Die Lage von Unternehmen, die im Zuge des Übernahmebooms von Finanzinvestoren gekauft wurden, ist nicht immer rosig. In einigen Fällen zahlten sich die Käufer selbst hohe Ausschüttungen und entzogen den Unternehmen Eigenkapital, fast immer aber bürdeten sie ihnen mittels hoch verzinslicher Kredite und Anleihen einen Teil des nicht selten überzogenen Übernahmepreises auf.
Das führte oft genug zu einer hohen Zinslast, und wenn dann die operative Wende nicht oder nicht im geplanten Umfang gelingt, geraten die finanziell nicht sehr üppig ausgestatten bisweilen in akute Nöte.
Schlechte Straßenbedingungen
ATU-Gründer Peter Unger verkaufte die nach ihm bekannte Werkstatt- und Autozubehör-Handelskette bereits zur Jahresmitte 2002 an den Finanzinvestor Doughty Hanson und wird seitdem von Wirtschaftsblättern auf der Liste der superreichen Deutschen geführt.
Weniger gut geht es dagegen der früheren Firma. Nachdem ATU bereits im Sommer 2007 eine Erleichterung des Kreditpakets mit den Gläubigerbanken ausgehandelt hatte, weil die geschäftliche Entwicklung nicht den Kreditbedingungen entsprach, musste das Unternehmen Anfang Januar die Anleiheinhaber erneut über eine Zielverfehlung informieren.
Der ungewöhnlich milde Winter hatte dem Auto-Zubehör-Spezialisten zugesetzt, weil sich Winterartikel schlechter als erwartet verkauften. Dies war bereits Ende des vergangenen Jahres zu erwarten gewesen, da der November der wichtigste Monat im Verkauf von Winterausrüstung, vor allem von Winterreifen ist und Reifenverbände und -hersteller über Umsatzeinbrüche klagten. Die Reifenproduzenten würden das Jahr bestenfalls mit einem Minus von 17,4 Prozent im Winterreifenabsatz beenden, sagte Peter Hülzer, Vorsitzender des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV).
Qualmende Bremsen statt Vollgas
Zwar veröffentlicht ATU keinerlei Zahlen, Bankenkreisen zufolge verdiente ATU operativ aber 2007 nur knapp über 100 Millionen Euro nach 160 Millionen Euro im Jahr zuvor. Nach Angaben der Financial Times Deutschland (FTD) lag diese Größe noch deutlich unter der schon revidierten Unternehmenserwartung von 138 Millionen Euro.
Diese Zahl war von einem ATU-Sprecher allerdings nicht bestätigt worden. „Das stimmt so nicht“, hieß es seinerzeit. Ursprünglich hatten es einmal 210 Millionen Euro sein sollen. Unter dem Strich dürfte ohnehin ein sattes Minus stehen. Schon 2006, so die Neue Reifenzeitung sei der Konzernverlust von 12,1 auf 19,2 Millionen Euro gestiegen.
Ratings rollen talwärts
Druck gab es auch von den Rating-Agenturen. Moody's hatte bereits im Vorjahr die Bonitätsnote des Unternehmens von „B1“ auf „B2“ gesenkt, den Ausblick von „stabil“ auf „negativ“. und das Anleihen-Rating von „B3“ auf „Caa1“ und damit die drittschlechteste Rating-Stufe herabgesetzt.
Standard & Poor's senkten die Bonitätsnote des Unternehmens von „B+“ auf „B“ und damit dasselbe Niveau wie Moody's. Ebenso folgte eine Herabsetzung des Anleihen-Ratings von „B-“ auf „CCC+“.
Im Januar stufte Moody's dann das Unternehmensrating auf „Caa1“ herab und das der Anleihe auf „Caa3“ - die letzte Note bevor es in den Bereich der insolvenzgefährdeten Titel geht. Die operative Entwicklung habe sich verschlechtert, die Unterstützungsbereitschaft der Banken nicht mehr so groß wie einst.
Vor wenigen Tagen folgten dann Standard& Poor's mit einer Senkung auf „B-“ bzw. „CCC+“. Das schwache Marktumfeld habe die Bedenken vergrößert, dass ATU seine Kreditverpflichtungen nicht einhalten könnte, erläuterte die zuständige Analystin Anna Stegert. ATU leidet nicht nur unter dem schlechten Geschäft mit Winterreifen.
Anleihe auf Crash-Kurs
Informierten Kreisen zufolge ist das Unternehmen mit rund 800 Millionen Euro verschuldet. Nach einem Bericht der Reifenzeitung hatte KKR schon im Januar Kredite im Volumen von knapp 400 Millionen Euro zur Verfügung gestellt.
Die Indikatoren des Kreditschutzes hätten sich deutlich verschlechtert, sagt Stegert. „Die Ratings spiegeln unsere Erwartung wider, dass das Management mit einer Anpassung der Kapitalstruktur die schwache operative Geschäftslage kompensieren will.“ Das Unternehmen bleibe weiter auf der Beobachtungsliste mit einem negativen Ausblick.
