Home
http://www.faz.net/-gv6-7h24o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Bankberatung Wie Anlegerschutz schadet

Unter dem Deckmantel des Anlegerschutzes ist ein bürokratisches Monster entstanden, das allen Anlegern schadet. Dabei sollte klar sein: Der Staat wird nie komplett ausschließen können, dass sich Sparer für ungeeignete Produkte entscheiden.

© picture alliance / dpa Themendie Vergrößern Protokolle und Produktinformationsblätter: Die Regulierung ist weit über das Ziel hinausgeschossen

Ein aus Thailand stammender Universitätsprofessor in Mainz hat sich stes positiv über die Deutschen geäußert. Eines wundere ihn nur: dass die eine Hälfte der Bevölkerung jeden Morgen nur deshalb aufstehe, um die andere Hälfte in ihrem Tun zu kontrollieren. Gleichwohl gibt es noch einige Überwachungslücken. Eine wurde durch die Finanzkrise offenbar: Viele Anlageprodukte offenbarten Risiken, die den Anlegern nicht bekannt waren. Die meisten von ihnen haben sich auch gar nicht dafür interessiert. Der Irrglaube an risikolose Renditen hat auch eine Rolle gespielt.

Daniel Mohr Folgen:  

Der Bundesregierung hat es seither keine Ruhe gelassen, nicht zu wissen, wie der Bankberater seine Kunden in ungeeignete Finanzprodukte getrieben haben muss. Seit dem Jahr 2010 haben der Bankberater und der Kunde nun minutiös zu protokollieren, was sie besprechen. Am Ende steht ein Beratungsprotokoll. Das umfasst mit Anhängen meistens wenigstens zehn, oft aber auch zwanzig und manchmal sogar fünfzig Seiten.

Die Rechtsposition des ungebildeten Anlegers hat sich verschlechtert

Die Regulierung ist an dieser Stelle weit über das Ziel hinausgeschossen. Unter dem Deckmantel des Anlegerschutz ist ein bürokratisches Monster entstanden, das allen Anlegern letztlich schadet. Der erste Anlegertypus ist der in Finanzdingen ungebildete Anleger, der in der Realität relativ häufig anzutreffen ist. Ihn hält die Politik vor allem für schützenswert. Er kann sich nach Erhalt seines Papierstapels künftig nicht mehr darauf berufen, er hätte das alles gar nicht gewusst.

Er hat es nun schwarz auf weiß, auch wenn er sich das Protokoll und die Produktinformationsblätter nur in den seltensten Fällen durchlesen wird. Seine Rechtsposition hat sich erheblich verschlechtert. Seine mangelnde finanzielle Bildung und sein Unwille, daran etwas zu ändern, werden hingegen unverändert geblieben sein. Der Anleger wiegt sich durch die Protokolle nun in einer falschen Sicherheit.

Abschreckung und Entmündigung

Ein zweiter Anlegertypus ist derjenige, der sich nolens volens und weil es wie der Zahnarzt gelegentlich sein muss, mit seiner Geldanlage beschäftigt. Aus den Banken ist zu vernehmen, dass dieser Anlegertypus besonders von den Unmengen Papier abgeschreckt fühlt. Er ahnt, dass er das alles durchlesen müsste, hat dazu aber keine Lust und bleibt der Beratung künftig noch länger fern als bisher.

Der dritte Anlegertypus ist derjenige, der sich regelmäßig und gar nicht so ungerne mit seiner Geldanlage befasst. Er wähnt sich nun einer neuen Form der Inquisition ausgesetzt. Der Anleger muss sich plötzlich in einer Flut von Fragen rechtfertigen, warum er sich für geeignet hält, ein bestimmtes Finanzprodukt zu kaufen, selbst wenn er dies schon seit Jahren regelmäßig getan hat und über seine Risiken gar nicht mehr aufgeklärt werden möchte. Er fühlt sich entmündigt.

Die Zeit für die eigentliche Beratung wird knapp

Der Protest gegen die Regulierung ist ein stiller. Ein Bankberater hat kürzlich in dieser Zeitung geschildert, wie er sich seiner Qualifikation enteignet fühlt, da es ihm von Gesetzes wegen nicht mehr zugetraut wird, nach 19 Jahren Berufserfahrung und einem Studium der Volkswirtschaftslehre einer vermögenden Kundin den Kauf einer kleinen Position in der Aktie eines namhaften deutschen Chemieunternehmens zu empfehlen, ohne dazu ein siebenseitiges Protokoll mit zwei Seiten Anhang zu erstellen. Der Berater zieht sich frustriert aus dem Wertpapiergeschäft zurück.

Angesichts des immens gestiegenen bürokratischen Aufwandes wird die Zeit für die eigentliche Beratung knapp. Die Banken haben ihre Produktauswahl eingeschränkt, manche bieten nur noch Produkte des eigenen Hauses an. Insbesondere die ohnehin schon kaum bei Privatanlegern verbreiteten Einzelaktien bleiben auf der Strecke, da auch für jede einzelne Aktie stets ein aktuelles, individuelles Produktinformationsblatt vorgehalten werden muss. Dabei ließen sich die Risiken der Aktienanlage auch in einem allgemeinen Informationsblatt zu Aktien kompakt darstellen.

Mehr zum Thema

Der Sparkassenverband als derzeit federführender Verband der Deutschen Kreditwirtschaft berichtet, dass die Wertpapierberatung bei Sparkassen und Genossenschaftsbanken aus der Fläche herausgenommen und in den Hauptstellen konzentriert wird. Die DWP Bank als größter deutscher Wertpapierabwickler hat nach der Auswertung von einer Million Depots festgestellt, dass nur noch eine von 50 Aktientransaktionen nach einer Beratung getätigt wird, 49 ohne Beratung.

Es hat eine regulatorische Fehlentwicklung in zwei Richtungen stattgefunden. Der völlig überregulierten Beratung in Banken steht ein weitgehend regulierungsfreier Raum gegenüber, in dem an der Haustür hochriskante geschlossene Beteiligungen an Windkraftanlagen mit hohen Renditeversprechen verkauft werden können.

Die Bundesregierung ist getrieben von Ilse Aigner (CSU) und ihrem Verbraucherschutzministerium ein regulatorischer Fehlschlag unterlaufen. Dass Anleger für sie ungeeignete Produkte erwerben, wird der Staat nie ausschließen können, wie auch nicht jeder hinterher mit dem Auto zufrieden ist, das er kauft. Der Staat müsste ansonsten festlegen, welche Finanzprodukte oder Autos wer zu kaufen habe und wer nicht. Nicht nur der aus Thailand stammende Professor würde verwundert den Kopf schütteln.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.08.2013, 11:00 Uhr

Digitale Geldinstitute Bankkunden hadern noch mit dem Abschluss per Mausklick

Die Bank wird digital. Kontoeröffnungen finden schon mehrheitlich online statt. Auch Informationen zur Baufinanzierung suchen die Kunden online. Den letzten Schritt – der Vertragsabschluss – findet trotz allem weiterhin in der Bankfiliale statt. Mehr Von Markus Frühauf

Wertpapiersuche
Umfrage

Was ist ihre größte Sorge am Sparen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.