Inmitten der EU-Schuldenkrise hat sich die deutsche Wirtschaft bisher als Fels in der Brandung erwiesen. Doch angesichts der EU-Schuldenkrise fragen sich viele Anleger, wie lange sich die deutsche Volkswirtschaft diesen Entwicklungen noch entziehen kann. Zumal die Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2011 bereits einen Gang zurückgeschaltet hat.
Doch der deutsche Aktienmarkt hat sich dadurch im neuen Jahr bisher nicht beirren lassen. Vielmehr präsentieren sich Dax & Co. nach einem schwachen Vorjahr in 2012 bislang in sehr guter Form. Und Hans-Jörg Naumer Leiter Kapitalmarktanalyse von Allianz Global Investors zeigt in einer aktuellen Studie einige überzeugende volkswirtschaftliche und bewertungstechnische Gründe auf, die vor einen Fortbestand dieses Kursaufschwungs sprechen.
Deutschland ist ein klarer Globalisierungsgewinner
So habe die deutsche Konjunktur zuletzt in Form des für die zukünftige Entwicklung aussagekräftigen ifo-Konjunkturklimaindex bereits wieder eine Stabilisierung, wenn nicht sogar eine Erholung signalisiert. Dadurch erweise sich Deutschland im europäischen Kontext weiterhin als ein Fels in der Brandung. Wobei dieser Status nicht nur durch die Position der Bundesrepublik als wichtigster Partner bei der Lösung der EU-Schuldenkrise sowie ein noch immer unangefochtenes Dreifach-A-Rating (beste Bonitätsstufe) untermauert wird, sondern auch durch eine robuste realwirtschaftliche Entwicklung.
Die Auftragslage sei stabil und die Industrieproduktion habe sich nach ihrem auf die Finanzmarktkrise folgenden Absturz in Deutschland nicht nur kräftiger erholt als in den europäischen Nachbarstaaten, sondern auch vergleichsweise gut behaupten können. Zu diesem Bild passe auch, dass sich das von Eurostat erhobene Verbrauchervertrauen ebenfalls besser entwickelt habe.
Laut Naumer verdankt Deutschland diese gute Form auch der Rolle als Globalisierungsgewinner, den das Land inne hat. Die Exportquote habe sich seit Anfang der 1990er Jahre mehr als verdoppelt und liege bei knapp 50 Prozent. Eine Exportquote von rund 50 Prozent bedeutet nichts anderes, als dass jeder zweite Euro der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung von den Exporten komme. Zum Vergleich: Die Exportquote der Volksrepublik China, die Deutschland als Exportweltmeister überrundet hat und mittlerweile zweitgrößte Ökonomie der Welt ist, kam zuletzt nur auf 25 Prozent. Sie habe allerdings vor Ausbruch der Finanzmarktkrise und dem damit einhergehenden Einbruch des Welthandels bei 35 Prozent gelegen.
Diese Entwicklung schlage sich entsprechend bei den Unternehmen nieder: Durchschnittlich 70 Prozent der Umsätze würden von den Dax-30-Unternehmen im Ausland erwirtschaftet. Bei den Werten von MDax seien es ebenfalls 70 Prozent, bei den SDax-Werten rund 50 Prozent. Wichtig ist dabei laut Naumer folgendes: Fast 30 Prozent der deutschen Exporte gehen in die Schwellen- und Entwicklungsländer (inklusive der BRIC-Staaten), während der Anteil der von Schulden geplagten „alten“ Welt latent an Bedeutung verloren hat. Beispielsweise flößen schon heute fast doppelt so viele Exporte von Deutschland in die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) wie nach Amerika (siehe Grafiken). Der Exportanteil Amerikas hat sich während der vergangenen Jahre etwa halbiert.
Während die gesamten Exporte in den vergangenen zehn Jahren nominal (also ohne Bereinigung um die Inflation) um rund 50 Prozent zugelegt hätten, hätten sich zum Beispiel die Exporte nach Russland vervierfacht. Die Ausfuhren nach China hätten sogar um den Faktor 5 zugelegt. Der Anteil der in den Euroraum abfließenden Güter liege mit leicht abnehmender Tendenz bei über 40 Prozent.
Lohnstückkosten entwickelten sich vorteilhaft
Zur globalen Stärke kommt laut Naumer eine innere Robustheit. So hätten sich die Lohnstückkosten seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre bis heute rückläufig entwickelt, während es bei Wettbewerbern wie Großbritannien, Italien und Spanien zu teilweise deutlichen Anstiegen gekommen sei. Lediglich im Nachbarland Frankreich hätten sich die Lohnkosten ähnlich günstig entwickelt.