Die Folge war, dass der Kurs der variabel mit einem Aufschlag von 725 Basispunkten auf den Drei-Monats-Euribor verzinsten, vorrangigen Schuldverschreibung im Volumen von 150 Millionen Euro, die am 1. Oktober 2014 fällig ist, im Dezember unter 80 Prozent, im Januar unter 50 Prozent rutschte. Am Montag fiel sie erstmals unter den aktuellen Kurs von 40 Prozent.
Hielte man den aktuellen Zinssatz konstant, so rentierte die Anleihe derzeit mit 35,2 Prozent. Zum 30.11.2007 hätte diese noch 14,2 Prozent betragen. Dabei muss man berücksichtigen, dass der Drei-Monats-Euribor seitdem um 54 Basispunkte gesunken ist.
Finanzinvestor tankt voll
Hintergrund ist, dass der Finanzinvestor KKR, der ATU von Doughty Hanson gekauft hatte, erklärte frisches Kapital in das Unternehmen einzuschießen. „Wir stehen zu unserem Investment und werden den Banken ein Finanzierungspaket vorlegen, das auch die Zuführung von Eigenkapital vorsieht“, sagte ein Sprecher der Beteiligungsfirma. Wie das Paket genau aussehen und wie viel der Finanzinvestor zuschießen wird, ist noch nicht klar. Die FTD beziffert die Summe auf einen unteren dreistelligen Millionenbetrag.
KKR setzt nun auf eine strategische Neuausrichtung, die der neue Chef Michael Kern vorantreiben soll. So soll die Abhängigkeit vom Winterreifengeschäft reduziert und verstärkt auf andere Bereiche wie das Flottenmanagement gesetzt werden. Finanzkreisen zufolge soll die neue Strategie am 22. Februar den Banken vorgestellt werden. „Wir sehen noch erhebliches Wachstumspotential für die ATU-Gruppe“, sagte der KKR-Sprecher.
Warnblinkanlage Schefenacker
Offenbar aber sind die Anleger nicht überzeugt und sehen die Meldung als Eingeständnis der operativen Misere. Zu frisch ist noch die Erinnerung an das Desaster mit der Anleihe des Automobilzulieferers Schefenacker. Hier erhielten die Anleiheinhaber am Ende weniger als 20 Prozent des Nominalwerts, nachdem sich Hedgefonds in die Anleihe eingekauft und im Zuge eines Tauschs von Schulden gegen Unternehmensanteile die Kontrolle über den Konzern übernommen hatten.
Das will auch KKR vermeiden, könnte ihn dies doch endgültig um die Früchte seiner Investition bringen. In Finanzkreisen gilt es als sehr wahrscheinlich, dass mit einer Kapitalspritze des Mehrheitseigners auch die weitere Unterstützung der Gläubiger gesichert sein dürfte. Die Verhandlungen über eine Refinanzierung würden wohl noch im ersten Quartal abgeschlossen.
Schlechte Sicht auf den Markt
Ob dies die Wende bringt, muss sich allerdings weisen. ATU habe den Markt aus den Augen verloren und sei zu „einer von Finanzen und Finanzern getriebenen Veranstaltung geworden“, schreibt die Neue Reifenzeitung, während unter Ungers Führung der Kunde im Mittelpunkt des Geschehens gestanden habe und spekuliert auf eine Übernahme durch chinesische oder koreanische Autohersteller irgendwann in der Zukunft.
Denn niemand sonst könne etwas mit dem Unternehmen anfangen, nachdem nun Automobil- und Reifenhersteller sich aus dem Werkstätten- bzw. Handelsgeschäft eher zurückzögen.
Mit der Stützung durch KKR ist eine Insolvenz von ATU derzeit unwahrscheinlich. Doch das Unternehmen scheint mit dem hohen Schuldenberg und einer offenbar nicht so recht fruchtenden Expansion mittlerweile festzustecken. Man wird zunächst abwarten müssen, was Ende des Monats von der neuen Strategie durchsickert.
Zu viel Hubraum für kleine Investments
Insgesamt würde sich also allenfalls ein kleines spekulatives Investment anbieten - wenn nicht die Stückelung von 50.000 Euro ein Depotvolumen voraussetzen würde, dass eher weniger Anlegern zu eigen sein dürfte. Einige scheint es aber zu geben, erholte sich der Kurs doch am Montagmittag wieder auf die 45 Prozent, zu denen die Anleihe am Freitag zuletzt gehandelt worden war.
Indes lehrt die Erfahrung, dass Anleihen deren Kurse einmal so weit abgestürzt sind, sich selten wieder erholen. Denn für institutionelle Investoren sind sie dann in der Regel schlicht zu risikobehaftet, während Privatanleger selten mit Anleihen spekulieren, sondern diese meist bis zur Endfälligkeit halten. Bis dahin vergeht noch einige Zeit, so dass es sich empfehlen könnte, Unternehmen und Anleihekurs lieber zu beobachten. Vielleicht ergibt sich eine nicht ganz so renditeträchtige, aber immer noch günstige und vor allem weniger risikoreiche Einstiegsmöglichkeit als ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt.