29.07.2007 · Die Akteure an den Finanzmärkten leiden unter der Misere des amerikanischen Häusermarkts. Denn die Krise könnte weitere Kreise ziehen. Hinzu kommt die Sorge über den Ölpreis. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.
Von Claus Tigges, WashingtonDie Misere auf dem amerikanischen Häusermarkt wird für die Akteure an den Finanzmärkten mehr und mehr zu einer Belastungsprobe. Nachrichten von Schwierigkeiten mit Hypothekendarlehen, von säumigen Schuldnern und einer steigenden Zahl von Zwangsversteigerungen führen bei den Börsianern zu dem unguten Gefühl, die Immobilienkrise werde womöglich doch noch weitere Kreise ziehen und die amerikanische Wirtschaft insgesamt hinabziehen. Hinzu kommt die Sorge über den hohen Ölpreis. Die Nervosität an der Wall Street ist kaum zu übersehen, und sie wirkt ansteckend auf die Anleger an anderen Finanzplätzen rund um die Welt.
Abzulesen ist die Unruhe unter anderem an den verschiedenen Börsenbarometern: Der Dow Jones hat sich unter Schwankungen ein gutes Stück weit von seinem Rekord bei 14.121 Punkten entfernt und wird noch zu 13.265 Punkten berechnet. Vor allem an den letzten beiden Handelstagen der vergangenen Woche war die Stimmung miserabel. Ähnliche Bilder zeichnen die Verläufe des FTSE-100 in London, des Nikkei-225 in Tokio und des IPC an der Börse von Mexiko-Stadt. Der Deutsche Aktienindex Dax wird mit 7451 Punkten berechnet, 9,6 Prozent weniger als der Rekord von 8151 Punkten, der Mitte Juli erzielt wurde.
Viele spüren die Anspannung auf den Kreditmärkten
Noch deutlicher als an der Aktienbörse ist die sinkende Risikobereitschaft vieler Anleger auf dem Kapitalmarkt zu spüren. Sichere Papiere sind gefragt, was sich zum einen in steigenden Kursen und fallenden Renditen für Staatsanleihen niederschlägt. Die maßgebliche amerikanische Anleihe mit zehn Jahren Laufzeit rentiert noch mit 4,76 Prozent, rund 35 Basispunkte weniger als vor vier Wochen. Zum anderen sind die im Jargon als „Spreads“ bezeichneten Zinsaufschläge von Unternehmensanleihen spürbar gestiegen.
Die Anspannung auf den Kreditmärkten spüren auch Unternehmen außerhalb des Immobiliensektors und der Bauwirtschaft, darunter der amerikanische Automobilhersteller Chrysler. Auf Anraten von Konsortialführer J. P. Morgan wurde eine Anleiheemission im Volumen von rund 12 Milliarden Dollar aufgrund des ungünstigen Marktumfeldes verschoben. Der Zeitpunkt, Investoren zum Kauf der Schuldtitel zu bewegen, sei schlecht, befanden die Banker. Die für Anfang August geplante Übernahme eines Anteils von 80 Prozent an Chrysler durch den Hedge-Fonds Cerberus Capital Management soll dadurch allerdings nicht gefährdet sein.
Gläubiger gießt Öl ins Feuer der Pessimisten
Einen Beleg dafür, dass sich die Stimmung an den Märkten für Unternehmensanleihen nicht nur in Amerika eingetrübt hat, wurde in Europa geliefert: Die Aufnahme von rund 10,4 Milliarden Dollar über den Kapitalmarkt zur Finanzierung der Übernahme der Apothekenkette Alliance Boots durch Kohlberg Kravis Roberts und einen Manager von Alliance Boots wurde ebenfalls verschoben, „bis sich die Märkte beruhigt haben“, wie es hieß.
Öl ins Feuer der Pessimisten goss unter anderen der führende amerikanische Hypothekengläubiger, Countrywide Financial. Mehr und mehr Schuldner, auch jene mit einer recht guten Bonität, gerieten mit ihren Zahlungen in Verzug, berichtete der Finanzdienstleister. Jedenfalls machte Countrywide Schwierigkeiten in diesem Marktsegment verantwortlich für den Gewinnrückgang um 33 Prozent im zweiten Quartal dieses Jahres. Der Markt für Hypothekendarlehen werde sich frühestens 2009 von seiner Krise erholen, prophezeite Countrywide-Vorstandschef Angelo Mozilo.
Marktauguren warnen schon vor einer Kreditklemme
Viele Schuldner, die sich in den vergangenen Jahren von günstigen Angeboten zur Aufnahme einer Hypothek mit variablem Zins haben locken lassen, sehen sich nach der Anpassung des Zinses einer steigenden monatlichen Belastung ausgesetzt. Hinzu kommen sinkende Immobilienpreise in zahlreichen Landesteilen, so dass der Marktwert des Hauses inzwischen niedriger ist als die Schulden.
Manche Marktauguren warnen angesichts der jüngsten Entwicklung schon vor einem „Credit Crunch“, einer Kreditklemme, die das Wirtschaftswachstum in Amerika und anderswo spürbar dämpfen werde. Danach sieht es freilich bisher nicht aus. Ein ernster Mangel an Liquidität ist nicht zu erkennen. Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa ist der Geldmantel noch recht großzügig geschneidert, von einer bremsenden Wirkung der Geldpolitik kann keine Rede sein. Die amerikanische Federal Reserve hat deutlich gemacht, dass sie die gesamtwirtschaftlichen Risiken der Immobilienkrise für begrenzt hält und nach wie vor der Preisstabilität ihre größte Sorge gilt.
Zuletzt zahlreiche ausgezeichnete Quartalergebnisse
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Marktakteure auf eine weitere Zinserhöhung im September oder Oktober vorbereitet, sieht also keinen Anlass zu einer Kursänderung. Hinzu kommen die staatlichen Vermögensfonds einer Reihe von Schwellenländern, die inzwischen schätzungsweise 2,5 Billionen Dollar verwalten und vermutlich ihre Bemühungen fortsetzen werden, Geld an den Börsen der Industrieländer zu investieren. Auch das spricht gegen eine gefährliche und womöglich konjunkturschädliche Verknappung verfügbarer Mittel.
Jenseits der Schwierigkeiten auf dem amerikanischen Häusermarkt ist es um die Weltwirtschaft nicht schlecht bestellt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sah sich zumindest veranlasst, die Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft in diesem Jahr von 4,9 auf 5,2 Prozent anzuheben. Die amerikanische Konjunktur läuft ebenfalls nicht schlecht. Im zweiten Quartal ist die Wirtschaft mit einer Jahresrate von 3,4 Prozent gewachsen, nachdem es zwischen Januar und März nur magere 0,6 Prozent waren. Zahlreiche Unternehmen haben in den vergangenen Wochen ausgezeichnete Quartalsergebnisse vorgelegt und sich durchaus zuversichtlich über die kommenden Monate geäußert. Zur Panik besteht darum kein Anlass.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |