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Anleihen : Wachsende Renditeunterschiede im Euroraum

Seit dem Sommer 2016 ist ein Anstieg der Renditen in Italien zu sehen. Das liegt an den politischen Unsicherheiten. Bild: AP

Der Anstieg der Anleiherenditen betrifft alle Länder. Aber die Anleger beginnen wieder mehr auf politische und wirtschaftliche Unterschiede zu achten.

          Seit Monaten steigen die Renditen der Anleihen vor allem mit langen Laufzeiten. Der Trend geht von den Vereinigten Staaten aus, und über den transatlantischen Zinszusammenhang erreicht er auch Europa. Aber auch heimische Gründe spielen eine Rolle, darunter der Anstieg der Inflationsrate und bessere wirtschaftliche Aussichten in der Eurozone. Mehrere Finanzhäuser haben in den vergangenen Wochen angekündigt, ihre Konjunkturprognosen für das laufende Jahr nach oben zu revidieren.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Und auch in diesen Tagen kamen gute Nachrichten: In Frankreich befindet sich das Vertrauen der Konsumenten in die wirtschaftliche Lage auf seinem höchsten Stand seit 2007. Die Arbeitslosenrate in Spanien ist mit (immer noch hohen) 18,6 Prozent auf den niedrigsten Stand seit dem Jahre 2009 gefallen. Sogar aus Italien kommen gute Nachrichten: Dort ist das Vertrauen in der Industrie auf den höchsten Stand seit Oktober 2015 geklettert. Am Freitag veröffentlichte Daten der Europäischen Zentralbank zeigen, dass im Euroraum die Kreditvergabe an Unternehmen immer besser in Gang kommt.

          Renditedifferenzen werden größer

          Diese Einflüsse haben die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen in dieser Woche auf bis zu 0,50 Prozent steigen lassen. Das ist ein Niveau, das den Analysten der Citigroup derzeit auch angemessen erscheint. Nach Ansicht der Commerzbank hingegen erscheinen die aktuellen Bewertungen überzogen und durch einen „toxischen Mix aus Reflations- und Anti-Establishment-Risiken“ beeinflusst. Allerdings fehle es zumindest kurzfristig an einem Auslöser, der für eine Korrektur der aus der Sicht der Commerzbank zu hohen Renditen führt.

          Bild: F.A.Z.

          Am bemerkenswertesten ist jedoch nicht der Anstieg der Renditen für Bundesanleihen, sondern die wachsenden Renditedifferenzen im Euroraum, die der lange Zeit populären Ansicht widersprechen, die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) kleistere alle Renditen zusammen. Stattdessen verlangen die Anleger für Anleihen aus Staaten mit höheren wirtschaftlichen oder politischen Risiken steigende Risikoprämien. Deutlich ist dies im Falle Portugals zu sehen, wo sich die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen mittlerweile oberhalb der Marke von 4 Prozent bewegt. In Lissabon ist der Linksregierung nicht gelungen, einen nachhaltigen Konjunkturaufschwung in Verbindung mit einer Sanierung der Staatsfinanzen zu erreichen.

          Politische Unsicherheit beeinflusst Rendite

          Die Zweifel, ob die portugiesische Staatsverschuldung auf Dauer nachhaltig ist, haben in den vergangenen Monaten zugenommen. Belastend wirken auch die Schwierigkeiten beim Verkauf der vom Staat mit 5 Milliarden Euro geretteten Bank Novo Banco an neue private Eigentümer. Ein solcher Verkauf dürfte deutlich weniger als 5 Milliarden Euro einbringen. Forderungen europäischer Partner nach Wirtschaftsreformen wies Finanzminister Mário Centeno zurück. Die portugiesische Regierung könne angesichts hoher Kassenbestände gelassen auf das laufende Jahr blicken, sagte er in einem Interview. „Die Märkte sind nervös“, sagte der Generaldirektor des Europäischen Stabilitätsmechanismus (EWS), Klaus Regling. „Aber wenn die portugiesische Regierung die richtigen Schritte unternimmt, werden sie sich wieder beruhigen.“

          Bild: F.A.Z.

          Wichtiger als Portugal ist Italien. Auch hier ist seit dem Sommer 2016 ein Anstieg der Renditen zu sehen, auch wenn er nicht so drastisch ausfällt wie in Portugal. Eine Ursache sind die bescheidenen wirtschaftlichen Aussichten des Landes, aber noch viel stärker schlagen politische Unsicherheiten zu Buche. Noch im alten Jahr verlor der damalige Premierminister Matteo Renzi eine Volksabstimmung über eine Verfassungsreform, worauf er zurücktrat.

          Anleger bewerten unterschiedliche Entwicklung der Ländern

          Nunmehr hat das Verfassungsgericht in Rom eine Entscheidung getroffen, die aus der Sicht vieler Teilnehmer am Finanzmarkt den Weg zu Neuwahlen schon im Juni 2017 frei macht, auch wenn die Legislaturperiode des italienischen Parlaments formal erst im kommenden Jahr endet. Der Ausgang eventueller vorgezogener Wahlen ist derzeit völlig unvorhersehbar, und dies sorgt am Anleihemarkt für Sorgenfalten. „Vorgezogene Wahlen sind ein Risiko“, befindet die Fondsgesellschaft Aberdeen Asset Management, die ein weiteres politisches Nichtstun aber auch nicht als ein vielversprechendes Szenario betrachtet.

          Bild: F.A.Z.

          Als Folge dieser Unsicherheit ist nicht nur der Abstand zwischen italienischen und deutschen Anleiherenditen gestiegen. Interessant ist vor allem, dass italienische Anleihen deutlich schlechter abschneiden als spanische Anleihen. Dies zeigt, dass die Anleger in zunehmenden Maße die Länder aus der Europeripherie nicht in einen Topf werfen, sondern divergierende politische und wirtschaftliche Entwicklungen sehr wohl zur Kenntnis nehmen.

          Auch der Renditeabstand zwischen französischen und deutschen Staatsanleihen ist in den vergangenen Wochen leicht gewachsen. Hierin dürfte sich in erster Linie Unsicherheit über den Ausgang der französischen Präsidentenwahlen ausdrücken, die mit den aktuellen Schwierigkeiten des bürgerlichen Spitzenkandidaten François Fillon noch zunehmen könnten.

          Quelle: F.A.Z.

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