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Asien Angst vor der Liquiditätsschwemme

13.04.2007 ·  Die asiatischen Aktien- und Immobilienmärkte streben von Rekord zu Rekord. Bei manchen weckt dies Erinnerungen an die Asienkrise der neunziger Jahre. Solch ein Desaster wollen die Regierungen vermeiden.

Von Christoph Hein, Singapur
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An Krise denkt hier niemand mehr. Wenige Wochen vor dem zehnten Jahrestag der Asien-Krise scheint die Region überzuschäumen vor Liquidität und guter Stimmung. Die Aktienmärkte von Hongkong bis Kuala Lumpur markieren Höchststände. Immobilien in Singapur bis Schanghai werden mit kräftigem Aufschlag von Käufer zu Käufer weitergereicht.

Die Großbanken jagen sich gegenseitig Vermögensberater in der Stärke ganzer Fußballmannschaften ab - und verdoppeln ihr Jahresgehalt, wenn sie ihre Kundenkartei mitbringen. Das „heiße Geld“, das sich seinen Weg an Asiens Aktien- und Immobilienmärkte bahnt, macht derzeit viele reich. Luxusboutiquen schießen in allen asiatischen Großstädten wieder aus dem Boden. Über den Metropolen drehen sich die Baukräne, als wäre die vergangenen zehn Jahre übersprungen worden.

Enorme Währungsreserven angehäuft

Investoren aus dem Ausland haben erkannt, dass Anlagen in Asien hohe Renditen bringen können. In Zeiten, in denen die Risiken in Amerika wachsen, Europas Zuwachs begrenzt scheint, reizt Asien mit Aussicht auf mindestens zweistellige Gewinne. So brachte der Kauf des chinesischen Aktienindex im vergangenen Jahr einen Zuwachs von 130 Prozent, der in Vietnam gut 100 Prozent. „Die Börsenindizes in Asien sind seit Ende 2006 stark gestiegen. Die Bewertungen liegen jetzt über den Durchschnittswerten und denjenigen der meisten anderen Schwellenmärkte“, warnt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem jüngst erschienenen Frühjahrsgutachten.

Luxuswohnungen, die in Singapur für Preise zwischen 5 und 15 Millionen Singapur Dollar (7,4 Millionen Euro) erworben werden, können über Wochenfrist mit einem Aufschlag von 100.000 bis 300.000 Dollar weiterverkauft werden. Auch Unternehmen profitieren von der Hausse: Der zweitgrößte chinesische Versicherer, Ping An Insurance (Group) Co., weist für das vergangene Jahr eine Verdoppelung des Reingewinns auf gut eine Milliarde Dollar aus. Der Grund: erfolgreiche Aktiengeschäfte am chinesischen Markt.

Die Staaten selber haben enorme Währungsreserven angehäuft. Die Zentralbanken saugen die hohen Exporterlöse in Fremdwährung auf und legen sie bislang in niedrig verzinsten Staatsanleihen an, vornehmlich aus den Vereinigten Staaten. So kommen die Länder Asiens auf Devisenrücklagen von mehr als 3 Billionen Dollar.

Spekulationsgelder könnten die Märkte destabilisieren

Die Märkte haussieren, der Devisenschatz verschafft unerwarteten Spielraum. Die Lage sieht also rosig aus. Doch gerade deshalb werden plötzlich die Gespenster der Vergangenheit wieder beschworen: „Die Volatilität der Märkte stellt uns vor Herausforderungen. Sie erinnert an jene, die wir schon vor einer Dekade gesehen haben“, sagt Chalongphob Sussangkarn, der neue thailändische Finanzminister. „Der Unterschied liegt darin, dass wir 1997 unter einem schlagartigen Kapitalabfluss litten. Nun erleben einige unserer Länder enorme Kapitalzuflüsse.“ Das Problem: Kaum jemand nimmt Chalongphob ernst, da er gerade erst ins Amt kam, einer Regierung angehört, die von Gnaden einiger Putschisten lebt und Anleger durch ihren Zickzack-kurs verschreckt.

