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Bericht vom internationalen Finanzmarkt Das Dilemma der Notenbanken

 ·  Am vergangenen Freitag senkte die Fed überraschend ihren Diskontsatz von 6,25 auf 5,75 Prozent. Nun könnte auch der Zinssatz für Tagesgeld sinken. Die Märkte bleiben daher nervös. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

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Eigentlich wollen sie nicht, aber vielleicht müssen sie. Ben Bernanke, Chairman der amerikanischen Notenbank (Fed), und Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), hatten die Finanzmärkte erst vor kurzem in der für Notenbanker typischen verklausulierten Kunstsprache über ihre Absichten für die nahe Zukunft informiert. Bernanke hatte angedeutet, die Fed sehe trotz der nicht sehr gut laufenden Konjunktur keinen Anlass für eine Zinssenkung, weil die Inflationsgefahren zu bedeutend seien. Trichet wiederum hatte die Märkte auf eine weitere Erhöhung der Leitzinsen im September, spätestens Oktober, vorbereitet und diese mit Inflationsgefahren bei einer gleichzeitig ordentlich wachsenden europäischen Wirtschaft verbunden.

„Ja, mach nur einen Plan“ heißt es in Bert Brechts Dreigroschenoper spöttisch. Die Pläne der Notenbanker jedenfalls könnten bald nur mehr Makulatur sein. Am vergangenen Freitag senkte die Fed überraschend ihren Diskontsatz von 6,25 auf 5,75 Prozent mit der Begründung, die Lage an den Finanzmärkten habe sich verschlechtert, und zudem nähmen die Risiken für das Wirtschaftswachstum zu.

Diskontsatz-Senkung vorübergehende Maßnahme

Zwar bezeichnete die Fed die Senkung des Diskontsatzes ausdrücklich als „vorübergehende Maßnahme“, aber die Finanzmärkte meinen zu spüren, dass sich die Stimmung innerhalb der Fed dreht. Mittlerweile gilt an den Märkten auch eine Senkung des im Vergleich zum Diskontsatz wichtigeren Zinssatzes für Tagesgeld für möglich - trotz eventueller Inflationsgefahren.

In Europa verhielt sich die EZB zum Wochenende nach außen still, aber innerhalb der Notenbank zeigt man sich mit der Situation an den Finanzmärkten gar nicht zufrieden. Die Lage am Geldmarkt bleibt angespannt, weil viele Banken Geldüberschüsse wegen eines wachsenden Misstrauens in ihre Geschäftspartner nicht mehr ausleihen wollen. „Wenn sich die Lage nicht bald entspannen sollte, wird die EZB ihren Leitzins kaum im September erhöhen können“, heißt es in einer amerikanischen Investmentbank.

Besonders lebhaft ging es zuletzt in Asien zu

Blickt man nur auf die nackten Zahlen, dann war in der vergangenen Woche an den Aktienmärkten in Europa und Amerika offenbar nicht viel los. Der Dax gewann gerade einmal 0,5 Prozent und der Stoxx 0,4 Prozent, während der Dow Jones 1,2 Prozent einbüßte. Doch diese Zahlen trügen, denn tatsächlich herrschte nicht nur an den Aktienmärkten, sondern auch an anderen Finanzmärkten rund um den Globus Hektik, die sich in heftigen Kursausschlägen in beide Richtungen äußerte.

Besonders lebhaft ging es in Asien zu, wo die Märkte zum Wochenende regelrecht einbrachen. Der japanische Nikkei-Index büßte alleine am Freitag um 5,4 Prozent ein; für die vergangenen vier Wochen errechnet sich ein Rückgang von rund 15 Prozent. Für die kommende Woche erwarten die Aktienexperten in vielen Banken überwiegend eine Fortsetzung des nervösen Handels der Vortage. Denn die Diskontsatzsenkung der Fed, die am vergangenen Freitag die Aktienmärkte zumindest kurzzeitig euphorisiert hatte, wird überwiegend als ein Krisensymptom wahrgenommen.

Hält das „Sommergewitter“ noch bis zum Herbst an?

„Keinen Grund zur Freude“ sieht daher unter anderem das Frankfurter Privatbankhaus Metzler in der Senkung des amerikanischen Diskontsatzes und hält es durchaus für möglich, dass die Aktienkurse schnell wieder nachgeben könnten. Hinzu tritt die Unsicherheit, wie besonders der deutsche Aktienmarkt auf das Debakel der SachsenLB reagieren wird. Die Landesbank aus Leipzig ist zwar nicht an der Börse notiert, doch ist nicht auszuschließen, dass die Aktien anderer Banken leiden werden.

Eine durchgreifende Erholung der Aktienkurse erwartet derzeit kaum jemand - die Frage ist eher, ob man, wie Goldman Sachs rät, erst auf eine Senkung des Tagesgeldzinses durch die Fed warten sollte, um wieder in den Aktienmarkt einzusteigen, oder ob man, wie die Deutsche Bank, eigentlich schon jetzt die Möglichkeit sieht, an den Aktienmarkt zurückzukehren. Die Mehrheit der Auguren bleibt ihrer Einschätzung der vergangenen Wochen treu. Stellvertretend sei die Landesbank Baden-Württemberg zitiert: „Obwohl wir mittel- bis langfristig an einem positiven Aktienmarktumfeld festhalten, gehen wir davon aus, dass das aktuelle ,Sommergewitter' bis in den Herbst hinein anhalten könnte. Dabei sind weitere Kursverluste nicht auszuschließen. Wir haben es jedoch mit einer Korrektur zu tun, nicht mit einer nachhaltigen Trendwende.“

Yen-Aufwertung gilt als Zeichen der Nervosität

Optimismus verbreitet die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley, die sich in einer aktuellen Studie mit den Börsen in den Schwellenländern befasst und dort bessere Aussichten vor allem in Russland, Südafrika und China sieht. Die Analysten von Morgan Stanley vertreten die Ansicht, dass - anders als in der Asien-Krise von 1997 - gerade die Aktienmärkte in ausgesuchten Schwellenländern den Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten gut widerstehen sollten. Denn viele Währungen von Schwellenländern seien unterbewertet, andererseits verfügten einige Schwellenländer über hohe Fremdwährungsreserven.

An den Devisenmärkten wertete der Yen deutlich auf, was ebenfalls als ein Zeichen von Nervosität gilt. Denn diese Aufwertung wird als Signal für die Auflösung von „Carry-Trades“ durch verunsicherte Anleger gesehen: Sie hatten in der Vergangenheit zu niedrigen Zinsen Kredite in Yen aufgenommen und dafür Anlagen in anderen Währungen mit höheren Zinsen - zum Beispiel in Neuseeland-Dollar - aufgenommen. Die Aufwertung des Yen verdeutlicht, dass Geld in die japanische Währung zurückfließt, was allerdings keine gute Nachricht für die Aktien japanischer Exportunternehmen bedeutet.

Quelle: F.A.Z., 20.08.2007, Nr. 192 / Seite 22
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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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