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Bericht vom internationalen Finanzmarkt Fallender Ölpreis bringt Marktprognosen ins Wanken

21.01.2007 ·  Die amerikanische Wirtschaft zeigt sich robuster als erwartet: Der sinkende Ölpreis und der stabile Arbeitsmarkt sorgen für Zuversicht an der Wall Street. Das bescherte auch dem Dax ein Sechs-Jahres-Hoch.

Von Claus Tigges, Washington
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Welch einen Unterschied wenige Wochen machen: Der erste Monat des neuen Jahres ist noch nicht einmal vorüber und schon sind viele Prognosen der Marktauguren Makulatur geworden. Nun tüfteln die Finanzmarktstrategen und Bankvolkswirte an der Wall Street und anderswo abermals an ihren Berechnungen und überlegen, wohin die Reise der Wechsel- und Anleihekurse und der Aktiennotierungen denn 2007 tatsächlich gehen wird.

Von erheblicher Bedeutung und Anlass für diese Überlegungen ist zum einen der Ölpreis. Kaum einer der Marktakteure hat den Preisrutsch der vergangenen Wochen vorhergesehen. Inzwischen müssen für ein Barrel (159 Liter) nicht einmal mehr 52 Dollar bezahlt werden. So billig war das schwarze Gold zuletzt im Frühjahr 2005 zu haben. In weiter Ferne erscheint nun der Rekordpreis von 78,40 Dollar je Barrel vom Sommer vergangenen Jahres. Das Energieministerium in Washington hat mitgeteilt, dass die Rohölvorräte inzwischen 321,5 Millionen Barrel betragen, 9,3 Prozent mehr als im Durchschnitt der zurückliegenden fünf Jahre. Die Lagerbestände an Benzin betragen demnach nun schon 216,8 Millionen Barrel, ebenfalls ein Stück mehr als im Durchschnitt der vergangenen Jahre.

Wachstumsprognosen heraufgesetzt

Ursächlich für die überraschend geringe Nachfrage nach Öl ist nicht zuletzt das ungewöhnlich warme Wetter in weiten Landesteilen. Das drückt auf den Preis, denn Amerika ist der größte Ölkonsument der Welt. Saudi-Arabien, bedeutendster Produzent im Kartell der Ölförderländer (Opec), hat wissen lassen, dass an eine Kürzung der Fördermengen zur Stützung des Preises nicht gedacht sei.

Nicht nur Amerika und andere Industrieländer, auch aufstrebende Wirtschaftsnationen wie China und Indien spielen inzwischen als Ölkonsumenten eine wichtige Rolle. Der Ölpreis geht in die Vorhersagen zum Zuwachs ihres Bruttoinlandsprodukts als Parameter ein. Darum nimmt es kaum wunder, wenn angesichts eines Preisrutsches von 13 Dollar je Barrel seit Mitte Dezember nun auch die Wachstumsprognosen vielfach heraufgesetzt werden - zumindest mit Blick auf das erste Quartal. Im Falle Amerikas kommt hinzu, dass die Schwäche des Immobilienmarktes - ebenfalls entgegen vieler Prophezeiungen - bisher nicht zu einer nachhaltigen Schwächung der Konjunktur geführt hat. Vielmehr bleibt der Arbeitsmarkt robust und stützt den privaten Verbrauch, der rund zwei Drittel zur gesamten Wirtschaftsleistung beiträgt.

Rezessions-Vorhersagen bewahrheiten sich nicht

Abzulesen ist die gewachsene Zuversicht unter anderem an den Aktiennotierungen an Wall Street. Dort hat der Dow Jones zwar in der vergangenen Woche einige Punkte abgegeben; doch das Börsenbarometer ist noch immer ganz in der Nähe seines Rekords von 12 674 Punkten aus der vorvergangenen Woche. Auch am amerikanischen Anleihemarkt ist der erstarkte Konjunkturoptimismus nicht spurlos vorübergegangen: Die zehnjährige Staatsanleihe, die weithin als internationale Messlatte für festverzinsliche Wertpapiere gilt, wirft inzwischen wieder rund 4,81 Prozent ab. Das sind 38 Basispunkte mehr als Anfang Dezember. Trotz dieses Renditeanstiegs bleibt die Zinsstrukturkurve freilich „invers“, neigt sich also nach rechts. Denn der Leitzins der Federal Reserve (Fed), der das Zinsniveau auf dem Geldmarkt bestimmt, beträgt weiterhin 5,25 Prozent und wird nach Einschätzung einer wachsenden Zahl von Beobachtern auch noch geraume Zeit auf diesem Niveau verharren.

Bisher nicht eingetroffen sind damit aber auch Vorhersagen, die inverse Zinskurve sei der Vorbote einer Rezession in Amerika. Vor diesem Hintergrund erwarten die Marktakteure das Treffen des geldpolitischen Rates der Fed in der letzten Januar-Woche mit einiger Gelassenheit und in der Gewissheit, dass sich am geldpolitischen Kurs nichts ändern wird. Diese Aussicht und der amerikanische Konjunkturoptimismus spielen auch an der deutschen Aktienbörse eine Rolle, wo der Deutsche Aktienindex Dax zum Wochenschluss auf das höchste Niveau seit fast sechs Jahren kletterte.

Europäische Besorgnis über Yen-Schwäche

Für weitaus mehr Unruhe sorgte in der vergangenen Woche die Bank von Japan. Die Währungshüter in Tokio entschlossen sich, den Leitzins stabil zu halten und Erwartungen auf eine geldpolitische Straffung zu dämpfen. Dabei hatte Notenbankgouverneur Toshihiko Fukui die Marktakteure noch bis vor kurzem auf eine Leitzinserhöhung in der näheren Zukunft eingestimmt. Nun sagte Fukui, der geldpolitische Rat sei sich noch „nicht absolut sicher“, dass sich die Nachfrage der privaten Haushalte tatsächlich erholen werde. Viele Marktakteure werteten dies als Einknicken der Währungshüter vor der Politik. Premierminister Shinzo Abe hatte die Zentralbank zuvor aufgefordert, das Wirtschaftswachstum zu unterstützen.

Die Überraschung unter den Anlegern ließ sich an den Kurstafeln in Tokio deutlich ablesen: Die zehnjährige Staatsanleihe beendete die Handelswoche mit dem größten Kursgewinn seit August, ihre Rendite sank 8,5 Basispunkte auf 1,655 Prozent. Der Yen, ohnehin seit einiger Zeit unter Druck, verlor zu Dollar und Euro abermals an Wert. Zum Wochenschluss mussten 121,45 Yen für einen Dollar bezahlt werden, über ein Yen mehr als am Montag. Ein Euro war 157 Yen wert, 1,5 Yen mehr als zu Wochenbeginn.

Die Europäische Zentralbank (EZB) indes blickt mit einiger Besorgnis auf diese Yen-Schwäche, nicht zuletzt mit Blick auf die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Exportunternehmen. In ihrem jüngsten Monatsbericht lenken die europäischen Währungshüter die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit allerdings auf den chinesischen Yuan, dessen Wechselkurs zum Dollar und anderen Währungen immer noch streng von der Regierung in Peking kontrolliert wird. Deutliche Fortschritte zu einer Flexibilisierung seien notwendig. Andernfalls drohten Handelsstreitigkeiten und ein zunehmender Protektionismus, warnt die EZB.

Quelle: F.A.Z., 22.01.2007, Nr. 18 / Seite 24
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