15.12.2009 · Unternehmensanleihen waren die Erfolgsgeschichte des Jahres 2009 sowohl am Emissions- als auch am Sekundärmarkt. Doch 2010 wird sich dies nicht annähernd wiederholen lassen - im Gegenteil.
Von Martin HockEuro-Unternehmensanleihen besserer Qualität, sogenannte Investment-Grade-Anleihen, waren 2009 höchst erfolgreich. Das Emissionsvolumen erreichte den Rekordwert von 287 Milliarden Euro und war mehr als doppelt so hoch als der Durchschnitt der vorangegangenen neun Jahre. Gleichzeitig stiegen die Kurse, die im Herbst 2008, als die Finanzkrise sich dramatisch zugespitzt hatte, dramatisch gefallen waren, rasant an und drückten damit die Renditen wieder in den Keller: Der Renditeaufschlag gegenüber dem Referenzzins fiel von 4 Prozentpunkten im April auf derzeit weniger als 1,5 Prozentpunkte und damit wieder auf das Niveau, das vor der Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers herrschte.
Im kommenden Jahr aber wird diese Entwicklung, die sich jüngst schon deutlich abgeschwächt hat, wohl kaum so weitergehen, so die Royal Bank of Scotland (RBS), viertgrößte Konsortialbank im Markt für Euro-Anleihen in diesem Jahr, in ihrem Ausblick für 2010.
Kaum Spielraum für höhere Kurse
Roland Plan, der das Emissionsgeschäft der Bank leitet, erwartet, dass die Renditeaufschläge im zweiten Halbjahr wieder steigen werden. Die Hausse der Investment-Grade-Anleihen sei nicht zuletzt ein Resultat der reichen Versorgung der Märkte mit Liquidität gewesen. Dieses Umfeld besteht zwar derzeit immer noch, und so sei es möglich, dass die Renditeaufschläge zunächst noch fallen werden, indes nicht mehr sehr deutlich.
Denn sollten diese etwa auf das niedrige Niveau des Bullenmarktes von 2007 fallen, würden Investoren massiv verkaufen. Diese hätten in ihren Portfolios ohnehin eine unhaltbare Übergewichtung von Unternehmensanleihen aufgebaut. Daher geht Plan davon aus, dass diese in risikoreichere Anlagen umschichten werden. Zudem rechnet Plan im zweiten Halbjahr mit steigenden Zinsen und somit einer zurückgehenden Liquidität. Eine Rückkehr der Renditeaufschläge auf das Krisenniveau von mehr als 1,5 Prozentpunkten hält er aber für unwahrscheinlich.
Andere Experten sind optimistischer: Richard Woolnough, Manager des M&G Optimal Income Fund rechnet mit einem Anhalten der lockeren Geld- und Fiskalpolitik und hält Unternehmensanleihen trotz der Rückkehr der Renditeaufschläge auf das Vorkrisenniveau für weiter attraktiv, weil einige ausgezeichnete Erträge böten und daher vor dem Hintergrund äußerst niedriger Renditen für Spareinlagen stark gefragt sein dürften. Zudem argumentiert Woolnough, hätten viele Unternehmen ihre Bilanzen erheblich verbessert. Allerdings räumt er ein, werde die gezielte Auswahl von Einzeltiteln eine besonders wichtige Rolle spielen.
Emissionsvolumen ebbt auf hohem Niveau ab
Die Emissionen von Unternehmensanleihen dürften 2010 auf einem soliden Niveau bleiben, jedoch unter dem des Jahres 2009 liegen, prognostiziert der Fondsmanager und teilt damit Plans Einschätzung. Dieser prognostiziert einen Rückgang des Emissionsvolumens um 30 Prozent oder mehr. Grund sei nicht zuletzt, dass im Gegensatz zum Dezember 2008, als Unternehmensübernahmen im Volumen von 60 Milliarden Euro refinanziert werden mussten, derzeit solche Transaktionen fehlen.
Dennoch wäre auch das niedrigere Niveau immer noch das zweithöchste seit Entstehen des nur rund zehn Jahre alten Marktes für Investment-Grade-Anleihen in Euro. Vor allem im ersten Halbjahr würden noch viele Unternehmen bestrebt sein, die niedrigen Zinsen zur Refinanzierung zu nutzen. Plan rechnet mit Anleiherückkäufen, die durch neue Emissionen mit längeren Laufzeiten finanziert werden.
Fehlende Alternativen
Auch werde sich der jüngste Trend fortsetzen, der zahlreiche neue Emittenten an den Markt geführt hat, vor allem solche, deren Bonität von keiner internationalen Rating-Agentur bewertet wird. Denn der Kapitalmarkt als Finanzierungsquelle ist hoffähig geworden: zum einen weil die Begebung von Anleihen seit dem Frühjahr günstiger ist als die Aufnahme von Krediten. Beispielsweise sei eine Bankfinanzierung für Evonik zu den Bedingungen der im Oktober begebenen mit 7 Prozent verzinsten Anleihe nicht möglich gewesen, sagt Plan. Zum anderen wollen viele Unternehmen nach den Erfahrungen der Finanzkrise ihre Liquiditätsquellen grundsätzlich stärker diversifizieren, meint auch Woolnough.
Anleihen ohne Rating hatten aufgrund ihrer Ausgestaltung vor allem ab dem Sommer das Interesse der Anleger wach gehalten. Das könne auch 2010 zunächst noch weiter so bleiben, doch sei fraglich, ob dies angesichts der Zinsentwicklung so bleiben werde. Für Privatanleger sind dies eher keine allzu günstigen Aussichten. Vorerst könnten sie ihren Positionen noch treu bleiben, doch möglicherweise sollten sie nicht jede Anleihe bis zur Endfälligkeit halten. Das Problem sei aber das Fehlen von Alternativen: Investment-Grade-Anleihen hätten 2009 ein überschaubares Risiko in einem störungsfreien Markt geboten. Die Risiken der meisten anderen Anlagen seien ungleich höher, die Zinsen von Festgeldanlagen dagegen wenig attraktiv.