Die gute Entwicklung der Lohnkosten helfe nicht nur im internationalen Wettbewerb, sie fördere auch den Beschäftigungsaufbau. Während in den europäischen Nachbarländern die Arbeitslosenquoten wie etwa in Portugal und Spanien zum Teil drastisch gestiegen seien (siehe Grafiken), sei die Arbeitslosigkeit in Deutschland weiter zurückgegangen und liege auf dem niedrigsten Stand seit 1992. Die Arbeitslosenquote sei dabei nicht frei von demografischen Effekten. So seien 2011 erstmalig mehr Personen aus dem Berufsleben ausgeschieden, als neue hinzu gekommen seien. Interessanter sei daher die Entwicklung der Erwerbstätigkeit. Diese sei über die vergangenen Jahre fast kontinuierlich gestiegen und erreiche ein neues Rekordhoch – fast unbeeindruckt von den beiden jüngsten Krisen. Eine Entwicklung, die sich auch bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zeige.
Die gute Beschäftigungsentwicklung scheint auch den inländischen Konsum zu stützen, so Naumer. Die Einzelhandelsumsätze würden stetig wachsen und das Konsumentenvertrauen liege fast wieder auf dem Niveau vor Ausbruch der Finanzmarktkrise (siehe Grafiken).
Auch scheine die Resistenz Deutschlands gegenüber externen Einflüssen hoch zu sein. Die Verschuldungsquoten der privaten Haushalte und des Unternehmenssektors seien im internationalen Vergleich gering. Genauer: Während in anderen Ländern die privaten Haushalte verschuldet seien, liege in Deutschland eine hohe relative Gesamtersparnis, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, vor. Die Sparquote selbst halte sich bei 11 Prozent. Und die Unternehmen wiesen eine solide Eigenkapitalquote aus. Auch bestehe keine vom Immobilienmarkt ausgelöste überhitzte Binnennachfrage, welche die Sorge um fallende (Wohn-)Immobilienpreise nähren könnte. Im Gegenteil – der Markt für Wohnimmobilien beginne jetzt erst in Gang zu kommen.
Moderate Bewertungsrelationen
Ergänzt wird das gute volkswirtschaftliche Umfeld nach Ansicht von Naumer auch durch vorteilhafte Bewertungsrelationen am Aktienmarkt. Ablesen lasse sich das an einigen wichtigen Bewertungskennzahlen. So seien die Bewertungen des deutschen Aktienmarktes gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und am Kurs-Buchwert-Verhältnis im historischen Vergleich moderat. Zu Beginn des Jahres 2012 habe das KGV auf Basis der für die nächsten 12 Monate zu erwartenden Gewinne unter 9 gelegen (siehe Grafiken). Verglichen mit dem Durchschnittswert der vergangenen 20 Jahre von 15 liege das deutlich darunter. Gleichzeitig habe das Kurs-Buchwert-Verhältnis zum Jahresauftakt moderate 1,2 betragen.
Trotzdem notiere der Dax noch deutlich entfernt von seinem Allzeithoch, während die Dax-Konzerne Rekordgewinne verzeichneten. Und diese Gewinne dürften nach Erwartung der von IBES befragten Analysten auch 2012 steigen (siehe Grafiken). Zudem verharre die Rendite deutscher Staatsanleihen mit Laufzeit 10 Jahre bei unter 2 Prozent, während die Dividendenrendite deutscher Aktien nahezu doppelt so hoch ausfalle.
Selbst die Finanzmarktkrise scheine dem Land Vorteile zu bringen: Die Rendite der Staatsanleihen, eine wichtige Leitfunktion für die Kreditkosten der Unternehmen, habe ein historisches Tief erreicht. Und die Euro-Schwäche fördere die Exporte. So sei zu erwarten, dass die deutsche Wirtschaft ohne Rezession durch die Krise komme und ein – wenn auch moderates – Wachstum erreiche.
Unter konjunkturell-zyklischen Aspekten erscheine Deutschland somit als Fels in der Brandung, der seine Globalisierungskarte und den Trumpf der Arbeitsmarktreformen ausspielen könne. Die globale Stärke treffe auf innere Robustheit, was der deutschen Ökonomie die Rezession ersparen sollte. Anleger, die sich für deutsche Aktien interessieren, erhalten global aufgestellte Qualitätstitel „made in Germany“, bilanziert Naumer.
Zusammengefasst:
Michael Arndt (Mikel1962)
- 10.02.2012, 10:26 Uhr
Es gibt einen ganz einfachen Grund, weswegen Aktien mittel- und
langfristig steigen werden
Gernot Meyer (gernot99)
- 10.02.2012, 10:25 Uhr
