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Veröffentlicht: 03.05.2014, 19:23 Uhr

Milliarden-Maschine EZB Wie kommt das Geld in die Welt?

Geld schafft die EZB seit der Krise in Hülle und Fülle. Trotzdem haben wir jetzt nicht mehr auf dem Konto. Wo sind die Milliarden hin? Eine Reise auf den Spuren des Geldes.

von
© REUTERS So kommt das Geld in die Welt - Eine Bildergeschichte

Mittwoch Morgen, 8.20 Uhr. Michael Thomas sitzt vor drei Bildschirmen, in einem Gebäude der Bundesbank in der Frankfurter Innenstadt, Raum Nummer 2513, und erzeugt zig Milliarden Euro. In einem Computersystem namens Omtos ist es nur ein Knopfdruck, den der 23-Jährige machen muss. Einer seiner sieben Kollegen, die im gleichen holzgetäfelten Großraumbüro sitzen, bestätigt das Geschäft noch. Dann sind die Milliarden geschaffen, die Deutschlands Banken in dieser Woche von der Zentralbank angefordert haben. Als elektronisches Geld erscheinen sie auf den Konten, die Deutsche Bank, Commerzbank, Hamburger Sparkasse oder das Bankhaus Metzler bei der Zentralbank haben.

Michael Thomas ist der Jüngste im Raum 2513, er ist seit einem halben Jahr dabei und erinnert noch sehr an den netten BWL-Studenten im zweiten Semester, der er sicher mal war - auch wenn er jetzt den pompösen Titel Bundesbankinspektor trägt. Für Michael Thomas ist es immer noch ein wenig surreal, was er da abwechselnd mit den Kollegen tut. Die Vorstellung, dass er derjenige ist, der die Milliarden in die Welt schickt. Immer noch fällt es ihm schwer, Menschen außerhalb der Bankenwelt zu erklären, was er genau tut.

Geld benutzen wir alle, täglich, routiniert. Wir zahlen bar oder mit Karte, wir überweisen, holen Kontoauszüge. Doch wo diese Euros eigentlich herkommen, wie sie entstehen, wer sie schafft, ist nur wenigen klar. Es ist, wie Kurt Tucholsky schon 1931 schrieb: „Woher das Geld kommt, ist unbekannt. Es ist eben da beziehungsweise nicht da - meist nicht da.“

Das ist kein Problem, solange mit diesem Geld alles einigermaßen gut läuft, das Vertrauen da ist, das Konto stimmt. Doch seit der Finanz- und der Euro-Krise ist nichts mehr, wie es war. Erst gab es die Angst, es sei zu wenig Geld da für alle - das war die Finanzkrise. Dann schwemmte die Europäische Zentralbank den Markt mit Geld. Die Banken bekommen es heute fast kostenlos. Und auf einmal gibt es die Angst, das Geld könnte zu viel werden.

Immer mehr Menschen fragen sich: Was ist eigentlich dieses Geld? Und können wir ihm noch vertrauen? Deshalb haben wir uns auf die Reise begeben. An die Orte, an denen das Geld entsteht. In die Europäische Zentralbank, die Bundesbank und eine private Bank. Wir fragen: Wie kommt das Geld in die Welt? Wo sind die Milliarden der EZB gelandet? Und erleben drei Überraschungen.

***

Eurotower, Frankfurter Innenstadt. Das Büro im 34. Stock der Europäischen Zentralbank, das Benoît Cœuré gehört, ist häufig verwaist. Meist ist er in Sitzungen, oder er ist irgendwo in Europa unterwegs. Im Direktorium der Europäischen Zentralbank ist er das Mitglied, das die meisten Aufgaben angesammelt hat. Zuletzt hat er die Bereiche des ausgeschiedenen Jörg Asmussen mit übernommen. Heute ist er da. Er wirkt erstaunlich ruhig, gar nicht gehetzt, ein Gespräch mit ihm ist das reine Anti-Stress-Programm.

Cœuré ist der Mann, dessen Entscheidung dafür sorgt, dass Michael Thomas bei der Bundesbank mittwochs früh überhaupt seinen Knopf drücken und Milliarden schaffen kann. Eine der Aufgaben von Cœuré: die Banken mit Geld versorgen. Jeden Dienstag melden die Banken Europas bis 9.30 Uhr an ihre nationalen Notenbanken, wie viel Geld sie haben möchten. Die melden es sofort weiter an die EZB. Um zehn Uhr gibt es im ersten Stock des Eurotower ein Treffen. Dort wird darüber gesprochen, was an den Märkten los ist und wie viel Geld die Banken wünschen. Cœuré ist dabei. Um 10.30 Uhr eilt er in die Sitzung des Direktoriums. Währenddessen kommt jemand aus seiner Abteilung mit den genauen Zahlen herein, was die Banken an Geld haben wollen. Cœuré zeichnet ab. Auf Papier, da ist man bei der EZB altmodisch. Damit gibt er die Milliarden frei. Alle.

Es gibt wenige, die so viel darüber wissen, wie das Geld in die Welt kommt, wie Cœuré. Was er erzählt, kann überraschen. Zum Beispiel dies: „Wer denkt, dass nur die Zentralbank Geld schafft, liegt falsch. Wir schöpfen Geld, und die Banken schöpfen auch Geld.“ Das erstaunt, wenn man es zum ersten Mal hört. Die kleine Volksbank soll in der Lage sein, selbst Geld zu machen? Kommt das nicht alles von der EZB?

Die meisten Menschen stellen sich Geld ja so vor: Das, was auf meinem Konto ausgewiesen ist, liegt irgendwo in der Bank in einem Tresor als Bargeld. Das stimmt aber nicht. Die Banken halten viel weniger Bargeld, als sie Einlagen von Kunden haben. Das gesamte Geld in Europa beläuft sich auf eine Summe von knapp 10 Billionen Euro (siehe Grafik). Es ist aber nur rund eine Billion Euro an Bargeld vorhanden. Es geht also gar nicht, dass alles mit Bargeld hinterlegt ist. Normalerweise brauchen Banken auch nicht viel Bargeld, denn heute benutzen wir für größere Beträge häufig die Karte oder überweisen den Rechnungsbetrag. Das geht mit elektronischem Geld. Das dürfen die Banken selbst schaffen.

Wie das geht, erklärt Cœuré so: „Banken schöpfen Geld, wenn sie Geld an Haushalte und Unternehmen verleihen.“ Jeder Kredit ist also neu geschaffenes Geld. Das ist eine große Überraschung für jeden, der zum ersten Mal davon hört. Die erste Überraschung, die wir auf dieser Reise erleben. Weitere werden folgen. Die Erkenntnis, dass auch Banken Geld machen, ist so verblüffend, dass selbst viele Banker es nicht glauben.

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Im Turm einer Privatbank residiert ein freundlicher Herr, der sich bestens auskennt mit Geld. Seine Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass seiner Bank das Geld nicht ausgeht. Seinen Namen und den Namen seiner Bank will er nicht in der Zeitung lesen, das Thema ist zu kompliziert, zu groß die Gefahr, falsch verstanden zu werden. Dafür spricht er anonym umso offener. „Nein, wir schöpfen kein Geld“, sagt er voller Überzeugung. „Das macht die Notenbank.“

Neulich hat seine Tochter gefragt, ob er nicht einmal an ihrer Schule erklären kann, wie sein Beruf funktioniert. Er hat sich das so überlegt: „Ich bringe ein paar Münzen mit und verteile sie an die Hälfte der Kinder. Die können sie dann mir geben - sie sind die Anleger, ich bin die Bank. Und ich kann diese Geldstücke dann an die anderen Kinder verleihen - das sind die Kreditnehmer.“

So stellt er sich, stark vereinfacht, das Bankgeschäft vor. Geld kommt herein, und die Bank verleiht es weiter. Es wird nur gebucht, nicht geschöpft. Aber er weiß auch: Das Geld, das er selbst täglich verschiebt, ist nur zu einem winzigen Teil mit Bargeld hinterlegt und zu einem ebenfalls sehr kleinen Teil mit Geld von der Zentralbank. Woher kommt dann das Geld, mit dem er umgeht? Die Zentralbank schafft schließlich nur Bargeld und Zentralbankgeld. „Ja, woher?“, fragt er verdutzt.

Unser Herr von der Privatbank ist ein kluger Kopf. Dass selbst er das mit der Geldschöpfung verwirrend findet, zeigt: Kaum einer versteht die Sache mit dem Geld in allen Details. Es gilt noch heute, was Max Weber schrieb: „Wie dieses Geld eigentlich zu seinen merkwürdigen Sonderqualitäten kommt, weiß der Geldgebraucher nicht - da sich ja selbst die Fachgelehrten darüber heftig streiten.“

Fachgelehrte hat unser Banker durchaus an seiner Seite. Sie sagen: Das Guthaben auf dem Girokonto ist kein Geld, es ist bloß der Anspruch darauf, Geld ausgezahlt zu bekommen. Wenn man so denkt, wenn man also nur Bargeld und Zentralbankgeld „Geld“ nennt, dann schöpfen Banken tatsächlich kein Geld.

Aber für die meisten Menschen ist es doch anders. Sie sehen auch die Euros, die sie auf dem Konto haben, als Geld an. So ist man sich heute zumindest unter Notenbankern weitgehend einig: Auch Banken machen Geld. Benoît Cœuré sagt: „Die Banken haben das außergewöhnliche Privileg, Geld zu schöpfen. Das unterscheidet sie von anderen Branchen. Und deshalb müssen sie so strikt überwacht werden.“

Aber wer bestimmt denn nun am Ende, wie unser Geld entsteht? Ist die Zentralbank gar nicht so mächtig? Um das zu erfahren, müssen wir der Spur des Geldes weiter folgen.

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Erster Stock des Eurotowers. Die Mitarbeiter von Cornelia Holthausen speisen die Entscheidung von Benoît Cœuré, die Milliarden der EZB freizugeben, in den Computer. Das geschieht in einem Raum, der dem Handelssaal einer großen Bank ähnelt: Jeder Mitarbeiter hat zwei bis drei Bildschirme, daneben stehen Fähnchen, oben im Fernseher laufen Nachrichten. Um viertel nach elf an jedem Dienstag geben Holthausens Kollegen dort per Computer öffentlich bekannt, wie viel Geld die EZB in dieser Woche schafft.

Holthausen ist nicht so oft in dem Handelsraum. Ihr Büro hat die 44-Jährige ein paar Meter weiter, von dort schaut sie direkt auf das Euro-Zeichen, das vor der EZB steht. Holthausen hat sich an die Milliarden gewöhnt, die ihre Abteilung bewegt. Ihre Kinder finden es immer noch spannend, wenn sie von dem Mann erzählt, dessen Unterschrift auf den Banknoten steht und der ihr oberster Chef ist: EZB-Präsident Mario Draghi. Für sie selbst wird es eher dann aufregend, wenn es einmal ganz schnell gehen muss. Das war zum Beispiel im August 2007 so, erzählt sie. Da schossen die Zinsen hoch, die Banken liehen einander kein Geld mehr. „Da mussten wir schnell handeln. Um die Mittagszeit haben wir das Geschäft bekanntgegeben, bis drei Uhr nachmittags war das Geld vergeben.“

Normalerweise geht es langsamer zu. Montags wird das Geschäft bekanntgegeben, dienstags gibt die EZB das Geld frei, und erst Mittwochfrüh leitet Bundesbankinspektor Thomas das Geld letztlich an die Banken. Dass es nach dem Entscheid der EZB noch so lange dauert, liegt daran, dass in der Zwischenzeit noch geprüft wird, ob auch genügend Sicherheiten vorliegen. Denn Banken bekommen das Geld von der Zentralbank als Kredit. Sie müssen dafür Sicherheiten hinterlegen.

