Der Anteil der Optimisten an der Börse ist größer als in anderen Bereichen des Lebens. Das ist auch ganz gut so, bedarf es doch eines gewissen Optimismus um die Risiken auf sich zu nehmen, die die Finanzmärkte nun einmal bergen.
Das ist indes weniger gut, wenn es darum geht, das Ausmaß von großen Risiken richtig abzuschätzen. Warnten viele Analysten schon zu Jahresbeginn, dass die Krise am amerikanischen Subprime-Markt nicht auf diesen begrenzt bleiben werde und schon gar nicht ausgestanden sei, so wollten und wollen es viele nicht hören. Das zeigte sich auch am Dienstag, der zu einem Jubeltag an den Aktienmärkten wurde, praktisch deswegen, weil es zunächst keine weiteren spektakulären Negativ-Schlagzeilen gab.
Drohende AHM-Insolvenz zeichnete sich schon in der Vorwoche ab
Am Mittwoch sieht es schon wieder ganz anders aus, nachdem die amerikanischen Börsen am Dienstag im späten Handel unter Druck geraten waren. Grund war diesmal vor allem, dass mit dem Hypothekenfinanzierer American Home Mortgage Investment (AHM) erstmals ein Unternehmen in großen Schwierigkeiten steckt, das gar nichts mit zweitklassigen Krediten zu tun hatte, sondern Kunden mit höherer Kreditwürdigkeit hat.
Bereits am Dienstag wurde bekannt, dass American Home sich von seinen Banken mit Forderungen nach mehr Bar-Sicherheiten konfrontiert sah. Schon am Freitagabend hatte das Unternehmen die geplanten Dividendenausschüttungen verschoben. Doch das wurde ignoriert, bis die Firma am Dienstagabend mitteilte, sie bekomme keine Kredite mehr. Am Montag hätten 300 Millionen Dollar gefehlt und am Dienstag seien es weitere 450 bis 500 Millionen Dollar gewesen.
Nun müsse man nach anderen Wegen suchen, um an Geld zu kommen. Dazu zähle auch der Verkauf von Vermögenswerten. An der Börse wurde nach der Ankündigung das Überleben von American Home im Frage gestellt. Die Aktien des Unternehmens fielen um 90 Prozent auf 1,04 Dollar. „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass das Unternehmen entweder Bankrott geht oder sich substantiell so umgestaltet, dass für die Aktionäre nur noch wenig Wert verbleibt“, kommentierte Bose George, Analyst bei Keefe Bruyette & Woods, die Entwicklung.
Befürchtete Bundesregierung eine Bankenkrise?
American Home selbst ist keine Bank und davon abhängig, dass andere Institute die Kreditzusagen der Firma gegenfinanzieren.Das Unternehmen gehört zu den großen Hypothekenanbietern der Vereinigten Staaten und hatte zuletzt einen Marktanteil von 2,5 Prozent. Mit dieser Entwicklung erreichte die Krise am Hypothekenmarkt einen neuen Höhepunkt. Rund 50 Finanzierer sind inzwischen Bankrott oder haben sich selbst verkauft.
Und nachdem sich die deutschen Anleger am Dienstag noch beruhigt hatten, dass der Fall IKB, der ihnen am Montag noch die Laune verhagelt hatte (vgl. Abwärtstrend der IKB-Aktie dürfte sich beschleunigen ), doch nicht so schlimm gewesen war, wird am Mittwoch kolportiert, dass das Bundesfinanzministerium deswegen eine Bankenkrise gefürchtet habe. Minister Peer Steinbrück hat deshalb angeblich sogar seinen Urlaub unterbrochen. Dementiert wurde aus Regierungskreisen bislang lediglich letzteres.
Australische Broker frieren Kundenkonten ein
Mittlerweile geht es auch in anderen Ländern Schlag auf Schlag. Die australische Bank Macquarie warnte Investoren vor Verlusten von bis zu 25 Prozent bei zwei ihrer Fonds. Grund dafür seien die Auswirkungen der Krise am amerikanischen Markt für zweitklassige Hypotheken-Kredite. Die Verluste könnten sich auf bis zu 254 Millionen Dollar summieren - obwohl die Fonds gar keine direkte Verbindung zu den Subprimes hätten. Auch die australischen Fondsgesellschaften Basis Capital und Absolute Capital froren Anlegerkonten ein.
