10.02.2010 · Die Aussichten für Arbeiterlöhne sehen trotz an Fahrt gewinnender Erholung der amerikanischen Wirtschaft düster aus. Familien werden wegen der Überkapazitäten am Arbeitsmarkt dazu gezwungen sein, von stagnierenden Einkommen zu leben.
Von Chris FarrellEs ist nicht überraschend, dass die Einkommen von Arbeiternehmern während der Großen Rezession unter Druck standen. Wenn sich die Wirtschaft verlangsamt, schnallen Arbeitgeber den Lohngürtel üblicherweise enger, wobei der letzte Rückgang seit den 1930er Jahren der schlimmste war. Den meisten Arbeitnehmern ist bewusst, dass die Arbeitgeber bei einer offiziellen Arbeitslosenrate von 9,7 Prozent und einer laut des am 5. Februar veröffentlichten Januarberichts des Arbeitsministeriums bei 16,5 Prozent liegenden Zahl der Arbeitsuchenden, inklusive geringfügig Beschäftigten und Teilzeitarbeitern, die Vollzeitstellen suchen, nicht unbedingt große Lohnerhöhungen verkünden können.
Beunruhigend ist jedoch, dass die Aussichten für Löhne und Gehälter sowohl kurz- als auch langfristig auch dann noch düster aussehen, wenn der wirtschaftliche Aufschwung in vollem Gange ist. Die finanzielle Entlohnung ist bei der Mehrheit der Arbeitnehmer während der vergangenen drei Jahrzehnte gering geblieben. Ob das Maß nun Lohn, Gewinn oder Gesamtentgelt ist, die Geschichte der inflationsbereinigten Löhne ist dieselbe: Während der Entwicklung der vergangenen vier Konjunkturzyklen sind die inflationsbereinigten Löhne der Arbeitnehmer nur geringfügig gestiegen, wobei jedoch die oberen 10-15 Prozent der Arbeitnehmer die meisten Lohnzuwächse verzeichnen konnten. Eine der großen Lehren der Großen Rezession ist, wie finanziell verwundbar Arbeitnehmer in Zeiten sind, in denen Jobs und Löhne unsicherer sind als je zuvor.
„Wir haben keine gesunde Wirtschaft“, sagt Paul Osterman, Professor für Personalwesen und Management an der MIT Sloan School of Management. „Die Wahrnehmung ist gemeinhin, dass dies ein heikler Arbeitsmarkt ist.“
Lohnerhöhungen werden niedrig bleiben
Der durchschnittliche Stundenlohn für alle Beschäftigten in der Privatwirtschaft stieg nach Angaben des Amts für Arbeitsmarktstatistik während der vergangenwn zwölf Monate um zwei Prozent. Laut Hewitt Associates (HEW), einem Unternehmen für Personalmanagement-Beratung, wird erwartet, dass größere Arbeitgeber das Grundgehalt ihrer Angestellten dieses Jahr um nur 2,5 Prozent erhöhen werden. Das wäre die bislang zweitniedrigste verzeichnete Gehaltserhöhung, wobei die 1,8 Prozent vom letzten Jahr die niedrigste Erhöhung darstellen. Um die Fixkosten gering zu halten greifen Unternehmen auf variable Entgeltsysteme, jährliche pauschale Bonuszahlungen zurück, die nicht auf das Grundgehalt angerechnet werden. Etwa 90 Prozent der amerikanischen Kapitalgesellschaften haben ein breites variables Entgeltsystem für alle Angestellten unterhalb der Geschäftsführungsebene eingeführt, verglichen mit weniger als 50 Prozent Anfang der 1990er Jahre.
„Ich wünschte, ich könnte ein schöneres Bild von der Zukunft malen“, sagt Ken Abosch, Leiter der Lohnberatung von Hewitt in Nordamerika. „Aber es ist, wie es ist, und wir sollten uns besser daran gewöhnen.“
Diejenigen, die Arbeit haben, werden 2010 voraussichtlich mehr Zeit im Büro oder am Fließband verbringen. Üblicherweise erhöhen Arbeitgeber die Arbeitsstunden ihrer vorhandenen Arbeitskräfte am Anfang einer wirtschaftlichen Erholung, bevor sie neue Stellen ausschreiben. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit für Angestellte in der Privatwirtschaft lag im Januar bei 33,9 Stunden. Rechnet man dies mit der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit zu Beginn der Rezession im Dezember 2007 (34,7 Stunden) auf, entspricht das 2,5 Millionen Neueinstellungen, meint Heidi Shierholz, Wirtschaftswissenschaftlerin am Economic Policy Institute (EPI) in Washington.
Wie viele Arbeitnehmer ziehen auch nur den Gedanken in Erwägung, in das Büro ihres Chefs zu marschieren und auf eine Gehaltserhöhung von fünf bis zehn Prozent dieses Jahr zu bestehen oder andernfalls mit der Kündigung zu drohen? In den meisten Fällen würde der Chef mit einem „Auf Wiedersehen“ antworten - vorausgesetzt, er kann vor lauter Lachen noch antworten.
Trennung von Produktivität und Löhnen
Die Geschichte der Einkommen in Amerika ist eine zutiefst beunruhigende. Der durchschnittliche inflationsbereinigte Stundenlohn für Produktions- und nicht weisungsbefugte Angestellte (eine Kategorie, die 80 Prozent der Arbeitskräfte beinhaltet und nur höher bezahlte Manager und Vorgesetzte außen vorhält) ist laut EPI von 1979 bis 2007 nur um verschwindend geringe 0,1 Prozent pro Jahr gestiegen. Ein mächtiger Zusammenschluss wirtschaftlicher und sozialer Kräfte hat sich gebildet, um die Löhne für die meisten Arbeitnehmer niedrig zu halten, mit Ausnahme einer kurzen Zeitspanne weißglühenden Wirtschaftswachstums von 1995 bis 2000. In der Privatwirtschaft sind Gewerkschaften größtenteils verschwunden. Unternehmen haben alle möglichen Aufgabenbereiche in günstigere Standorte nach Übersee verlagert oder an billige Subunternehmer im Heimatland vergeben. Die Aufwärtsspirale der Gesundheitskosten hat die Löhne aufgefressen. Der von der Globalisierung, Deregulierung und vom Technologieumbruch entfesselte starke Wettbewerb hat die Arbeitsentgelte mit eiserner Hand unten gehalten.
Die traditionelle Verbindung zwischen Verbesserung der Produktivität und höheren Löhnen wurde gekappt. Produktivitätswachstum ist der wichtigste Grundstein für bessere Lebensstandards. Normalerweise bewegen sich Lohn- und Produktivitätswachstum gemeinsam; jetzt jedoch nicht mehr. Während der Expansion der 2000er stieg die Produktivität sprunghaft um elf Prozent an, wohingegen sich der durchschnittliche Stundenlohn nicht rührte.
Diese Trennung ist möglicherweise eine große Sache. Der verstorbene Management-Philosoph Peter Drucker hat einmal bemerkt, dass für Karl Marx und andere Ökonomen des 19. Jahrhunderts der einzige Weg zur Produktivitätssteigerung war, die Arbeiter härter und länger arbeiten zu lassen. Diese Perspektive steht hinter seiner berühmten Proklamation, dass den Arbeitern eine Zukunft relativer „Verelendung“ oder Verarmung bevorstünde. Deshalb feierte Drucker den Aufstieg amerikanischer Ingenieure wie Frederick Taylor und Managementgurus wie Alfred Sloan: Sie standen für das wirtschaftliche und soziale Versprechen intelligenter Arbeit. Steigende Produktivität bedeutete nun, dass die Löhne der Angestellten steigen und gleichzeitig die Preise für Waren und Dienstleistungen sinken konnten.
„Ohne Taylor wäre die Zahl der Industriearbeiter zwar immer noch schnell gestiegen, aber sie wären Marx' ausgebeutete Proletarier gewesen“, schrieb Drucker. „Stattdessen wurden die Industriearbeiter mit ihrer steigenden Anzahl in Bezug auf Einkommen und Lebensstandard auch immer mehr zur Mittelklasse und zum Bürgertum.“ Heute scheint es so, als wären wir zurück in der Zukunft.
Trostlose langfristige Aussichten
Natürlich ist Amerika eine sehr viel wohlhabendere Gesellschaft als noch vor drei Jahrzehnten. Auch nach dem Trauma der Großen Rezession haben Amerikaner noch größere Häuser, Autos, Fernseher und andere Dinge. Computer, das Internet, Handys und andere Telekommunikationsgeräte haben das tägliche Leben verändert. Und nicht alles wurde mit schuldenfinanzierten Illusionen gekauft. Wir sind wohlhabender, weil das Einkommen der Familien gestiegen ist, als Frauen erwerbstätig wurden. 1968 arbeiteten 38 Prozent der verheirateten Frauen (mit Kindern) im Alter von 25 bis 54 Jahren außerhalb des Hauses. Diese Zahl liegt mittlerweile bei über 70 Prozent. Darüber hinaus arbeiten Mama und Papa etwa 20 Prozent länger als 1968.
Doch der Geldschub durch die Zunahme der Ehepaare mit zwei Gehältern ist abgeschwächt (und nein, leider können die Kinder noch nicht zur Arbeit geschickt werden). Familien werden dazu gezwungen sein, von stagnierenden Einkommen zu leben.
Für viele der Entlassenen verschlechtert sich die langfristige Einkommenssituation. Untersuchungen zeigen im Wesentlichen, dass eine große Anzahl sich nie von dem finanziellen Verlust erholt. Nach der tiefen Rezession Anfang der 1980er beispielsweise dauerte es vier bis fünf Jahre, bis sich die Löhne insgesamt erholt hatten. Till Marco von Wachter, Wirtschaftswissenschaftler an der Columbia Universität untersuchte die Erfahrungen von Arbeitnehmern, die bei Beginn der Rezession feste Anstellungen hatten und während des Abschwungs entlassen wurden. Er rechnete aus, dass der kurzfristige Lohnausfall im Jahr direkt nach Erhalt der Kündigung bei etwa 30 Prozent, der durchschnittliche langfristige Verlust bei 15 Prozent lag. 25 Prozent der entlassenen Arbeitnehmer erreichten wieder dasselbe oder ein besseres Lohnniveau, dem Rest hingegen erging es schlechter. „Es gibt nichts was dagegen spräche, dass es dieses Mal sehr viel anders sein wird“, sagt Wachter.
Und da liegt der Hund begraben. Am Ende des Tunnels deutet nichts darauf hin, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer in naher Zukunft ein größeres Stück des wirtschaftlichen Kuchens mit nach Hause bringen wird. Die trostlosen Aussichten für Löhne und die wachsende finanzielle Unsicherheit sind keine vorübergehenden Phänomene, die den Abwärtsschwung einer Rezession und die Zerbrechlichkeit der Erholung widerspiegeln. Es ist verständlich, dass sich die meisten Menschen über die prekäre Lage am Arbeitsmarkt Sorgen machen, dennoch wird er sich mit der Zeit erholen. Von den Löhnen der Arbeitnehmer und den Familieneinkommen kann man jedoch nicht dasselbe behaupten. Und diese Aussichten sind eine langfristige Bedrohung für Amerikas Wohlstand.