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Geldautomaten-Sprengungen : Es macht seltener „Bumm“

Rücksichtslose Vorgehensweise: Ein gesprengter Bankautomat in Hambühren (Niedersachsen). Bild: dpa

Die Zahl der gesprengten Geldautomaten ist erstmals wieder leicht rückläufig. Es gibt offenbar erste Fahndungserfolge. Ein Richter mokiert sich über hohe Beträge in den Automaten. In einem Fall trugen Täter einen Obdachlosen vor der Sprengung raus.

          Nach Jahren eines rasanten Anstiegs ist die Zahl der gesprengten Geldautomaten in Deutschland in diesem Jahr bislang erstmals wieder leicht rückläufig. Wie eine Sprecherin des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden auf Anfrage mitteilte, wurden im ersten Halbjahr 2017 in Deutschland 140 Geldautomaten gesprengt. Das waren 40 Automaten oder gut 20 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Zahl dieser Delikte war bis zum vorigen Jahr immer weiter gestiegen, von etwa 45 Fällen im Jahr 2012 über 157 Fälle im Jahr 2015 bis auf 318 Fälle im vergangenen Jahr.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Immerhin hatte es einige Fahndungserfolge der Polizei und einer Sonderkommission gegeben. Gleichwohl reißt die Serie schwerer Straftaten nicht ab, hinter denen zum Teil eine wegen ihrer schnellen Fluchtfahrzeuge „Audi-Bande“ genannte Organisation stecken soll. „Auch wenn es in den Jahren 2016 und 2017 zu zahlreichen Festnahmen und Verurteilungen kam, verzeichnen wir statistisch nur einen leichten Rückgang der Fallzahlen“, sagte die BKA-Sprecherin. Noch ist das Jahr allerdings nicht zu Ende, und es ist erfahrungsgemäß zumindest nicht auszuschließen, dass einige regionale Stellen die Sprengungen erst mit Verzögerung melden. Regionale Schwerpunkte sind laut BKA weiterhin die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen sowie Brandenburg und Berlin.

          180.000 Euro Beute

          Zuletzt war am frühen Donnerstagmorgen ein Geldautomat in Mettmann bei Düsseldorf gesprengt worden; die Täter flüchteten mit dem Fahrrad. Anfang der Woche war ein Automat in Grevesmühlen in Nordwestmecklenburg in die Luft gejagt worden. Die Täter dort mussten aber wegen eines speziellen Sicherheitssystems ohne Beute abziehen, das Geld war zusätzlich in einer Kassette gesichert. Und vor gut einer Woche sprengten zwei Männer einen Geldautomaten in Köln und flüchteten mit einem Motorroller. In den vier Wochen davor gab es Fälle in Rheine, Herne, Remscheid, Wuppertal und Wesel, um nur einige zu nennen.

          Immerhin wurden aber mittlerweile auch allerhand Tatverdächtige gefasst. In Duisburg beispielsweise gelang es im Februar einem Sondereinsatzkommando der Kölner Polizei, im Parkhaus eines Kinos drei mutmaßliche Mitglieder einer Bande festzunehmen, die im Verdacht stand, rund ein Dutzend Geldautomaten in Nordrhein-Westfalen gesprengt zu haben. Laut Polizei handelte es sich um Niederländer mit nordafrikanischem Migrationshintergrund. Und im März gab es in Berlin und Brandenburg eine Großrazzia mit 250 Beamten, bei der zahlreiche Wohnungen durchsucht und auch mehrere Männer festgenommen wurden.

          Auch einige Strafverfahren sind bereits abgeschlossen, die Täter wurden zu mehreren Jahren Haft verurteilt und bekamen zum Teil Auflagen hinsichtlich der Wiederbeschaffung der Beute. Vor dem Kölner Landgericht merkte ein Richter dabei an, die deutschen Banken hätten es den Tätern relativ leicht gemacht. So seien Sicherheitssysteme, die beispielsweise die Geldscheine bei Erschütterung einfärben, in deutschen Geldautomaten nicht so verbreitet wie etwa in den Niederlanden. Auch sei es zweifelhaft, so meinte der Richter, ob es wirklich notwendig sei, so große Summen in Geldautomaten vorrätig zu halten. In dem Fall hatten die Täter immerhin fast 180.000 Euro erbeutet.

          Wie viel die Banken dazu beitragen sollten, Automatensprengungen schon im Vorfeld zu verhindern, ist zwischen Polizei und Finanzbranche umstritten. Die Banken fürchten die hohen Kosten. Die Polizei meint: „Prävention ist ein wesentlicher Faktor, die Situation zu verbessern.“ Viele gesprengte Automaten stünden auf dem Land oder am Stadtrand, und meistens passiere es zwischen zwei und fünf Uhr morgens. So könnte es helfen, an solchen Standorten nachts die Räume unzugänglich zu machen. Zudem gebe es technische Möglichkeiten. In den Niederlanden beispielsweise seien die Fächer von Geldausgabe und -bestückung getrennt, was es den Tätern schwerer mache, ans Geld zu kommen. Zudem könne das in die Automaten eingeleitete Gas mit einer bestimmten Technik neutralisiert werden.

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          Meistens sollen die Täter bei den Sprengungen ausgesprochen rücksichtslos vorgegangen sein – zum Teil waren sogar die Gebäude danach einsturzgefährdet. In einem Fall starb ein Mittäter auf der Flucht vor der Polizei. In einem anderen Fall war die Polizei den Tätern nur deshalb auf die Spur gekommen, wie die örtliche Regionalzeitung berichtet, weil ein schneller Audi, den die Täter als Fluchtauto benutzen wollten, in einer Tiefgarage unerlaubterweise auf dem Stellplatz einer Dauermieterin abgestellt worden war. Die Frau beschwerte sich verärgert beim Hausmeister, der die Polizei rief. Das ermöglichte es den Beamten, einen Peilsender an dem Audi anzubringen und ihn zu observieren.

          Bei einer Geldautomaten-Sprengung in Düren sollen die Täter aber auch einen Rest von Rücksicht gezeigt haben. Die Männer wollten dort den Automaten im Vorraum einer Bank per Fernzündung sprengen. Alles war vorbereitet. An dem Tag schlief in dem Raum aber ein Obdachloser. Die Täter sollen ihn geweckt und ihm nahegelegt haben, er solle besser gehen. Als der Mann sich weigerte, trugen sie ihn gemeinsam nach draußen – und sprengten erst dann den Geldautomaten.

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