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Veröffentlicht: 02.06.2017, 13:20 Uhr

Neues Anlageprodukt Wer kauft ein Bündel von Eurostaatsanleihen?

Ein Finanzprodukt, das es noch gar nicht gibt, sorgt für kontroverse Debatten. Dabei ist nicht klar, wer als Käufer von „ESBies“ in Frage käme.

von
© dpa EZB-Präsident Mario Draghi

Große Finanzinvestoren aus aller Welt haben sich mit ihnen unter anderem in einer geheimen Konferenz in Paris beschäftigt, eine Ratingagentur hat eine vorläufige Einschätzung veröffentlicht, in Banken wurden schon Analysen zusammengetragen, und der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage hat sie in seinem vorletzten Jahresgutachten betrachtet: die nun von der Europäischen Kommission erwähnten „europäischen sicheren Anleihen“ (ESBies) haben eine beachtliche Karriere hinter sich. Ob sie das Tageslicht erblicken, hängt nicht allein von der Politik ab, denn sie könnten von privaten Finanzunternehmen begeben und an private Anleger verkauft werden. Bisher ist das nicht der Fall – und es bleibt fraglich, ob das Anlageprodukt „ESBies“ wirklich das Tageslicht erblickt.

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Darum geht es: Man nehme Staatsanleihen aus allen Euroländern und bündele sie in einem vorab vereinbarten Verhältnis, zum Beispiel anteilig zum Beitrag der einzelnen Länder zum BIP der Eurozone oder zu ihrem Kapitalanteil an der EZB. Dieses Bündel von Staatsanleihen wird dann im Verhältnis von 70 zu 30 in zwei verschiedene Töpfe aufgeteilt. Die Papiere in dem großen Topf werden als „europäische sichere Anleihen“ verbrieft. Ihren Status als sichere Anleihen verlieren sie nur dann, wenn ein Mitgliedstaat als Folge einer Überschuldung mehr als 30 Prozent seiner Anleihen nicht mehr bedienen kann.

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Die Staatsanleihen in dem kleineren Topf werden als „europäische Junioranleihen“ verbrieft. Sie dienen als Puffer für die „sicheren Anleihen“, denn im Falle von Zahlungsschwierigkeiten eines Eurostaates mit Zahlungsausfällen bis 30 Prozent von dessen Anleihen leiden nur die Käufer der „europäischen Junioranleihen“.

Konzept gibt es schon seit 2011

Das Konzept wurde im Jahre 2011 von einer Gruppe europäischer Ökonomen entwickelt, zu denen der an der Princeton University lehrende Deutsche Markus Brunnermeier zählt. In der EuroKrise waren sie zur Ansicht gelangt, dass es in der Eurozone nicht genügend sichere Anleihen gäbe. Mit den ESBies sollen solche Anleihen geschaffen werden, aber anders als bei Eurobonds ist keine nationale Haftung für die Papiere vorgesehen. Das wusste auch der Sachverständigenrat zu schätzen: „Der Hauptvorteil der ESBies liegt in der Schaffung einer sicheren europäischen Wertpapierklasse bei gleichzeitiger Wahrung der Marktdisziplin und ohne explizite Vergemeinschaftung der Risiken.

Der Vorschlag ist also grundsätzlich verschieden von der Einführung von Eurobonds, bei denen eine gemeinschaftliche Haftung der Mitgliedstaaten bestünde.“ Im Jahre 2011 fand der Vorschlag keine große Resonanz, aber das Interesse nahm zu, als 2016 der Europäische Ausschuss für Systemrisiken, ein Gremium, das sich mit der Sicherheit des Finanzsystems befasst, eine Analyse der ESBies veröffentlichte.

Die Befürworter des Konzepts gehen davon aus, dass ESBies in etwa so sicher sein sollten wie Bundesanleihen, weil ein großer Teil der Risiken in die Junioranleihen verpackt wird. Aber ob ESBies das erhoffte „AAA“-Rating erhalten könnten, ist alles andere als sicher. In einer ersten Einschätzung kam die Ratingagentur Standard & Poor’s zu dem Ergebnis, dass für die „sicheren Anleihen“ aus heutiger Sicht eher ein bescheidenes „BBB“-Rating angemessen erscheint, während die riskanteren Junioranleihen mit „B-“ eine sehr ungünstige Einschätzung erhielten.

Bisher zeigt kein Finanzhaus Interesse an der Emission

Standard & Poor’s betont, es handele sich nur um eine grobe Einschätzung auf der Basis des Konzepts der beiden Anleihen, und für eine präzise Beurteilung müssten sehr viel mehr Details vorliegen. Aber von einem AAA-Rating ist man sehr weit entfernt. Das hängt auch damit zusammen, dass mit der Bündelung europäischer Staatsanleihen keine große Streuung von Risiken gelingt: Die Agentur erinnerte daran, dass sie auf dem Höhepunkt der Euro-Krise auf einen Schlag die Ratings von neun Eurostaaten heruntersetzte.

Bisher zeigt kein Finanzhaus Interesse an der Emission. Vermutlich bedürfte es einer regulatorischen Sonderbehandlung, um die Papiere gerade für Banken als Käufer interessant zu machen. Eine Idee von Brunnermeier & Co. besteht darin, mit den ESBies eine sichere Anlage für Banken in Südeuropa zu schaffen, die dann weniger nationale Staatsanleihen halten müssten. Aber wenn die ESBies niedriger rentieren sollten als südeuropäische Staatsanleihen, wären sie nicht sehr attraktiv. Hinzu kommt, dass die Ausgabe sicherer Anleihen nur funktioniert, wenn parallel riskantere Junioranleihen ausgegeben werden. Auch für diese brauchte man Käufer.

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