26.10.2011 · Die Geschäftsergebnisse großer Banken sorgen für Verwirrung. Jetzt wächst auch an der Wall Street die Kritik an den Bilanzierungsregeln.
Von Norbert Kuls und Alexander ArmbrusterEine kurios anmutende Bilanzierungsmethode, die im vergangenen Quartal trotz schwieriger Geschäftslage zu hohen Gewinnen amerikanischer und europäischer Banken geführt hat, stößt unter Analysten an der Wall Street häufig auf Kritik. "Als Analyst macht mich das verrückt", sagte Jack Kaplan vom Vermögensverwalter Carret Asset Management, "das ist unmöglich vorherzusagen und man weiß nicht, ob der Rest des Marktes das einrechnet oder nicht."
Die bisher veröffentlichten Geschäftsergebnisse großer Banken für das dritte Quartal irritierten mindestens auf den ersten Blick. Finanzinstitute wie die Citigroup, die Bank of America, Morgan Stanley, JP Morgan Chase oder erst in dieser Woche die schweizerische Großbank UBS wiesen Milliardengewinne aus, die wesentlich aus einer Neubewertung eigener Verbindlichkeiten resultieren (F.A.Z. vom 26. Oktober). Nach den beiden dominierenden Rechnungslegungsstandards IFRS und US-GAAP können Banken bisher Kursverluste eigener Anleihen ertragswirksam als positiven Gewinnbeitrag verbuchen. Dies ist möglich, weil die Bank ihre Anleihen theoretisch zum niedrigeren Marktkurs zurückkaufen und dadurch tatsächlich einen Gewinn realisieren könnte, im Vergleich zu einer Rückzahlung zum Nennwert am Laufzeitende.
Zugespitzt formuliert verbessert sich das ausgewiesene Geschäftsergebnis in diesem Fall also, weil Anleger Banken für risikoreicher und ertragsschwächer halten. "Das widerspricht dem gesunden Menschenverstand, weil es unter dem Strich irgendwie eine positive Sache sein soll, wenn das Unternehmen schwächer wird", sagt Matthew Morris, Direktor für Unternehmensberatung der Analysegesellschaft RGL Forensics.
Tatsächlich entstehen Gewinne aufgrund dieser Methode aber nur vorübergehend. Denn die Kurse der Bankanleihen werden sich unter der Annahme, dass die Bank solvent bleibt, gegen Ende der Laufzeit wieder ihrem Nennwert annähern, zu dem sie getilgt werden. Entsprechende Kursgewinne müssen dann als Verlust verbucht werden. Hinzu kommt, dass Banken ihre eigenen Anleihen nicht willkürlich einmal zum Zeitwert (Fair-Value) und ein anderes Mal zu den Anschaffungskosten bilanzieren können - sie müssen sich am Tag der Emission für eine Möglichkeit entscheiden und diese dann über die gesamte Laufzeit hinweg durchhalten. Als wichtiges Argument für das Fair-Value-Prinzip wird vorgebracht, dass der Wert der von der Bank gehaltenen Wertpapiere (Aktiva) mitunter starken Kursschwankungen unterliegt und Gleiches deshalb auch für die Passivseite der Bilanz gelten solle.
Die Banken haben ihre Aktionäre im Rahmen der Vorlage der Quartalszahlen deutlich auf die Auswirkungen der Bilanzierungsregeln hingewiesen, die zu stark schwankenden Gewinnen führen können. Nach Ansicht von Keith Horowitz, einem Bankanalysten der Citigroup, haben Investoren mittlerweile Erfahrung mit dieser seit mehreren Jahren geltenden Bilanzierungsmethode, die unter dem englischen Begriff Debt Valuation Adjustment (DVA) firmiert. "Die meisten Investoren ignorieren die DVA-Gewinne komplett, weil das Bilanz-Fiktion ist und schon früher ein Buchungsposten war", sagte Horowitz dem "Wall Street Journal" gegenüber: "Die Investoren, mit denen ich rede, sind daran gewöhnt, und es ist für die Aktie kein Thema." David Kelly, Director der Entwicklung von Kreditprodukten des Finanzsoftwareanbieters Quantifi, äußerte: "Auch wenn diese Methode nicht eingängig scheint, können Aktionäre nicht auf stärkere Bilanzierung nach Marktwert dringen und sich dann die Rosinen herauspicken, was sie in diese Art der Bewertung aufnehmen wollen."
Dennoch wird nicht nur in Europa, sondern auch aus den Vereinigten Staaten Kritik an dieser Bilanzregel größer. Sie erschwere es Investoren, die eigentliche Geschäftsentwicklung einer Bank zu verfolgen. "Der Ertrag kann sich in Zukunft ins Gegenteil umkehren und hat nichts mit dem operativen Geschäft des Unternehmens zu tun", sagte Jamie Dimon, Vorstandsvorsitzender der größten amerikanischen Bank JP Morgan Chase. Die Einnahmen der Bank im Investmentbanking waren wegen der Neubewertung der eigenen Anleihen im dritten Quartal um 1,9 Milliarden Dollar höher ausgefallen. Bei der UBS betrug der positive Gewinnbeitrag dadurch beinahe 1,8 Milliarden Franken, was sich mit einem ausgewiesenen Reingewinn von rund 1 Milliarde Franken vergleicht. Bei der Deutschen Bank machte dieser Effekt nur 166 Millionen Euro aus.
Für den Rechnungslegungsstandard IFRS zeichnet sich mittlerweile eine Änderung ab. Das zuständige Gremium (IASB) hat den entsprechenden Paragraphen so überarbeitet, dass Banken zwar weiterhin zwischen einer Bilanzierung zum Zeitwert oder zu fortgeführten Anschaffungskosten wählen können. Wenn sie für den Zeitwert entscheiden, darf aber nur noch eine Bewertungsänderung über die Gewinn-und-Verlust-Rechnung (GuV) verbucht werden, die aus Änderungen des Zinsniveaus resultiert. Änderungen der Bonität müssen danach direkt über das Eigenkapital verbucht werden.
"Ich finde es richtig, dass die Änderungen der eigenen Kreditwürdigkeit nicht mehr in der GuV abgebildet werden", sagt Burkhard Eckes, Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers. Die Neuregelung könnte vom Jahr 2015 an in der EU gelten. Für die Vereinigten Staaten ist eine entsprechende Neuregelung bisher nicht avisiert. Das zuständige Financial Accounting Standards Board räumte allerdings ein, dass die bisherige Bilanzierungsmethode "umstritten" sei.
Eine Bonitäsabstufung bringt für die Schuldnerbank "Gewinne",
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- 27.10.2011, 16:06 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |