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Beschluss der Fed : Notenbanken suchen das Bremspedal

Der Hauptsitz der Fed (Federal Reserve System) in Washington, D.C. Bild: AFP

Die Fed will bald über eine Verkleinerung ihrer Bilanz beschließen, indem sie weniger Anleihen kauft. In Europa ist man noch nicht so weit. Die Märkte kümmern sich bisher nicht darum.

          Die Botschaft ist klar. „Nahezu alle Führungsmitglieder“ hätten sich positiv zu einem Programm geäußert, das eine „graduelle und vorhersehbare“ Reduzierung der Anleihekäufe durch die amerikanische Notenbank vorsieht, heißt es auf Seite 12 des Protokolls der Sitzung des amerikanischen Zentralbankrats von Anfang Mai. Beschlossen ist das neue Programm noch nicht, aber nach Ansicht vieler Teilnehmer an den Finanzmärkten dürfte der Beschluss noch vor dem Jahresende folgen. „Wir erwarten eine Ankündigung im September“, schreiben Analysten der Investmentbank Morgan Stanley.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Das Ergebnis wäre eine Trendwende in der amerikanischen Geldpolitik, die Schwarzseher seit Jahren für unmöglich erklärt hatten, weil es dann an den Finanzmärkten angeblich zu einem Zusammenbruch kommen würde. Tatsache ist, dass die Finanzmärkte auf die Ankündigung der Trendwende völlig gelassen reagieren. „Zur Kenntnis nehmen und vergessen“, raten die Fachleute von Morgan Stanley. Die Renditen zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen haben sich in den vergangenen Tagen kaum verändert.

          Bestände und Bilanzsumme reduzieren

          Darum geht es: Die Fed hat in den Jahren nach dem Ausbruch der Finanzkrise ihre Bilanzsumme durch Käufe von Anleihen über mehr als 4 Billionen Dollar in einem vorher undenkbaren Ausmaß steigen lassen. Derzeit besitzt die Fed für 2,5 Billionen Dollar Staatsanleihen und für 1,8 Billionen Dollar Hypothekenanleihen. Seit Ende 2014 stockt die Fed ihre Anleihebestände nicht mehr auf, aber trotzdem ist sie als ein bedeutender Anleihekäufer am Markt. Denn bisher will die amerikanische Notenbank verhindern, dass ihre sehr umfangreichen Anleihebestände abschmelzen. Und da die Anleihen eine begrenzte Fälligkeit haben, ersetzt sie auslaufende Papiere durch neue Anleihen.

          Bild: F.A.Z.

          Das nun diskutierte Programm sieht vor, künftig nicht mehr alle auslaufenden Anleihen zu ersetzen, um so die Wertpapierbestände und damit auch die Bilanzsumme der Fed im Laufe der kommenden Jahre zu reduzieren. Die Fed war seit Jahren der wichtigste Käufer am amerikanischen Anleihemarkt. Nun sendet sie Signale, dass sie künftig weniger Anleihen kaufen will – aber der Markt reagiert nicht mit sinkenden Kursen und höheren Renditen.

          Banken zeigen sich überrascht

          Ein Grund besteht in der Absicht der Fed, ihre Anleihebestände nur langsam zu reduzieren, um Verwerfungen an den Finanzmärkten zu vermeiden. „Das ist so, als würde man zusehen, wie Farbe an einer Wand allmählich trocknet“, sagte der Präsident der Federal Reserve Bank of Philadelphia, Patrick Harker, in einer Rede. Nach der Veröffentlichung des Sitzungsprotokolls der Fed zeigte man sich in amerikanischen Banken überrascht, weil die Fed ihr neues Programm offenbar schneller ins Werk setzen will als bisher vom Markt erwartet. Dafür aber dürfte sie behutsam vorgehen.

          Bild: F.A.Z.

          In der Großbank J.P. Morgan Chase erwartet Chefvolkswirt Michael Feroli zunächst monatliche Reduzierungen der Anleihebestände von 8 Milliarden Dollar für Staatsanleihen und 4 Milliarden Dollar für Hypothekenanleihen. Im Laufe des kommenden Jahres dürften sich diese Beträge vergrößern. „Schritte eines Babys“ sagt Kevin Cummins von Natwest Markets voraus.

          Umstrittener Beschluss in Schweden

          In Europa sind die Notenbanken noch nicht so weit, aber auch hier finden Debatten über die Anleihekaufprogramme statt. In Schweden hatte die Reichsbank ihr Programm kürzlich überraschend ausgeweitet, aber der Beschluss war intern so umstritten, dass Gouverneur Stefan Ingves auf sein Recht zurückgreifen musste, bei Stimmengleichheit im Zentralbankrat eine Entscheidung in seinem Sinne herbeizuführen. In Großbritannien hatte die Bank of England nach dem Brexit-Votum ihr im Jahre 2012 eingestelltes Anleihekaufprogramm reaktiviert.

          Derzeit richten sich die Blicke in Europa vor allem auf die Europäische Zentralbank (EZB). Sie hatte im Frühjahr 2015 mit monatlichen Anleihekäufen von 60 Milliarden Euro begonnen. Zwischenzeitlich wurden die monatlichen Käufe auf 80 Milliarden Euro erhöht, aber seit April 2017 belaufen sich die Käufe wieder auf 60 Milliarden Euro. Die Reduzierung im Frühjahr hatte keinen sichtbaren Einfluss auf die Anleiherenditen.

          Am Markt kursieren Spekulationen, nach denen die EZB ihr zunächst bis Jahresende laufendes Kaufprogramm verlängert, aber voraussichtlich auf ihrer Sitzung im September eine Reduzierung der monatlichen Käufe ab Januar ankündigen wird. Aber auch falls die EZB, wie viele Banken vermuten, im kommenden Jahr ihr Anleihekaufprogramm offiziell beenden wird, dürfte dies zunächst nur bedeuten, dass sie ihre Wertpapierbestände nicht mehr ausweiten wird. Sie dürfte danach aber – wie derzeit noch die Fed – fällig werdende Anleihen durch neue Papiere ersetzen. Bis zu einer Reduzierung der Anleihebestände der EZB dürfte es noch ein langer Weg sein.

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          Quelle: F.A.Z.

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