Das ist die zweite Überraschung für viele Menschen, die sich zum ersten Mal damit beschäftigen, was Geld überhaupt ist. Das Geld, das die Zentralbank ausgibt, ist nichts anderes als ein Kredit an die privaten Banken. Für ihn werden Sicherheiten hinterlegt, er muss zurückgezahlt werden. Er entsteht also nicht völlig aus dem Nichts, wie viele glauben.

Allerdings kann die Zentralbank selbst entscheiden, welche Sicherheiten sie akzeptiert. Rein theoretisch könnte sie also auch beschließen, Geld gegen die Ablieferung von drei Kilo Erdbeeren zu schaffen. Früher gab es für die nationalen Notenbanken noch Spielräume. So entschieden sie eine Zeitlang selbst, ob sie Staatsanleihen der europäischen Krisenländer als Sicherheiten für das Geld annahmen, das sie im Auftrag der EZB ausgaben. Die Bundesbank nahm die Papiere nicht an. Heute müssen alle nationalen Notenbanken Staatsanleihen von Griechenland und Portugal akzeptieren.

In Holthausens Arbeit ist seit der Finanzkrise wenig wie zuvor. Da ist die grenzenlose Geldvergabe. Vor der Krise haben die Banken Gebote abgegeben: Zu welchem Zins wollten sie wie viel Geld von der Zentralbank? Am Ende teilte die EZB eine begrenzte Summe zu. Nicht jeder bekam so viel, wie er wollte. Heute steht der Zins fest - er liegt bei niedrigen 0,25 Prozent. Und die Banken bekommen so viel Geld, wie sie wünschen - vorausgesetzt, sie bieten genügend Sicherheiten.

Das hat die Entscheidungen von Holthausens Abteilung leichter gemacht. Die Mitarbeiter müssen sich nicht mehr vorher überlegen, wie viel Geld sie insgesamt vergeben. Gleichzeitig ist es aber auch komplizierter geworden. Denn die Lage der Banken in Europa ist immer noch angespannt. Man weiß nie genau, wo es als Nächstes Probleme gibt. Auch die Banken wissen das und horten das Geld von der EZB. „Ich glaube, die Banken werden sich auf lange Sicht nicht so wenig Zentralbankgeld leihen wie vor der Krise“, sagt Holthausen.

Doch wofür brauchen Banken eigentlich Zentralbankgeld, wenn sie sich doch ihr eigenes schaffen können? Dafür muss man erst einmal verstehen, was Zentralbankgeld ist.

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Besprechungsraum in einem Bundesbankgebäude in der Frankfurter Innenstadt. Martina Göpel ist eine zurückhaltende, sachliche Frau, sie trägt die Haare kurz und strahlt exzessiv Verlässlichkeit aus. Martina Göpel erklärt Target 2. Keine Angst, es geht hier nicht um die komplizierten Salden, mit denen der Ökonomie-Professor Hans-Werner Sinn gerne veranschaulicht, wie teuer Griechenland für uns werden kann. Target 2 ist viel mehr. Vor allem anderen ist es das System, in dem Banken ihr Zentralbankgeld erhalten. Was Bundesbankinspektor Thomas freigibt, landet auf dem Target-2-Konto der entsprechenden Bank. Hat die Bank drei Milliarden Euro bestellt und die Sicherheiten reichen, so erscheinen da also drei Milliarden Euro.

