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Börse Bombay Die Begeisterung schlägt in Sorge um

02.05.2006 ·  Der Aktienindex in Bombay steigt auf den höchsten Stand aller Zeiten. Doch die Mienen der professionellen Investoren verfinstern sich. Inzwischen warnt sogar der Börsenchef vor einer Überbewertung.

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Die Börse in Indien stieg am Dienstag auf ein Allzeithoch. Der führende Aktienindex BSE Sensex schloß 1,5 Prozent höher bei 12.219 Punkten. Dennoch verfinstern sich die Mienen der professionellen Investoren.

Nun rufen erstmals zwei der wichtigsten Akteure im indischen Finanzmarkt öffentlich zur Vorsicht auf: Der Börsenchef in Bombay (Mumbai) und der Chairman einer der führenden indischen Banken warnen im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung offen vor einer Überbewertung des Marktes und einem drohenden Crash. „Wenn Sie fragen, ob ich besorgt bin, kann ich nur sagen: ja“, meint Rajnikant Patel, Vorstandsvorsitzender (CEO) der Bombay Stock Exchange Ltd., der wichtigsten Börse Indiens.

Verdacht auf Insidergeschäfte bei Börsengängen

Sein Kommentar kommt nach einer Woche, die von extremer Volatilität und einem Skandal um Börsengänge geprägt war. Die Börsenaufsicht Securities and Exchange Board of India (Sebi) prüft nun den Kurseinbruch und die schnelle Erholung von mehr als 4 Prozent, den die beiden konkurrierenden Indizes BSE Sensex (Bombay Stock Exchange Sensitive Index) und S&P CSX Nifty der National Stock Exchange am Freitag hatten hinnehmen müssen.

Zuvor hatte die Aufsichtsbehörde 24 Aktienhandelshäusern die Arbeitslizenz entzogen, weil sie im Verdacht stehen, in Insidergeschäfte bei Börsengängen verwickelt zu sein. Erst ein Eingreifen von Finanzminister Palaniappan Chidambaram klärte Ungereimtheiten in der Sebi-Ankündigung, woraufhin der Index den Verlust nicht nur aufholte, sondern ins Plus schnellte.

„Die Bewertungen steigen ein bißchen zu schnell“

Erst am Donnerstag vor einer Woche hatte der 30 Aktien umfassende Sensex erstmals in seiner gut 130 Jahre alten Geschichte den Stand von 12.000 Punkten genommen. Zum Vergleich: Noch am 9. Dezember stand er erst bei 9.000 Punkten. Innerhalb von gut zwei Jahren hat sich der Wert der Unternehmen im Sensex verdoppelt: Erst am 2. Januar 2004 hatte der Sensex die Hürde von 6.000 Punkten überschritten. Die Geschwindigkeit des Kurswachstums nimmt dabei immer weiter zu: Es kostete den Index gerade einmal 19 Handelstage, um die 1.000 Punkte für den Anstieg von 11.000 auf 12.000 Punkte hinter sich zu bringen. Der Anstieg von 9.000 auf 10.000 Punkte hingegen hatte noch 48 Handelstage in Anspruch genommen.

„Die Bewertungen steigen ein bißchen zu schnell“, sagt nun Börsenchef Patel selbst. „Die Käufer schauen nur noch auf den Anstieg des Index. Die Unternehmen müssen erst noch beweisen, daß sie die Kurse rechtfertigen“, warnt er. Dann wird der Chef der Börse Bombay noch deutlicher: „Niemand sollte blind dem Index folgen und nur aufgrund dessen raschem Anstieg kaufen.“ Patel findet klare Worte zu einem Zeitpunkt, zu dem die Bewertungen einiger indischer Unternehmen deutlich an die Internetblase in Amerika und Europa um die Jahrtausendwende erinnern.

Wachstum schon in den Aktienkursen berücksichtigt

Dabei sind es aber nicht nur die Vertreter des neuen Indiens, wie die Outsourcing-Konzerne TCS, Infosys oder Wipro, die teuer erscheinen. Auch die indische Siemens etwa, die in Bombay - wie viele in Indien arbeitende deutsche Unternehmen - als eigene Aktie notiert, wird derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von knapp 70 bewertet. Zum Vergleich: Der Mutterkonzern in Deutschland steht bei einem KGV von 20,5. Aber auch der CD-Hersteller Moser-Baer verzeichnet ein KGV von 83, Wipro von 38, der Autohersteller Maruti Uydog steht bei 22. Bei der Rally auf die 12.000-Punkte-Marke in den vergangenen Tagen gewann allein Reliance Industries 27,5 Prozent, der Ölkonzern ONGC legte um 10,2 Prozent zu, Infosys machte 11,2 Prozent gut und Tata Steel stieg um 37,6 Prozent.

