Home
http://www.faz.net/-gvt-nv82
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Unternehmensanleihen Insolvenz der Leipzig-West zeigt hohe Risiken von Direkt-Emissionen

20.06.2006 ·  Die Wohnungsbaugesellschaft Leipzig-West ist insolvent, die DM Beteiligungen offenbar im Zahlungsverzug. Wieder bangen Zehntausende Anleger um ihr Geld, weil riskante Graumarkt-Emissionen mit rosafarbener Werbung verkauft wurden.

Artikel Audio (1) Lesermeinungen (2)

Was Anlegerschützer lange Jahre schon befürchteten, scheint sich immer mehr zu verdichten. Allem Anschein nach wird die Wohnungsbaugesellschaft Leipzig-West (WBG Leipzig-West) fällige Anleihen nicht mehr bedienen können. Am Montag hat die WBG-West Insolvenz angemeldet. Zu erreichen ist niemand mehr, Anleger werden am Anrufbeantworter fast schon verhöhnt: „Wir haben heute Insolvenz angemeldet. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal. Danke schön.“

Schon im Dezember kam es bei fälligen Papieren zu Zahlungsverzögerungen, die seinerzeit mit technischen Problemen und Fehlern bei der Vorlage der Zertifikate begründet wurden. Volker Pietsch, Vorstand des Deutschen Instituts für Anlegerschutz (DIAS), nannte das seinerzeit schon „fadenscheinige Ausreden“. Die Rechtsanwaltskanzlei FSR nannte das Argument der verzögerten Vorlage „rechtlich nicht nachvollziehbar“.

Verdacht eines Schneeballsystems wurde schon frühzeitig laut

Gleichzeitig warb die WBG massiv für den Umtausch in neue Schuldverschreibungen. Anlegerschützer hatten immer wieder die intransparente Struktur der Holding und deren hohe Verschuldung bemängelt.

Kosten blieben unerklärt, die finanzielle Lage der Tochtergesellschaften größtenteils unklar. Ende 2004 standen in der Bilanz Anleiheschulden von nicht weniger als 215,24 Millionen Euro bei einem Eigenkapital von wenig mehr als zehn Millionen Euro.

Schon im August stellte sich für FAZ.NET die Frage, da die Anleihen gemäß Prospekt auch zur Tilgung früherer Anleihen verwendet werden können, ob hier nicht zumindest zum Teil rollierend finanziert wurde (). Anlegerschützer äußerten sich unverhohlener. DIAS-Vorstand Pietsch wollte „grundsätzlich den dringenden Verdacht eines Schneeballsystems nicht ausschließen“.

Der Hamburger Anwalt Peter Hahn von Hahn Rechtsanwälte bezeichnete am Dienstag „das faktische Schneeballsystem“ als zusammengebrochen, weil es den Initiatoren nicht gelungen sei, genügend neues Kapital zur Bedienung der Ansprüche der Altanleger zu akquirieren. Er geht vom Tatbestand des Kapitalanlagebetruges aus.

Ermittlungen und Anzeigen

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung. Es habe mehrere Anzeigen gegeben, sagte ein Sprecher der Behörde am Montag in Leipzig. Unklar sei, wie lange die Ermittlungen dauern werden. Nach Hahns Auffassung mußte das System zwangsläufig zusammenbrechen, weil die Zinszahlungen aus Einzahlungen neuer Anleger genommen wurden und die zahlreichen Beteiligungsgesellschaften der Firmengruppe keine ausreichenden Gewinne abwarfen. „Zivilrechtlich stellt sich für uns die Frage, ob der Hauptinitiator Jürgen Schlögel aus Nürnberg nicht wegen Kapitalanlagebetruges haftet“, sagt Hahn.

Am Montag wurden drei eigene Insolvenzanträge gestellt, einer davon gegen die WBG Leipzig-West AG und zwei weitere jeweils gegen die Töchter „Zentrale für Wohnungsbaugesellschaften“ und die „Leipzig-West Liegenschaften“. Seit Dienstag ist mit dem Leipziger Rechtsanwalt Flöther auch ein vorläufiger Insolvenzverwalter bestellt.