So wie normale Menschen ein Konto bei der Deutschen Bank oder der Sparkasse haben, hat jede Bank in Deutschland ein Konto bei der Bundesbank. Martina Göpel ist nichts anderes als die Kundenberaterin dieser Banken. „Sie rufen uns an, wenn sie Fragen oder technische Probleme haben“, erklärt sie. Auf den Konten liegt das Zentralbankgeld der Banken - also das Geld, das Cœuré, Holthausen und schließlich Thomas in die Welt gebracht haben. Göpel kann das Konto jeder Bank in Deutschland einsehen. Als sie sich einst beworben hat, wusste sie gar nicht, was die Bundesbank eigentlich macht. Sie war im Telefonbuch die Namen aller Banken durchgegangen, hatte nicht zwischen Zentralbank und Geschäftsbank unterschieden. „Mittlerweile bin ich schlauer“, sagt sie.

Wenn die 45-Jährige heute erzählt, gelingt es ihr innerhalb weniger Minuten, für die dritte Überraschung in dieser Geschichte zu sorgen. Die lautet: Das Zentralbankgeld kann kaum hinaus in die wirkliche Welt. So kann beispielsweise die Commerzbank ihr Zentralbankgeld zwar an eine andere Bank im Target-System überweisen, an die Deutsche Bank, an Santander oder Unicredit. Aber sie kann es nicht aus dem Target-System herausnehmen, auf die Konten ihrer Kunden überweisen oder damit ein paar schicke neue Filialen bauen. Um Zentralbankgeld ins wirkliche Leben zu transferieren, kann sie es nur abheben. Dann bekommt es die Bank als druckfrisches Bargeld.

Der normale Mensch kommt mit diesem Geld kaum je in Berührung. Auch er kann nur Bargeld abheben, wenn er an Zentralbankgeld kommen will. Ein Konto bei der Zentralbank kann er nicht beantragen. Mit einer Ausnahme natürlich: wenn er seine eigene Bank gründet.

Aber mal abgesehen von der Bargeldbeschaffung: Wozu benötigt eine Bank überhaupt dieses Zentralbankgeld auf ihrem Konto? Fragen wir bei der Bank nach.

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Zurück im Turm der ungenannten Bank. Unser Experte ist vorsichtig: „Im Prinzip bräuchten wir keine Zentralbank, damit unser Geschäft funktioniert“, sagt er. Doch in der Krise, da brauchte man die Zentralbank und ihr Geld eben doch. Und zwar aus einem Grund: „Wenn die EZB Zentralbankgeld ausgibt gegen Sicherheiten, die ansonsten gerade nicht oder nur schlecht handelbar sind.“ Wenn sie also genau jene Griechenland- oder Portugal-Papiere nimmt, die gerade kein anderer will. „Die Notenbank hält den Markt in der Krise flüssig“, sagt der Banker.

In der Not sind Banken also glücklich über die EZB. Aber auch in besseren Zeiten gibt es Gründe, wieso eine Bank ihr Konto bei der Zentralbank hat.

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Bundesbankzentrale im Frankfurter Norden. Marc Resinek ist Ökonom in einer Abteilung, die sie hier in der Bundesbank kurz M nennen, M wie Märkte. Er beschäftigt sich mit Grundsatzfragen der Währungspolitik - und er kann sehr gut erklären, was kaum einer begreift. Er sagt: „Zentralbankgeld ist das Schmiermittel für das Bankensystem, für das Getriebe der Wirtschaft.“

Er kennt die Gründe, aus denen die Banken dieses Geld halten. Der erste ist simpel: Sie müssen es tun. Sie sind gesetzlich dazu verpflichtet, einen gewissen Anteil der Kundenguthaben in Form von Zentralbankgeld zu halten. Das nennt man die Mindestreserve. „In normalen Zeiten halten die Banken nicht viel mehr Zentralbankgeld als das, was sie halten müssen“, sagt Resinek.

