Lateinamerikanische Emittenten wollen sich diese Woche 1,7 Milliarden Dollar an ausländischen Anleihemärkten beschaffen. Sie nutzen die Gunst der Stunde, denn die Investoren legen verstärkt Geld in Emerging-Markets-Rentenfonds an.
Uruguay brachte am Dienstag eine mit acht Prozent verzinste Anleihe an den Markt, die 2022 fällig wird und ein Volumen von 500 Mill. Dollar hat. Der brasilianische Zuckerhersteller Cosan nahm 300 Millionen Dollar auf. Telefonos de Mexico, der vom Milliardär Carlos Slim kontrollierte Festnetzanbieter und die brasilianische Vicunha Acos wollen diese Woche voraussichtlich Anleihen im Gesamtvolumen von 900 Millionen Dollar begeben, verlautet aus mit den Emissionen vertrauten Kreisen.
Sirenengesang der Renditeaufschläge
„Die Bedingungen für Anleiheemissionen in Lateinamerika ändern sich, weil die Anleger jetzt weniger nervös wegen des Länderrisikos und bereit sind, neue Instrumente und Emittenten in Erwägung zu ziehen“, sagt Mohammed El-Erian, geschäftsführender Direktor bei der zur Allianz gehörenden Fondsgesellschaft Pacific Investment.
In der Woche zum 18. Januar pumpten Investoren 298 Millionen Dollar in Anleihefonds, die in Schwellenländer investieren, berichtet Emerging Portfolio Fund Research. In der Woche zuvor waren es 389 Millionen Dollar und damit der größte wöchentliche Zufluß seit März 2005, erläutert Brad Durham, geschäftsführender Direktor der Gesellschaft. Was die Investoren locke, seien die höheren Renditen im Vergleich zu nordamerikanischen Staatsanleihen.
„Die Kapitalzuflüsse sind stärker als erwartet“, bestätigt Jaime Valdivia, Fondsmanager bei der Emerging Sovereign Group. „Erhebliche Liquidität strömt in diese Märkte, weil jeder Fondsmanager von den höheren Erträgen profitieren will.“ Anleihen der Schwellenländer weisen im Schnitt gegenüber amerikanischen Treasuries gleicher Laufzeit einen Risikoaufschlag von 2,2 Prozentpunkten auf. Vor einem Monat betrug die Risikoprämie gegenüber amerikanischen Staatsanleihen noch 2,46 Prozentpunkte und vor drei Monaten 2,68 Prozentpunkte.
Die Instrumente werden vielfältiger
Der Rückgang der Renditeprämien hat die Nachfrage der Investoren nach den Papieren jedoch nicht geschmälert, berichtet Peter Geraghty, Leiter der Emerging Markets Abteilung bei Dresdner Kleinwort Wasserstein. „Die Emittenten konnten zu relativ attraktiven Spreads ihre Papiere unterbringen“, erklärt er. „Die Renditekurve ist sehr flach, was die Papiere attraktiver macht.“
Uruguay stockte am Dienstag eine Anleihe vom November auf, die mit acht Prozent verzinst und 2022 fällig wird. Die Rendite stieg auf 7,52 Prozent, nach 7,47 Prozent Montag, der Kurs fiel 0,5 Cents je Dollar Nominalwert auf 104,5 Cents. Der Zucker- und Ethanol-Produzent Cosan hat seine Papiere mit einer Emissionsrendite von 8,25 Prozent ausgestattet, verlautete aus dem Umfeld der Emission.
„Im Unternehmenssektor steigt die Zahl der Emittenten. Und die staatlichen Emittenten sind jetzt bereit, etwas anderes als Standardanleihen zu bieten, sie expandieren in lokalen Märkten und bei inflationsgebundenen Instrumenten“, erläutet El-Erian. Zum Beispiel kam ebenfalls in dieser Woche die chilenische Sociedad Quimica y Minera de Chile, der weltgrößte Jodproduzent, mit einer inflationsgebundenen Anleihe im Volumen von 53,3 Milliarden Peso (80 Millionen Euro) an den Markt. Das Papier hat eine Laufzeit von 21 Jahren und bietet einen Renditeaufschlag von 4,18 Prozentpunkten gegenüber der Inflationsrate.
„Markt kann Bonitätsrisken nicht mehr einschätzen“
Die mexikanische Telmex will eine zehnjährige, auf Peso lautende Anleihe am internationalen Markt unterbringen, berichten informierte Kreise. Dabei soll es sich volumenmäßig um eine Benchmark-Anleihe handeln, was einen Gegenwert von 500 Millionen Dollar oder mehr bedeuten würde. Es wäre die zweite Peso-Anleihe, die ein mexikanisches Unternehmen am internationalen Kapitalmarkt auflegt. Vicunha, die den brasilianischen Stahlhersteller Siderurgica Nacional kontrolliert, will über die National Steel 400 Millionen Dollar über eine Anleihe aufnehmen, heißt es von informierter Seite. Die Laufzeit stehe noch nicht fest.
Nachdem sich bei den lateinamerikanischen Emittenten die Spreads verringern, reagieren Investoren weniger sensibel auf unterschiedliche Bonitäten“, berichtet Valdivia. „Angesichts der hohen Liquidität hat der Markt vollständig die Fähigkeit verloren, die Bonitätsrisiken einzuschätzen.“