Nach Berichten von Augenzeugen ist der Flieger von Zürich nach Singapur schon seit längerer Zeit sehr gut gebucht. Es gibt zwar keine Statistiken, wohl aber Geraune, dass gut betuchte Privatanleger dabei sind, Teile ihres Vermögens nach Südostasien zu verlagern. Vermögensanleger berichten von Anlegern, die ihr Heil in Wäldern jenseits des Horizonts suchen, während am Taunushang Frankfurter Banker beim Kauf von Edelmetallen beobachtet wurden. Viele Banken legen das Geld, dass sie sich von der Europäischen Zentralbank ausleihen, gleich wieder bei der EZB an, anstatt die im Prinzip rentablere Kreditvergabe an Kunden zu bevorzugen.
Krisen erzeugen Verunsicherung, eine längere Zeit dauernde Verunsicherung kann Sorgen und im Extremfall Katastrophenängste erzeugen. All das ist verständlich, aber es kann trotzdem nicht schaden, auch in Krisen einen kühlen Kopf zu bewahren, auch wenn gerade in Krisen niemand der Erfahrung widersprechen kann, wonach sich nichts so schlecht voraussagen lässt wie die Zukunft. Daraus ist aber nicht zu schließen, dass die Zukunft zwingend dramatische Ereignisse bescheren müsste, aber viele Menschen denken in Zeiten großer Verunsicherung gerne in Extremen.
Krisenzeiten als Chance
Ein Beispiel ist die Diskussion darüber, ob man sich eher vor einer schlimmen Inflation oder vor einer bitteren Deflation fürchten sollte. Das eine wie das andere ist nicht völlig auszuschließen, aber ebenso ist möglich - und vielleicht sogar wahrscheinlicher -, dass weder das eine noch das andere eintritt und die Inflationsrate wie in den vergangenen 20 Jahren im niedrigen einstelligen Prozentbereich verharrt. Anlegern kann man in Zeiten hoher Unsicherheit nur das raten, was man ihnen auch in ruhigeren Zeiten raten würde: die Streuung des Vermögens.
Wie man im Einzelnen streuen will, hängt von der Höhe des Vermögens und der eigenen Risikoneigung ab. Nicht vergessen werden darf, dass gerade Krisenzeiten auch die größten Chancen für risikofreudige Anleger bieten. Krisenzeiten sind aber auch Umbruchzeiten, und an den Finanzmärkten haben diese Umbrüche begonnen. Wohin sie im Einzelnen führen werden, ist nicht exakt prognostizierbar, aber immerhin lassen sich mehrere Trends erkennen. Der vielleicht wichtigste Trend ist eine Reduzierung der Geschäftsumfänge der Banken zumindest in Europa, aber auch in den Vereinigten Staaten. Das Wachstum der Geld- und Kreditmengen in den vergangenen 20 Jahren sowie das sehr starke Wachstum der Kapitalmarktgeschäfte ist ohne den Expansionsdrang der Banken nicht erklärbar.
Kreditklemme als Ausweichreaktion
Hier ist unter dem Einfluss neuer Regulierungen und eines gewachsenen Risikobewusstseins der Anfang einer Konsolidierung unverkennbar. Ob Prognosen, man werde die Bankbranche in zehn Jahren nicht mehr wiedererkennen, eintreten werden, ist nicht sicher, da sich an der grundlegenden gesamtwirtschaftlichen Aufgabe einer Bank, der Vermittlung von Ersparnissen und Krediten, nichts ändern wird. Die Frage ist vielmehr, ob eine Bank jenseits des Einlagen- und Kreditgeschäfts weiterhin zahlreiche hochpreisige Dienstleistungen verkaufen kann, ohne die attraktive Renditen auf das Eigenkapital nicht zu erzielen sein werden.
Die Konsolidierung des Bankgeschäfts hat zum einen Ausweichreaktionen zur Folge, die für Anleger interessant sein können. So ist derzeit in Europa viel die Rede von einer bevorstehenden Kreditklemme. Damit ist gemeint, dass Unternehmen nicht genügend Kredit von den geschwächten Banken erhalten werden. Was in einer solchen Situation geschehen kann, zeigt das Beispiel der Vereinigten Staaten. Dort haben die Banken in den Krisenjahren 2007 bis 2009 ihre Kreditvergabe zurückgenommen, worauf die Unternehmen sich ihre benötigten Mittel über die Ausgabe zusätzlicher Anleihen direkt von Kapitalanlegern besorgt haben. Auf diese Weise wurden Finanzierungsengpässe nicht zu einem bedeutenden Problem. Eine solche Entwicklung ist auch in Europa vorstellbar, wo die Märkte für Unternehmensanleihen sehr viel kleiner sind als in den Vereinigten Staaten und ein beachtliches Wachstumspotential besitzen. Für viele Anleger bieten sich Unternehmensanleihen als Alternative zu Staatsanleihen an, wobei ein Erwerb ohne die Prüfung der Bonität des Schuldners leichtsinnig wäre.
„Regulierungsarbitrage“ als Einflussfaktor
Eine zweite Ausweichreaktion lässt sich in der Finanzierung bedeutender Immobilien- und Infrastrukturprojekte beobachten. Es ist kein Geheimnis an den Märkten, dass sich auch deutsche Banken in diesen Geschäften nicht zuletzt wegen der strengeren Eigenkapitalregeln derzeit zurückhalten. Stattdessen gibt es Hinweise aus der Branche, dass sich Versicherungen stärker an solchen Finanzierungen beteiligen. Ökonomen benutzen für diese Entwicklung den Begriff "Regulierungsarbitrage", weil zu dieser Geschäftsverlagerung von den Banken zu den Versicherungen eine neue Regulierung der Banken beiträgt, der keine neue vergleichbare Regulierung der Versicherer entgegensteht.
"Regulierungsarbitrage" ist an den internationalen Finanzmärkten seit vielen Jahren ein bedeutsamer Einflussfaktor, weil es wohl keine anderen Märkte gibt, deren Teilnehmer so unterschiedlich reguliert sind wie die Teilnehmer an den Finanzmärkten: Banken sind hoch reguliert. Versicherungen, Pensionsfonds und Investmentfonds sind auch reguliert, aber weniger als Banken. Hedgefonds sind nur schwach reguliert. Im konkreten Fall soll die Beteiligung an Projektfinanzierungen den Versicherern Renditen bescheren, die sie mit den landläufigen Staatsanleihen und Pfandbriefen nicht erzielen können. Ob dies funktioniert, wird für jene Kunden von Interesse sein, die von Versicherungen Geld verwalten lassen.
Kleinere Brötchen backen
Eine größere Zurückhaltung der Banken kann ferner zu Ineffizienzen an den Finanzmärkten beitragen, denn mit den Banken muss auch die Hedgefonds-Branche, die sich nicht mehr so einfach bei Banken verschulden kann, kleinere Brötchen backen. Dies trägt zu einer stärkeren Segmentierung einzelner Finanzmärkte bei, die durch die Notwendigkeit, stetig steigende Informationsmengen verarbeiten zu müssen, ohnehin Auftrieb erhält. Normalerweise sorgen an effizienten Finanzmärkten Arbitragegeschäfte dafür, dass sich die Bewertungen an verwandten Märkten aneinander anpassen.
Als Folge einer rückläufigen Beobachtung und Pflege von Märkten, die sich in einer geringeren Liquidität äußern, stellen sich in Krisen immer wieder Bewertungsunterschiede ein, die früher oder später Renditejäger anlocken sollten. So entstanden in der Krise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers erhebliche Bewertungsunterschiede zwischen Aktien und Wandelanleihen amerikanischer Unternehmen, weil die auf Arbitrage zwischen diesen Papieren spezialisierten Hedgefonds ausfielen, worauf der Markt für Wandelanleihen vorübergehend illiquide wurde.
Konkurrenz für London
In der aktuellen Krise in Europa lassen sich ebenfalls derartige Bewertungsdifferenzen beobachten, zum Beispiel zwischen den Bewertungen von Aktien, Anleihen und Kreditausfallderivaten (CDS) auf europäische Banken. Die CDS zeigen ein Ausfallrisiko an, das sich weder anhand der Aktienkurse noch der Anleiherenditen beobachten lässt. Der Grund hierfür ist, dass in den einzelnen Märkten für Bankpapiere unterschiedliche Anlegergruppen tätig sind. Normalerweise verhindern Arbitragegeschäfte durch Hedgefonds oder Banken eine zu auffällige Segmentierung dieser Märkte, aber in dieser Krise fehlt es an der Arbitrage.
Daher sind Fondsgesellschaften auf die Idee gekommen, sich in diesem Geschäft zu betätigen. Auch die wachsende Bedeutung börsennotierter Indexfonds (ETF), deren Manager Märkte nur nachbilden, aber nicht analysieren, kann dazu führen, dass relevante Informationen an Märkten nur mit Verzögerung beachtet werden. Ein weiteres wichtiges Thema an den Finanzmärkten ist die Geschäftsverlagerung nach Asien. Die wichtigste Konkurrenz für den Finanzplatz London ist nicht New York oder Frankfurt, sondern Singapur, Hongkong und Schanghai. Schon heute ist zu beobachten, wie asiatische Banken versuchen, europäische Banken zu verdrängen. Namhafte Europäische Unternehmen finden Gefallen an Börsennotierungen in Hongkong, während umgekehrt nur sehr kleine chinesische Unternehmen eine Börsennotierung in Deutschland anstreben.
Die Vereinbarung zwischen China und Japan, bilateralen Zahlungsverkehr auf der Basis der nationalen Währungen und damit ohne die bisher übliche Zwischenschaltung des Dollar abzuwickeln, unterstreicht den Anspruch Pekings auf Emanzipation von den Vereinigten Staaten. Möglicherweise wird China dem Euroraum in absehbarer Zeit ein ähnliches Angebot unterbreiten. Gegenwärtig werden etwas mehr als 60 Prozent der Währungsreserven in Dollar und knapp 30 Prozent in Euro gehalten - alle anderen Währungen spielen keine bedeutende Rolle. Es wäre erstaunlich, wenn sich dieses Duopol noch lange halten könnte.
Der Aufstieg Asiens, dessen wirtschaftliche und politische Konsequenzen noch gar nicht vollständig absehbar sind, ändert nichts daran, dass die Erde in der Ära der wirtschaftlichen und finanziellen Globalisierung und der modernen Informationstechnologie immer mehr einem eng vernetzten Dorf ähneln wird, in dem sich alles gegenseitig beeinflusst und alles zusammengehört. Wirtschaftliches oder finanzielles Unheil in den Industrienationen wird auf den gesamten Globus wirken, ein Börsenkrach in China auch New York und Frankfurt treffen, und politische Stabilität in Schwellenländeregionen besitzt vielleicht keine Ewigkeitsgarantie. Vielleicht werden dies eines Tages auch jene Anleger am eigenen Leibe spüren, die heute frohgemut den Flieger von Zürich nach Singapur besteigen oder die sich sicher fühlen, nachdem sie in Osteuropa Wald oder in Lateinamerika Ländereien erworben haben.
Was soll das denn?
Franz Maier (Meckerpott)
- 02.01.2012, 17:35 Uhr