So beeinflusst das Zentralbankgeld indirekt also doch unser Geld da draußen. Denn es ermöglicht erst die Geschäftstätigkeit der Bank und damit auch deren Geldschöpfung. Der Mindestreservesatz sichert der Zentralbank außerdem eine gewisse Macht über das gesamte Geld der Volkswirtschaft: Setzt sie den Satz hoch, können private Banken weniger Geld schaffen. Setzt sie ihn etwa auf 100 Prozent, können die Banken gar kein eigenes Geld mehr schaffen - beziehungsweise nur so viel, wie sie gleichzeitig als Zentralbankgeld auf ihrem Konto bei Martina Göpel haben.

Heutzutage ist der Mindestreservesatz so niedrig, dass er als Begrenzung für das Geld in der Welt keine Rolle spielt. Er liegt bei einem Prozent. Die EZB hat ihn in der Krise sogar noch gesenkt. Heute steuert die Notenbank die Geldmenge vor allem über den Leitzins. Er ist der Zins, den die Banken für das Geld zahlen müssen, das sie sich von der Notenbank leihen. Er ist nichts anderes als der Preis für das Geld, das sie bekommen.

Derzeit ist der Preis sehr niedrig: 0,25 Prozent, weniger geht kaum. Und die Banken haben weit mehr Zentralbankgeld, als sie müssten. Resinek weiß: „Derzeit halten alle Banken im Euroraum zusammen rund 100 Milliarden Euro mehr an Zentralbankgeld, als sie eigentlich müssten.“

Das liegt daran, dass das Geld günstig ist, aber auch an der zweiten Funktion, die das Zentralbankgeld hat: Die Banken bezahlen sich damit untereinander. Das erklärt man am besten mit einem Beispiel. Etwa mit dem Fall, dass ein Kunde der Commerzbank einem Kunden der Hamburger Sparkasse 10.000 Euro überweist und dies die einzige Überweisung an diesem Tag ist.

Jetzt muss man wissen, dass die Hamburger Sparkasse nicht bereit ist, die 10.000 Euro einfach auf dem Konto ihres Kunden auszuweisen. Sie möchte dafür eine Gegenleistung von der Bank, von der das Geld überwiesen wird. Diese Gegenleistung ist in der Regel Zentralbankgeld. Schließlich ist das supersicher und superliquide. Die Commerzbank überweist also 10 000 Euro Zentralbankgeld an die Hamburger Sparkasse. Braucht dann die Commerzbank selbst wieder mehr Zentralbankgeld, zum Beispiel weil sie ihre Mindestreserve sonst nicht erfüllt, so hat sie es früher einfach schnell bei einer anderen Bank geliehen. So war das zumindest vor der Finanzkrise.

Dieser Interbankenmarkt ist während der Krise weitgehend zusammengebrochen. Vorher liehen sich Banken untereinander täglich bis zu 450 Milliarden Euro. 2007 hörte das auf. Irgendwann gaben die Banken einander nur noch Zentralbankgeld, wenn sie mussten. Sonst horteten sie es auf ihren Konten. Denn sie sorgten sich, im Notfall ohne Zentralbankgeld dazustehen, wenn sie etwa eine große Summe an eine andere Bank zahlen mussten. Woanders konnten sie es sich nicht mehr so leicht leihen.

Zum Teil ist es noch heute so. Deshalb das viele Geld auf den Konten.

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Wo sind die Milliarden der EZB also hin, die sie seit der Krise geschaffen hat? Weg sind sie nicht. Zum Teil wurden sie an die EZB zurückgezahlt. Heute haben die Banken weniger Geld auf ihren Konten bei Bundesbank, Banque de France oder Banca d’Italia als auf dem Höhepunkt der Geldschwemme im Sommer 2012. Doch ein großer Teil der Milliarden liegt immer noch dort.

Und wieso führt das nicht dazu, dass wir alle im Geld schwimmen, dass wir alle mehr auf dem Konto haben? Das liegt daran, dass die Notenbanken das Geld eben nicht alleine schöpfen. Die Banken müssen mitspielen, schließlich sind sie die Mittler zwischen Zentralbankgeld und uns allen. Doch das tun sie nur begrenzt. Sie schöpfen derzeit nicht so viel Geld, wie es ihnen möglich wäre.

Deshalb ist die Geldmenge in Europa nur wenig gestiegen während all der Jahre, in denen die EZB die dicken Berthas erfand, die Zinsen fast auf null senkte und den Banken unbegrenzt Geld gab. Das Zentralbankgeld schoss in die Höhe, aber die Banken wurden knauserig.

Das muss man gar nicht schlecht finden. Zur Erinnerung: Wenn Banken Geld schöpfen, bedeutet das normalerweise, dass sie Kredite vergeben. Wenn Banken wenig Geld schöpfen, sind sie also vorsichtig mit der Vergabe von Krediten. Wenn es aber derzeit wenig lohnende Projekte gibt, etwa in den Krisenländern Südeuropas, dann ist es nur gut, wenn es dafür auch keinen Kredit gibt.

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Doch es gibt Menschen, die das alles nicht gut finden. Dass normale Banken Geld schaffen dürfen, halten sie für gefährlich und wollen es abschaffen. Denn Banken können sich irren, sie können aus Übermut zu viel Kredit schaffen - und damit eine Blase aufpusten. Oder sie sind zu ängstlich und bremsen dadurch die Wirtschaft. Dieser Meinung sind so unterschiedliche Leute wie die Occupy-Bewegung und der Ökonom Hans Christoph Binswanger, der Doktorvater des früheren Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann. In der Schweiz wollen sie sogar einen Volksentscheid dazu herbeiführen. Das Ziel: Banken sollen nur so viel Geld schaffen dürfen, wie sie Zentralbankgeld halten. Also so ähnlich wie ein Mindestreservesatz von 100 Prozent.

***

Auch im 34. Stock des Eurotowers kennt man die Leute, die das sogenannte Vollgeld fordern. Benoît Cœuré sieht Vorteile des Konzepts: „Das würde das Risiko von Finanzkrisen möglicherweise verringern“, sagt er. Aber die Nachteile findet er gravierender. „Das würde bedeuten, dass entweder Kredit beschränkt wird oder dass die Zentralbank komplett diktiert, wie Kredite vergeben werden. Wir sind in einer Marktwirtschaft und nicht in einer zentral gesteuerten Wirtschaft, das passt also nicht.“ Cœuré glaubt nicht, dass die EZB das kann: allein einschätzen, ob nun gerade die Flugzeugbauer oder die Maschinenbauer Kredit brauchen und wie viel Kredit die Wirtschaft Europas eigentlich gerade benötigt. Er ist für die Arbeitsteilung mit den Banken. Und er findet, die EZB hat auch so genügend Macht: „Wir sind das Zentrum. Wir legen den Leitzins und damit den Preis für Zentralbankgeld fest.“

Doch diese Macht hat zuletzt nicht mehr so gewirkt, wie es die Notenbanker gerne hätten. Der Zins liegt nahe null, trotzdem vergeben die Banken nicht so viele Kredite in den Krisenländern, wie es die EZB möchte. Schon denken Cœuré und seine Kollegen ernsthaft über andere, wildere Instrumente nach. Zum Beispiel über den Kauf von Staatsanleihen - ein Mittel am Rande der Legalität.

Die Notenbanker kämpfen mit einem Grundproblem: Der Euroraum besteht aus vielen Ländern, manche mit Problemen, manche weitgehend ohne Probleme. Dafür eine gemeinsame Geldpolitik zu machen ist fast unmöglich. Es sorgt für ständige Verwerfungen. Derzeit etwa fließt das Geld der Banken eilig in die Länder, denen es gutgeht, vor allem im Norden. Da kann die Notenbank noch so viel in die Südländer schaffen.

So landet das Geld, das wir verfolgt haben, am Ende vor allem in Frankfurt: bei deutschen Banken. Sie sitzen auf einem Berg von Geld und wissen kaum, wohin damit. Wenn das lange so geht, ist das gefährlich.

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