Die Bewertungen für nächstes Jahr stehen im Durchschnitt bei einem KGV von gut 18. Um dies zu rechtfertigen, müßten die Unternehmensgewinne aber in den kommenden Jahren um durchschnittlich 20 Prozent jährlich zulegen, haben Analysten berechnet. Zwar ist der durchschnittliche Reingewinn der „India Inc“, gemessen an 531 börsennotierten Unternehmen, im Geschäftsjahr 2005/2006, das am 31. März endete, um durchschnittlich 24 Prozent gestiegen, ihr Umsatz legte um 19 Prozent zu. Doch sind diese Wachstumsraten nach Meinung der Analysten schon in den Aktienkursen berücksichtigt. Und sie glauben nicht daran, daß sie mittelfristig aufrechterhalten werden können.

Irrationale Überschätzung

„Es müßte schon viel passieren, damit die Kurse aus heutiger Sicht noch weiter steigen“, warnt Patel vor einer Überbewertung. Zwischen den Zeilen läßt er erkennen, daß die Politik in Neu-Delhi nicht unbeteiligt an der Euphorie ist. Denn diese heizt die Stimmung mit immer weiteren Wachstumsparolen an - 8 Prozent Wachstum des Bruttoinlandsproduktes gelten inzwischen als fast normal, 10 Prozent sollten machbar sein.

Richtig daran ist, daß Indien diese hohen Wachstumsraten braucht, um die Armut zu verringern. Richtig ist aber auch, daß die Hochstimmung im Lande zu manch irrationaler Überschätzung führt. Auch die Börse in Bombay scheint dafür ein Gradmesser zu sein. Allerdings will Patel keine öffentliche Warnung des Finanzministers: „Die führte wohl unweigerlich zu einem Crash. Auf jeden Fall hätten wir dann einen politischen Markt, und das ist nie gut.“

Bric-Boom treibt Gelder nach Indien

Der Börsenchef sowie Deepak Parekh, Chairman und Sohn des Gründers der HDFC-Bank (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Blase am indischen Aktienmarkt), stehen nicht allein da. Auch bei Vertretern ausländischer Fonds macht die Indien-Euphorie mehr und mehr der Sorge Platz. Die Angst geht vor allem wegen zwei Phänomenen um: Zum einen könnten die ausländischen Investmentfonds über Nacht ihr Geld abziehen, schon aufgrund der kleinsten Unsicherheit. Dies würde eine Schockwelle auslösen, die viele in den Abgrund ziehen würde.

Schon bis Mitte April haben ausländische Anleger 3,7 Milliarden Dollar in den indischen Markt gepumpt, nachdem es im gesamten vergangenen Jahr 10,7 Milliarden Dollar waren. Denn in den Vereinigten Staaten und in Europa stehen Investments in die Bric-Länder - benannt nach den Anfangsbuchstaben der Boom-Börsen in Brasilien, Rußland, Indien und China - hoch im Kurs. Zugleich aber ist bekannt, daß die ausländischen Investoren immer noch auf Bergen von Anlegergelder für den indischen Markt sitzen. Diese Anleger warten also in dieser Hinsicht nur auf eine Korrektur, um zu niedrigeren Kursen am indischen Aktienmarkt einsteigen zu können. Zum anderen gilt der indische Markt vielen Kennern weiterhin als unberechenbar: Denn das innerindische Börsengeschehen wird von relativ wenigen - mitunter familiär verbundenen - Akteuren bestimmt. „Es ist ein enges Netzwerk, in das Ausländer nur beschränkt Einblick haben“, sagt ein ausländischer Banker in Bombay. „Die Großen im Markt wissen, wenn es kriselt, bevor öffentlich etwas durchsickert.“

Quelle: che., F.A.Z., 03.05.2006, Nr. 102 / Seite 26
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