Anlegeranwälte fürchten, daß 25.000 bis 30.000 Investoren geschädigt wurden. Das DIAS beziffert die aktuellen Verbindlichkeiten aus Krediten und Inhaberschuldverschreibungen auf rund 300 Millionen und das Immobilienvermögen auf nach Schätzungen nicht mehr als 100 Millionen Euro.

Der nächste Fall droht bereits

Der Fall zeigt einmal mehr eindrucksvoll, wie wenig vollmundige Versprechungen wie „kein Kursrisiko“ und „feste, hohe Rendite“ wert sein können und daß das Risiko direkt vertriebener, von keiner unabhängigen Instanz bewerteter Anleihen von Unternehmen, deren Grad an Transparenz allein durch ihren guten Willen bestimmt wird, unter dem Strich wert sein können.

Anlagen dieser Art bedürfen im Grunde noch einer viel genaueren und intensiveren Beobachtung und Prüfung als von Rating-Agenturen bewertete Papiere. Selbst wenn das Urteil geschönt ausfallen sollte, so verlangt doch der Erhalt der eigenen Glaubwürdigkeit seitens der Prüfstelle eine wenigstens einigermaßen realistische Einordnung der Risiken.

Und der nächste Fall könnte sich schon abzeichnen. Der „Bund für soziales und ziviles Rechtsbewußtsein“ BSZ teilte am Sonntag mit, daß sich viele Anleger derzeit um die Rückzahlung ihres bei der DM Beteiligungen AG in Form von Inhaberteilschuldverschreibungen angelegten Geldes sorgten.

DM Beteiligungen offenbar im Zahlungsverzug

Rechtsanwalt Marcel Seifert von der Anwaltskanzlei Dr. Steinhübel & von Buttlar weiß von Anlegern, die berichten, daß eine zum 1. Mai fällige Anleihe bislang nicht zurückgezahlt wurde. Die DM Beteiligungen habe gegenüber einem verärgerten Anleger die Verzögerungen damit begründet, daß es „Probleme in der Buchhaltung“ gebe. Am 17. Juni ist eine weitere Anleihe der DM Beteiligungen mit einem Volumen von zehn Millionen Euro fällig geworden.

Die Verschuldung der DM ist stetig gestiegen. Ungereimtheiten gibt es auch bei Töchtern: So berichtete die Zeitschrift „Euro“ schon vor Jahren, daß es sich bei den Töchtern SMC, die angeblich über zehn Jahre lang für „erhebliche Erträge gesorgt“ hätten, allem Anschein nach um Briefkastenfirmen handelte. Zuletzt befanden sich die Unternehmen „in der Umstrukturierung, so daß hier mindestens im laufenden Geschäftsjahr keine Erträge zu erwarten“ seien.

Beide Fälle könnten laut BSZ sogar zusammenhängen. So seien beide Unternehmen weit verzweigt, im Immobilienbereich und an Sicherheitsunternehmen beteiligt. Die Prospektaufmachungen ähneln sich erkennbar. Laut Rechtsanwalt Walter Späth von der Kanzlei Dr. Rohde & Späth stimmten sowohl die Gliederungen der Anleihebedingungen als auch die Wortwahl beispielsweise in Bezug auf das außerordentliche Kündigungsrecht verblüffenderweise zum Großteil überein. Vor allem aber habe sich beim BSZ eine Anlegerin gemeldet, die sowohl bei der WBG als auch bei der DM unter derselben Kundennummer geführt werde.

Warnungen beruhen stets bestenfalls auf Indizien

Auch vor Anleihen anderer Unternehmen wird immer wieder gewarnt, etwa vor Produkten der ISS AG. Laut Prospekt könnten sich Interessenkollisionen bei den Entscheidern „negativ auf die Geschäftsentwicklung auswirken“. Vor dem Hintergrund, daß ISS-Vorstand Kühnen bei einer anderen AG Insolvenz anmelden mußte und der ehemalige Aufsichtsrat Tannebaum als Telefonverkäufer einer Düsseldorfer Abzocker-Bude aktiv war, sollten Anleger Warnhinweise ernst nehmen, hieß es Anfang 2005 im „Schwarzbuch Börse“ der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Die Vorwürfe wurden von der ISS zurückgewiesen.

