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Bilanzierung Kriminelle Energie ist nicht erkennbar

 ·  Bessere Regeln für Wirtschaftsprüfer könnten ein zweites Enron verhindern. Aber auch Investoren, Journalisten und Analysten müssen lernen.

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Enron hat die amerikanische Finanzwelt und Politiker wach gerüttelt. Gähnten die meisten Bürger früher bei dem Wort Bilanzen und Buchführung, haben die verlorenen Arbeitsplätze und Pensionen von Mitarbeitern und die Kursverlusten, die die Investoren mit der Enron-Aktie erlitten, aus einem Langweiler-Thema einen Krimi gemacht.

Die Amerikaner blicken keineswegs tatenlos zu, wie die Grundwerte der Wall Street fallen. Die Rechnungslegungsvorschriften US-Gaap galten schließlich als der Inbegriff der Aktionärsfreundlichkeit. Die Liste der Vorschläge, wie ein neuer Enron-Skandal verhindert werden könnte, ist lang. Roman Weil, Universitätsprofessor der University of Chicago fordert vor allem, dass sämtliche Verbindungen zwischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und dem geprüften Unternehmen offen gelegt werden.

Rotierende Bilanzprüfung

Die Anderson-Prüfer hätten vielleicht ein wenig tiefer in die Bücher bei Enron geschaut, wenn Anderson nicht zugleich 27 Millionen Dollar für Beratungsdienste im Jahr 2000 von Enron kassiert hätte. Für die Wirtschaftsprüfung hatte das Unternehmen nur 25 Millionen Dollar erhalten. In den vergangenen Jahren sind die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften immer abhängiger von der Unternehmensberatung geworden. Kamen 1993 nur 31 Prozent des Ergebnisses aus dem Geschäftszweig Unternehmensberatung, so stieg der Prozentsatz 1999 auf 51 Prozent an. Einer Studie der University of Illinois zufolge zahlen die Unternehmen für jeden Dollar an ihre Wirtschaftsprüfer derselben Gesellschaft noch einmal 2,69 Dollar für Beratungsdienste.

Die Amerikaner diskutieren daher derzeit, ob es den Wirtschaftsprüfern generell untersagt werden soll, zugleich andere Dienstleistungen anzubieten. „Wir müssen das öffentliche Vertrauen in die Arbeit der Wirtschaftsprüfer wieder herstellen“, meint beispielsweise der demokratische Abgeordnete John Dingell aus Michigan. Um die Abhängigkeit zwischen den Unternehmen und dem Wirtschaftsprüfer nicht zu groß werden zu lassen, plädieren Experten auch für die Einführung eines rotierenden Systems der Wirtschaftsprüfung. So sollen Bilanzen nicht länger als fünf oder sieben Jahre durch dieselbe Gesellschaft testiert werden.

Vom Prüfer zum Fianzvorstand

Skandale wie bei Waste Management, die ihre Gewinne 1,4 Milliarden Dollar zu hoch auswiesen, wären kaum durchgegangen, wenn die Prüfer gewusst hätten, dass ihre Arbeit in den kommenden Jahren durch eine neue Gesellschaft überprüft wird. Auch sollten die engen persönlichen Verflechtungen zwischen den Prüfern und den Unternehmen durchbrochen werden. So ist es eine gängige Praxis, dass Unternehmen die Prüfer abwerben und zu ihren Chefbuchhaltern machen. Beispielsweise war von 1971 bis 1997 jeder Finanzvorstand und Buchhaltungschef von Waste Management zuvor bei Anderson als Prüfer gewesen. Dies schaffe eine familiäre Atmosphäre, die die Unabhängigkeit der Überwacher gefährde, sagt Baruch Lev, Professor für Buchführung an der New York University.

Es wäre allerdings viel zu kurz gegriffen, für das Enron-Debakel allein die Wirtschaftsprüfer verantwortlich zu machen. Denn die Rechnungslegung ist immer komplexer geworden. Es geht heute darum, die Rechnungslegungsvorschriften zu verstehen, als die grundlegenden Zusammenhänge der Firmen zu überprüfen. Zudem ist der Prozess der Bestimmung der Standards in den USA langwierig und durch eine zähe Lobby geprägt. Das Financial Accounting Standard Board (FASB), das die Regeln festlegt, arbeitet seit nunmehr 20 Jahren an einer neuen Fassung Regeln für die Special Purpose Entities (SPE), die für die desolate Konsolidierung bei Enron verantwortlich waren.

Auch die Investoren trifft eine Schuld

Die besten Regeln, Mechanismen und Systeme können kaum kriminelles Vorgehen verhindern. „Wenn jemand Bilanzen fälscht, so ist dies von außen nicht erkennbar“, sagt Professor Jörg Baetge von der Universität Münster. Mit einer guten Bilanzanalyse sei zwar ersichtlich, in welche Richtung Bilanzpolitik betrieben worden sei, aber kriminelle Energie lasse sich nicht aufdecken.

Und selbst die Investoren sind nicht unschuldig an dem undurchsichtigen System der Bilanzierungen. Schließlich haben viele ihre Investmententscheidung oft nur auf den anvisierten Gewinn reduziert bzw darauf, ob die Prognosen übertroffen worden. Ein gutes Ergebnis halten anstatt ein Wachstum auszuweisen, ist bei den Börsianern verpönt, die Aktie gerät ins Abseits. Ohne gute Aktienkurse gibt's allerdings keine neuen Finanzmittel, nicht die guten Mitarbeiter, weniger Kundenvertrauen.

Bleibt nur zu hoffen, dass das Enron-Gewitter tatsächlich reinigt. Und zwar alle Beteiligten, die Unternehmenslenker, die Mitarbeiter, die Analysten, die Wirtschaftsprüfer, die Journalisten und die Investoren.

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