Richtig aber ist, dass die nach Asien strömenden Spekulationsgelder die Märkte destabilisieren können und die Währungen auf Dauer so verteuern, dass die Exporteure leiden. „Der Strom heißen Geldes in diese Volkswirtschaften bereitet uns große Sorgen, denn die Liquidität berührt die Währungs- und Geldpolitik der Regierungen“, sagt Robert Prior-Wandesforde, Volkswirt bei der HSBC in Singapur. „Die grenzüberschreitenden Kapitalströme sind in der vergangenen Dekade deutlich von 270 Milliarden Dollar auf 830 Milliarden Dollar angestiegen“, heißt es beim IWF. „Ihre plötzlichen Richtungswechsel haben in der Vergangenheit in weiten Teilen Asiens wirtschaftliche Probleme bereitet. Politiker und Volkswirte in der Region haben jüngst ihre Sorge zum Ausdruck gebracht, dass die starken Kapitalzuflüsse zu einigen Problemen führen könnten.“

„Hinweise auf Ungleichgewichte und Überhitzung“

Die Volatilität zeigte sich Ende Februar, nach dem kurzfristigen Markteinbruch in China: In der Folge verlor der Index MSCI Asien (ex-Japan) mehr als 9 Prozent. Inzwischen aber hat er 14 Prozent gewonnen und rangiert auf Rekordhoch. Während dieser Achterbahnfahrt haben sich die Fundamentaldaten Asiens indes nicht geändert. Gerade erst warnten die Entwicklungsbanken unisono vor den Folgen der Aufhäufung der Fremdwährung. Milan Brahmbhatt, Chefökonom der Weltbank für Ostasien, spricht von ungewollten Nebeneffekten: einem starken Anstieg der Kreditsumme, die ihrerseits zu einer Überhitzung der Volkswirtschaften mit einer Zunahme fauler Kredite führen könnte.

Die hohe Liquidität, hohe Bewertungen der Märkte und ein enormer Spekulationsdruck auf die asiatischen Währungen könnten die Region destabilisieren, warnt Kim Hak-Su, Generalsekretär der Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien-Pazifik der Vereinten Nationen. „Es gibt mehr und mehr Hinweise auf Ungleichgewichte und eine Überhitzung: die steigenden Immobilien- und Aktienpreise, das rasche Wachsen der Kreditsummen und der Inflation, besonders bei Nahrungsmitteln“, fasst Ifzal Ali, Chefvolkswirt der Asiatischen Entwicklungsbank, das Drohpotential zusammen.

Fundament für künftiges Wachstum legen

Was aber ist zu tun? Thailand erließ im Dezember Kapitalverkehrskontrollen. Am selben Tag brach der Aktienindex in der Hauptstadt Bangkok um 15 Prozent ein. Wochen darauf musste der Finanzminister zurücktreten. Inzwischen sind die Handelsbeschränkungen für Aktien wieder aufgehoben, diejenigen für Währungsgeschäfte bestehen weiter. Grund für den übereilten Eingriff war die Angst, dass der durch wachsende Kapitalzuflüsse aus dem Ausland steigende Wert des Baht die Exportchancen der heimischen Unternehmen zerstöre. Im Februar drohte die vietnamesische Zentralbank mit einem ähnlichen Schritt, nachdem der Aktienmarkt dort mit abenteuerlichen Bewertungen heißgelaufen war. Ministerpräsident Nguyen Tan Dung schritt im letzten Moment ein und erklärte die geplanten Regeln für „noch nicht notwendig“.

Aus dem Wetterleuchten, das Auslandsinvestoren aus Thailand und Vietnam droht, ist freilich noch kein gemeinsames Muster abzuleiten. Bei ihrer Konferenz der Finanzminister einigten sich die im Staatenbund Asean zusammengeschlossenen Länder Südostasiens nicht auf ein gemeinsames Vorgehen. Dabei hatte Thailands Finanzministerium im Vorfeld gedrängt: „Gerade Südostasien muss die Kapitalzuflüsse ins Auge fassen und einen regionalen Plan für deren Verwendung entwickeln.“ Malaysia - das nach der AsienKrise jahrelang den Kapitalverkehr kontrollierte - versucht sich zur selben Zeit am entgegengesetzten Weg: Gerade erst lockerte es die Regeln für den Immobilienerwerb von Ausländern.

Ansätze einer Zusammenarbeit gibt es gleichwohl. 13 Zentralbanken Asiens haben ihre bilateralen Swap-Vereinbarungen von 200 Millionen Dollar im Jahr 2000 auf nun 80 Milliarden Dollar aufgestockt, um gegen Währungsspekulationen besser gewappnet zu sein. Bedacht erscheinen Vorschläge, um zumindest die überbordenden Reserven der Länder zu kanalisieren: Ostasien hat in der Infrastruktur einen Investitionsbedarf von mehr als 2 Billionen Dollar - für Wasser- und Energieprojekte, Eisenbahnen, Straßen und Häfen. Allein in Südostasien fehlen 100 Milliarden Dollar für diese Projekte. Sie dank der nun herangewachsenen eigenen Finanzkraft zu bauen schaffte zum einen dringend benötigte Arbeitsplätze. Zum anderen würde damit das Fundament für künftiges Wachstum gelegt.

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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

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