Im vergangenen Jahr wurde laut DIAS bekannt, daß die Staatsanwaltschaft Düsseldorf gegen die First Real Estate Grundbesitz GmbH wegen des Verdachts des Anlagebetrugs ermittle (Az.: 130 Js 44/05). Laut der Staatsanwaltschaft läuft das Verfahren auch noch. Das Unternehmen wehrt sich indes: die Vorwürfe seien haltlos und nicht aktuell, eine Anlage nicht mit hohen Risiken verbunden.

Hier zeigt sich die Problematik von Anlagen dieser Art. Aussagen stehen häufig gegen Aussagen, und die außenstehenden Anlegerschützer sind in der schwächeren Position, weil sie stets nur Indizien in der Hand haben. So ist eine aberwitzige Bilanzstruktur allenfalls ein Indiz für mögliche, niemals jedoch ein Beleg für tatsächliche Zahlungsschwierigkeiten. Die Solvenz der Firmen kann zwar in Zweifel gezogen werden, aber erst mit dem Zahlungsverzug ist ein Beleg vorhanden. Zumeist ist es dann aber schon zu spät.

Anleger werden eingeseift

Zurecht kann eine anfällige Bilanzstruktur auch nicht als Beleg für Zahlungsunfähigkeit dienen - die Finanzstrukturen junger, wachsender Unternehmen sind selten zu jedem Zeitpunkt solide. Auch wird nicht jede Zahlungsunfähigkeit mutwillig oder fahrlässig herbeigeführt. Auch für manch anderes bemängeltes Gebaren kann sich eine nachvollziehbare Erklärung finden. Fragwürdig ist allerdings das Werben mit der Suggestion von Solidität, wenn diese einfach nicht gegeben ist.

Vorwürfe von Anlageschützern gegen zweifelhafte Emissionen werden von den betreffenden Unternehmen oft nicht entkräftet - von der WBG Leipzig-West und der DM Beteiligungen wurden sie zuletzt ignoriert. Aber für ihre Zwecke genügt es häufig, Anleger zu verwirren, zu blenden und sie insgesamt einzuseifen. Denn keiner macht sich gerne Sorgen, er will sich lieber beruhigen lassen.

Handfeste Anlagebetrüger verfügen zudem über ein gerüttelt Maß intuitiver oder erlernter psychologischer Kenntnisse und Kniffe, die sich zum Beispiel darin äußern, daß Zeitdruck ausgeübt wird oder daß mehrere Mitarbeiter in kurzer Zeit den Kontakt suchen.

Eine eingehende Prüfung und Beobachtung ist unerläßlich

Von Vorteil ist es zwar, wenn ein Unternehmen über Sachwerte wie Produktionsanlagen verfügt, die relativ stark räumlich konzentriert sind, wie etwa bei der Schokoladenfabrik Halloren oder die Wurstfabrik Zimbo. Eine Garantie ist das aber auch nicht.

Auch ist es positiv zu werten, wenn Finanzinformationen im Internet frei zugänglich sind oder wenigstens mit den Angebotsunterlagen verschickt werden. Indes zeigen häufige Revisionen von Zahlen, daß auch das kein Schutz ist. Ergeben sich aber Zweifel an der Solvenz beim Prospektstudium, sollte man das Angebot schnell vergessen.

Und auf die eingehende Prüfung sollte man nie verzichten - bei Angeboten des Grauen Kapitalmarkts sind sie ein absolutes Muß. Häufen sich negative Indizien und Warnungen, sollte man das Risiko der betreffenden Anlagen mit Alternativen vergleichen und sich gut überlegen, ob eine eventuelle Überrendite das Mehrrisiko angemessen vergütet.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
25.05.2012 22:03 Uhr
  Vortag
BUND 144,35 +0,25%
 OK
Zinsen
25.05.2012 11:45 Uhr
  Vortag
REXP 422,77 +2,82%
 OK