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Behavioral Finance An der Börse gibt es viele Fettnäpfchen

13.03.2001 ·  Das Leben steckt voller Gefahrenquellen, ganz besonders für Börsianer. Die Liste der möglichen Psycho-Anlagefallen ist jedenfalls lang.

Von Jürgen Büttner
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Für Anleger birgt die Börse viele Fehlerquellen. Die vergangenen Monate dürften dies eindrucksvoll bewiesen haben. Überall lauern Fallen, doch die meisten stellen wir uns selbst. Über zwei typische Fehler, nämlich Selbstüberschätzung („Frauen sind die besseren Anleger“) und zu viel Aktionismus („Warnung vor Online-Brokern“) haben wir bereits ausführlich berichtet.

Doch damit ist es noch nicht getan. Es gibt weitere Fettnäpfchen, in die Anleger regelmäßig treten. Vielleicht der größte und am häufigsten begangene Fehler versteckt sich hinter dem Begriff Dispositionseffekt. Darunter verstehen Experten den Hang der Anleger, Gewinneraktien zu früh und Verliereraktien zu spät zu verkaufen. Auch diese irrationale Vorgehensweise basiert nur auf menschlichen Empfindungen. So wollen die meisten Menschen einmal Gewonnenes nicht wieder hergeben. Folglich verkaufen sie Aktien, bei denen sie auf Gewinnen sitzen, um sie nicht wieder zu verlieren. Gleichzeitig schmerzt es ungemein, wenn Fehlentscheidungen zugegeben werden müssen. Wird eine Aktie mit Verlust verkauft, gesteht man sich aber genau das ein. In der Hoffnung, dass es schon bald wieder aufwärts gehen wird, belügt man sich lieber selbst. Oder wie Behavioral Finance-Professor Terrance Odean es ausdrückt: „Wir fühlen dabei einen psychischen Schmerz und das mögen wir nicht.“

Nicht immer blind der Herde nachlaufen

Kein Geheimnis ist es auch, dass die Anleger zum Herdentrieb neigen. Wenn man seine eigene Meinung von anderen bestätigt bekommt, fühlt man sich eben sicherer, als wenn man eine Einzelmeinung vertritt. Die Übereinstimmung mit anderen verstärkt die Annahme, die Sache im Griff zu haben. Oder fühlten wir uns bis vor kurzem nicht alle gut, wenn ein Analyst genau diese Aktie zum Kauf empfohlen hat, für die wir uns bereits zuvor entschieden hatten. Läuft der Markt dann in die richtige Richtung, wird man immer selbstsicherer und risikobereiter. Irgend wann geht dann völlig die Bodenhaftung verloren und es wird übersehen, dass der Zenit des Aufschwungs eigentlich schon überschritten ist. Genauso, nur umgedreht, läuft es im übrigen in übertriebenen Abschwungphasen. Aber nur weil diese Zusammenhänge so wie geschildert funktionieren, kann es in kürzester Zeit zu solch ausgeprägten Kursbewegungen kommen, wie wir sie zuletzt eindrucksvoll erlebt haben.

Neben der wichtigen Fehlerquelle Herdentrieb gibt es weitere Phänomene beim Studium von Anlegerverhalten zu beobachten. So ist es wissenschaftlich erwiesen, dass viele Menschen Informationen falsch oder zumindest ungenügend verarbeiten. Angesichts der Nachrichtenflut die täglich auf uns einströmt, ist dieses Fehlverhalten aber auch nicht überraschend. Letztlich führt das dazu, dass Faustregeln (Heuristiken) angewandt werden und das eigentlich entscheidende Gesamtbild zugunsten einer fokussierten Betrachtung vernachlässigt wird. Von Behavioral Finance Experten wird dies unter dem Begriff Compartmentalisation verbucht.

Fehlerhafte Wahrnehmung von Informationen

Hinzu kommt, dass Anleger positive Nachrichten dann besonders hoch bewerten, wenn sie Besitzer der betroffenen Aktie sind. Wer dagegen auf fallende Kurse setzt, saugt besonders negative Nachrichten auf. Teilweise geht es sogar so weit, dass neue Erkenntnisse abgelehnt werden, nur weil sie der eigenen Meinung widersprechen. Gelehrte sprechen in diesem Fall von kognitiver Dissonanz. Ebenfalls typisch ist es, neue Nachrichten höher zu gewichten als alte News, was fachspezifisch auch Anchoring oder Short Term Basis genannt wird. Verstärkt wird die ganze Problematik im übrigen noch durch die fehlerhafte Beurteilung des zugrunde liegenden Chance-/Risikoverhältnisses.

Dem Ziel, das Risiko möglichst gering zu halten ist auch der sogenannte Home Bias nicht zuträglich. Hinter diesem Begriff versteckt sich die Tendenz unter den Anlegern, nicht zuletzt wegen fehlender Kenntnisse ausländische Aktien im Depot zu gering zu gewichten. Letztlich führt dies aber zu mangelnder internationaler Diversifikation und damit zu einem erhöhten Risiko.

Entscheidend ist die Wahl der Anlageklasse

Lassen Anleger die genannten Fehlerquellen Revue passieren, werden sie schnell feststellen, in das ein oder andere Fettnäpfchen schon selbst getappt zu sein. Und die wenigen Aktionäre, die tatsächlich glauben, an der Börse wie Maschinen zu agieren, sollten sich trotzdem nicht zu früh freuen. Denn vielleicht unterliegen sie ja auch nur dem Fehler, die eigene Leistung bei der Auswahl von Aktien höher zu bewerten, als sie es eigentlich gewesen ist und gleichzeitig die begangenen Misserfolge zu verdrängen. Wer diesem Magical Thinking Phänomen unterliegt, der hat vermutlich noch nichts davon gehört, dass bis zu 95 Prozent des Anlageerfolges von der gewählten Anlage-Klasse und nicht von der individuellen Auswahl abhängen.

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