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Veröffentlicht: 02.02.2016, 10:15 Uhr

Kuriosum als Dauerzustand Wem nützen Negativzinsen?

Ein Kuriosum wird zur Normalität: Am Markt für Anleihen haben Papiere im Volumen von mehr als fünf Billionen Euro negative Renditen. Die langfristigen Kosten sind erheblich.

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© Reuters Die Schweizer Nationalbank hat Strafzinsen von 0,75 Prozent etabliert.

Als die Bundesrepublik Deutschland im Januar 2012 erstmals neue Wertpapiere mit einer negativen Rendite verkaufte, sagte ein Sprecher der Finanzagentur des Bundes: „Das wird nicht von Dauer sein, sondern ein temporäres Ereignis bleiben.“ Der gute Mann war fraglos nicht der Einzige, der Negativzinsen als eine Kuriosität betrachtete, die sich allenfalls aus dem Status Deutschlands als sicherer Hafen für Anleger inmitten der heißen Phase der Euro-Krise erklären mochte. Aber welcher Anleger würde auf Dauer bereit sein, einem Schuldner Geld zu schenken?

Gerald Braunberger Folgen:

Denn ein Negativzins ist nichts anderes als eine Art Geschenk: Nicht der Schuldner muss für den Kredit einen Zins zahlen, sondern der Anleger muss dafür zahlen, dass der Schuldner Geld von ihm annimmt. Negative Zinsen verteilen Vermögen von Gläubigern zu Schuldnern um. Gerade in Deutschland wurde ein negativer Zins damals als Ausdruck von Verrücktheit betrachtet.

Schweizer Anleihen rentieren am niedrigsten

An diesem Eindruck hat sich bis heute wenig geändert, aber unterdessen ist der Negativzins salonfähig geworden. Derzeit weisen in der Welt Staatspapiere im Wert von rund 5 Billionen Euro negative Renditen aus. Dies gilt für weite Teile der deutschen Staatsschuld, aber auch für viele Anleihen zum Beispiel aus Frankreich, Österreich, den Niederlanden, aus Skandinavien und aus Japan.

Die niedrigsten Renditen auf seine Staatsanleihen hat ausgerechnet die Schweiz, die in Deutschland ansonsten gern als wirtschaftspolitisches Vorbild betrachtet wird. Zweijährige Staatsanleihen rentieren mit minus 1,05 Prozent. Nichts spricht für ein Verschwinden des Negativzinses auf absehbare Zeit. Im Gegenteil richtet er sich in der Welt der Kapitalmärkte häuslich ein.

Infografik / Renditestrukturkurven von Staatsanleihen © F.A.Z. Vergrößern

Neu ist der Negativzins allerdings nicht. Schon vor rund vier Jahrzehnten betrat er die Bühne - und zwar ausgerechnet in der Schweiz. Als damals in einer Welt hoher Inflationsraten und stark schwankender Wechselkurse viel Geld aus dem Ausland in die als stabil wahrgenommene Eidgenossenschaft floss, reagierten die Schweizer mit hohen Gebühren auf Bankeinlagen von Ausländern. Diese Gebühren wurden als Negativzins verstanden und sollten Ausländer abschrecken, weil die Schweizer eine zu starke Aufwertung ihres Frankens fürchteten.

In unserer Zeit ist die Suche nach sicheren Anlagen ein Grund für das Wiederauftauchen des Negativzinses. Die beiden anderen Gründe sind die Geldpolitik und die gesamtwirtschaftliche Lage, und hier vor allem die Kombination aus schwachem Wirtschaftswachstum und ungewöhnlich niedrigen Inflationsraten. Dabei gilt als Faustregel: Der Einfluss der Geldpolitik auf die Rendite ist umso größer, je kürzer die Laufzeit einer zinstragenden Anlage ist. Denn die von Notenbanken festgelegten Leitzinsen sind kurzfristige Zinsen. Je länger die Laufzeit wird, umso stärker wirken andere Einflüsse wie die Bonität auf die Rendite.

 
Die langfristigen Kosten von Negativzinsen sind erheblich.

Fünf Notenbanken haben in den vergangenen Jahren Leitzinsen in den negativen Bereich fallen lassen: die Nationalbank in Dänemark seit Juli 2012, die Europäische Zentralbank seit Juni 2014, die Schweizerische Nationalbank seit Dezember 2014, die schwedische Reichsbank seit Februar 2015 und seit vergangener Woche auch die Bank von Japan. Die niedrigsten Notenbankzinsen mit minus 0,75 Prozent besitzt die Schweiz; Dänemark hat seinen Zins kürzlich von minus 0,75 auf minus 0,65 Prozent leicht heraufgesetzt. Für den Fall einer Wirtschaftsschwäche hat die Bank von Kanada negative Zinsen in Aussicht gestellt.

Da die fünf Notenbanken auch auf andere Weise eine expansive Geldpolitik betreiben, zum Beispiel durch Anleihekaufprogramme oder Interventionen an Devisenmärkten, lässt sich der Effekt der negativen kurzfristigen Leitzinsen auf die Renditen der Anleihen nicht präzise bestimmen, aber er dürfte, wenn auch vermutlich in unterschiedlichem Maße, vorhanden sein.

„Negative Leitzinsen im Euroraum, Dänemark und der Schweiz wurden von negativen Renditen für Staatsanleihen vor allem mit kürzeren Laufzeiten begleitet“, schreibt die Weltbank in einer Analyse. Am vergangenen Freitag reagierten die Märkte für Staatsanleihen aus allen Industrienationen mit einem spürbaren Rückgang der Renditen auf die überraschende Nachricht des negativen japanischen Leitzinses.

Negativer Zins wenig schädlich

Dabei ist darüber hinaus eine direkte geldpolitische Wirkung schwer nachweisbar. „Das Fazit lautet, dass sich entgegen vielerlei Befürchtungen negative Zinsen nicht als sehr schädlich oder destabilisierend für Banken, Finanzmärkte und Volkswirtschaften erwiesen haben“, kommentiert das Analysehaus Oxford Economics.

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