16.09.2008 · Merrill Lynch hat sich unter die Fittiche der Bank of America gerettet. Doch was in normalen Zeiten für diese positiv wäre, erscheint derzeit sehr risikoreich. Düster sieht es auch für die verbliebenen Investmentbanken aus.
Von Martin HockAm Montag erschütterte der Insolvenzantrag der Investmentbank Lehman Brothers die Finanzwelt. Am Dienstag lässt die schwelende Krise des Versicherers AIG die Marktteilnehmer erzittern. Dagegen ging die Übernahme der nicht weniger traditionsreichen Investmentbank Merrill Lynch durch die Bank of America (BoA) fast unter.
Während der Preis der Kreditversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) für Rentenpapiere von AIG um mehr als 1.000 Basispunkte und der des angeschlagenen Anleiheversicherers Financial Guaranty gar um fast 3.000 Basispunkte stieg, kletterte der Preis für Versicherungen für vorrangige Papiere der Bank of America lediglich um rund 40 Basispunkte. Erleichterte zeigten sich die Anleger gar bei Merrill Lynch, deren CDS sich um 120 Basispunkte verbilligten und somit nach Ciba zweitbester Wert des Tages waren.
Skeptische Kreditanalysten
In dieser Bewegung zeigt sich deutlich die Einschätzung des Marktes. Die Übernahme wird zwar für die Bank of America als negativ empfunden, doch offenbar reicht das Vertrauen noch immer aus - auch wenn der Preis mit 200 Basispunkten ein neues Hoch erreicht hat. Zum Vergleich: Zwischen 2004 und dem Sommer 2007 lag der Preis bei durchschnittlich 14 Basispunkten. Das bedeutet, dass es pro Jahr rund 200.000 Dollar kostet, um das Ausfallrisiko von Anleihen mit einem Nominalwert von 10 Millionen Dollar zu versichern, und dass dieser Preis vor etwas mehr als einem Jahr noch bei 14.000 Dollar lag.
Dass die Übernahme der angeschlagenen Merrill Lynch für die Kreditwürdigkeit der Bank of America nicht förderlich ist, meinen auch die Rating-Agenturen. Nach der 50 Milliarden Dollar schweren Transaktion sei eine Abstufung der Bank-of-America-Ratings wahrscheinlich, erklärten die Agenturen Moody's und Standard & Poor's (S&P) am späten Montagabend.
Die S&P-Analysten haben vor diesem Hintergrund bereits das langfristige Counterparty-Kreditrating der Bank of America auf „AA-“ heruntergenommen. Besonders vor dem Hintergrund der turbulenten Marktentwicklung überwögen die kurz- und mittelfristigen Risiken die langfristigen Ertragschancen. Moody's überprüft derweil sowohl eine Abstufung der Langfristbonität der Bank of America als auch ihres Finanzstärke-Ratings.
Zurückhaltende Aktienanalysten
Auch Meredith Whitney, die Analystin, deren zutreffende negative Einschätzung der Finanzlage der Citigroup einst für Furore gesorgt hatte, gibt sich äußerst zurückhaltend. Die Bank of America sei mit dieser Übernahme und der vorangegangen des Hypothekenfinanzierers Countrywide Financial beschäftigt und werde sich darauf konzentrieren müssen, ihre Bilanz zu konsolidieren, nicht zu verlängern.
Die Analysten der Credit Suisse sehen zwar strategisch positive Aspekte in der Zusammenführung des Vermögensverwaltungs- und des Brokergeschäfts von Merrill Lynch einerseits und des Privatkundengeschäfts der Bank of America andererseits. 10 Prozent der amerikanischen Konteneinlagen liegen bei der BoA.
Gleichzeitig seien die Risiken hoch. Zum einen seien immer noch Abschreibungen auf Vermögenswerte von Merrill Lynch möglich. Die Bank hält weiterhin 43,7 Milliarden Dollar in Wohnungsbauanlagen, netto 17,6 Milliarden Dollar im Bereich der Geschäftsimmobilien und 7,5 Milliarden an Krediten in Verbindung mit der Finanzierung von Unternehmenskäufen.
Dünne Kapitaldecke
Zudem wird die ohnehin dünne Kapitaldecke der BoA von drei Prozent noch weiter gestreckt und so bestehe Bedarf für eine Kapitalerhöhung von mindestens 15 bis 20 Milliarden Dollar, allein um das Risikoprofil des Institutes auf dem bisherigen Niveau zu halten. Auch die BoA hat bislang mehr als 10 Milliarden Dollar abgeschrieben und hält weiterhin noch knapp 28 Milliarden Dollar an abschreibungsgefährdeten Vermögenswerten. Zudem ist der Anteil der faulen Kredite im Portfolio seit dem vierten Quartal 2007 von 0,6 auf 1 Prozent gestiegen.
Die Kurse der Anleihen der Bank of America haben sich im Umfeld der Finanzkrise recht gut gehalten. Dollar-Anleihen mit dreijähriger Restlaufzeit rentieren im Schnitt knapp oberhalb von 5,1 Prozent, Langläufer mit knapp sieben Prozent., bis zu 100 Basispunkten unter Papieren von Goldman Sachs oder Morgan Stanley.
Investmentbanken unter noch stärkerem Druck
Die beiden Emittenten befinden sich unter erheblich stärkerem Druck, da immer größere Zweifel an der Funktionsfähigkeit des Geschäftsmodells laut werden. Am Montag stürzten die Kurse der Anleihen auf Rekordtiefs, während die Preise der Kreditversicherungen neue Höchststände erreichten. „Sie haben dieselben Fehler gemacht wie Lehman“, sagt etwa Gregory Habeeb, Vermögensverwalter bei Calvert Asset Management.
Die Preise der CDS für Morgan Stanley stiegen um 235 Basispunkte auf knapp 500, für Goldman Sachs um 147 Basispunkte auf 345. Immer öfter verlangen Kreditversicherer immer höhere Abschlagszahlungen auf die Kontrakte für Bank-Anleihen, wenn sie überhaupt noch Kontrakte verkaufen.
Erstarrter Kreditversicherungsmarkt
Das Geschäft auf dem auf 62 Billionen Dollar bezifferten Markt mit CDS ist Marktteilnehmern zufolge „nicht existent bis bescheiden“. „Der Markt ist paralysiert“, sagte eine Händlerin von AXA. Nach den jüngsten Ereignissen müssten die Marktteilnehmer zunächst einen Überblick über ihre Risiken gewinnen, heißt es von Marktexperten.
Angesichts der derzeitigen Volatilität zögerten viele Akteure damit, aus bestimmten Namen auszusteigen, solange es keine konkreten Sorgen gebe, ergänzte ein Portfoliomanager von Fifth Third Asset Management. Dies erklärt auch die Stabilität vielerorts. Sie könnte sich bei einigen Rentenpapieren, insbesondere von Banken auch noch als Ruhe vor dem Sturm entpuppen. Inhaber von Anleihen amerikanischer Banken könnten daher gut beraten sein, ihre Engagements vorsichtig zu reduzieren, solange noch Zeit ist. Für Neuengagements dürfte es günstigere Zeitpunkte geben, als gerade jetzt.