lynch-Analyst David Risinger meint, ein Schreckensereignis wie dieses könnte Unternehmen zu einschneidenden Kursänderungen zwingen - also zum Beispiel im Fall Merck zum Zusammenschluß mit einem Wettbewerber wie Schering-Plough. Adam Greene von First Albany zeigt sich mit Blick auf mögliche Kursimpulse skeptischer und warnt vor vermeintlichen Schnäppchenkäufen.

Der Bayer-Fall hat auch gezeigt, daß der Rückzug eines Medikaments wegen möglicher schwerer Nebenwirkungen eine Aktie sehr lange anfällig für Kursausschläge macht. Die Bayer-Aktie hat in den Tagen nach dem Lipobay-Verlust weiter an Wert verloren und reagierte noch lange Zeit sehr sensibel auf Nachrichten im Zusammenhang mit Lipobay, insbesondere wenn es um Produkthaftungsklagen ging. So stürzte die Aktie noch Anfang vergangenen Jahres kräftig ab, als der erste Prozeß gegen Bayer in Texas begann. Letztlich scheint Bayer beim juristischen Nachspiel des Lipobay-Falls aber noch glimpflich davongekommen zu sein. Das Unternehmen hat den Prozeß in Texas überraschend deutlich gewonnen, für außergerichtliche Vergleiche wurden bislang rund 1,1 Milliarden Dollar bezahlt. Noch immer sind aber 7500 Klagen gegen das Unternehmen offen. Insgesamt notiert die Bayer-Aktie noch heute deutlich unter dem Wert vor der Lipobay-Affäre. Am Tag vor dem Rückruf lag der Kurs bei 40,87 Euro, heute kostet die Aktie rund 22 Euro.

„Äußerst ungewöhnliches Ereignis“"

Auch für andere Unternehmen wurde ein Rückruf zu einer langwierigen Angelegenheit. Der Pharmakonzern Wyeth (früher American Home Products) hat im September 1997 das Diät-Kombinationspräparat Fen-Phen vom Markt genommen, nachdem es mit Komplikationen an der Herzklappe sowie möglicherweise lebensgefährlichen Schädigungen der Lunge in Verbindung gebracht worden war. Wyeth hat insgesamt 16,6 Milliarden Dollar im Zusammenhang mit Produkthaftungsklagen zurückgestellt und davon rund 13 Milliarden Dollar ausgegeben. Die Summe kann wachsen, denn noch heute sind Tausende von Klagen gegen das Unternehmen anhängig.

Barbara Ryan von der Deutschen Bank wies allerdings in einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC darauf hin, daß solchen Tiefschlägen für Unternehmen auch Fälle gegenüberstehen, in denen Pharmakonzerne die Affäre mit einem blauen Auge überstehen. Mit Blick auf die Attraktivität der Pharmaindustrie an der Börse sagte sie, daß es sich bei dem Vioxx-Rückzug um ein äußerst ungewöhnliches Ereignishandelt. In der Tat ist Vioxx der - gemessen am Umsatz des Medikaments - größte Vermarktungsstopp in der Geschichte der pharmazeutischen Industrie.

Quelle: lid. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2004, Nr. 230 / Seite 19
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