Der französische Broker und Vermögensverwalter Oddo kündigte an, drei Fonds im Volumen von einer Milliarde Euro zu schließen. Man habe die Wertentwicklung der Fonds durch Investitionen in synthetische Anleihen (CDOs) „revitalisieren“ wollen, sagte Firmensprecher Arnaud Ploix. Nunmehr habe man kurzfristige Liquiditätsprobleme festgestellt. Man will nun die am wenigsten betroffen Wertpapiere veräußern. Es werde aber einige Monate dauern, die am stärksten betroffenen Anlagen abzugeben.
Amerikanische Kreditversicherer unter Druck
In den Vereinigten Staaten geraten gleichfalls immer mehr Unternehmen und Geschäftsbereiche in den Strudel, die, wenn überhaupt, nur am Rande mit den Subprimes verknüpft sind. So überrascht zwar kaum, dass der Nettogewinn des Finanzkonzerns GMAC im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum aufgrund schlechter Geschäfte in der Sparte mit zweitklassigen Hypotheken-Darlehen um 63 Prozent sank.
Doch musste die Investmentbank Bear Stearns die Rücknahme von Anteilen eines weiteren Hedge-Fonds aussetzen. Obwohl die Bank beteuert, dass das Portfolio gut positioniert sei, zogen Anleger immer mehr Geld ab, nachdem Bear Stearns vor Wochen schon Probleme bei zwei anderen Hedge-Fonds eingeräumt hatte, die sich bei Investitionen in Kreditderivate verspekuliert hatten und deren Anteile mittlerweile nahezu wertlos sind.
In Nöten steckt auch die Subprime-Tochter C-Bas der Kreditversicherer Radian und MGIC, die den Wert ihrer Beteiligungen abschrieben, nachdem bei der Tochtergesellschaft akuter Liquiditätsbedarf auftrat. Die Rating-Agentur Fitch hat unterdessen das Rating von MGIC gesenkt und das von Radian auf die Beobachtungsliste gesetzt.
Amerikanische Kommunalobligationen auf Verkaufslisten
Nicht zu übersehen ist das Übergreifen auf andere Teile der Kreditmärkte. So hat Fitch das Rating von 934 Kommunalobligationen auf die Beobachtungsliste gesetzt, die von Radian garantiert werden. Die Kurse der Obligationen stehen bereits seit einiger Zeit unter Druck.
Probleme hat auch die größte amerikanische Steuerberatungsfirma H&R Block. Das Unternehmen wollte seine Hypothekensparte Option One verkaufen, unter anderem um die Schulden abzubezahlen, die es aufnehmen musste, um die Verluste in diesem Bereich auszugleichen. Option One verlieh Geld an Schuldner mit der allerschlechtesten Bonität. Nun wird befürchtet, dass dieser Verkauf nicht stattfinden kann.
Die Rating-Agentur Moody's äußerte unterdessen Zweifel auch an der Werthaltigkeit sogenannter „Alt-A“-Hypotheken. Einige seien nicht besser als Subprimes, eine Sichtweise, die einer der größten „Alt-A“-Kreditgeber, Indy Mac heftig zurückweist. Nichtsdestoweniger fielen Nettogewinn des Unternehmens im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 57 Prozent aufgrund eines Anstiegs der Kredite in Zahlungsverzug und einer geringeren Nachfrage.
Krise im „Alt-A“-Segment scheint möglich
„Alt-As“ werden als nächsthöhere Kreditklasse zu Subprimes betrachtet und decken ein Anleihenvolumen von 700 Milliarden Dollar gegenüber 800 Milliarden Dollar an Subprimes. Die Rating-Agentur Standard & Poor's hatte an dieser Kreditklasse schon Mitte des Monats Zweifel geäußert. Die Zahlungsrückstände in dieser Gruppe sind mittlerweile auf den höchsten Stand seit Januar 2000 gestiegen. Bei Subprimes ist ein Zehn-Jahres-Hoch erreicht.
„Alt-A“-Kredite haben laxere Bedingungen und werden an Schuldner mit guter Kredithistorie zumeist zu Investitionszwecken vergeben. Der Einbruch am Häusermarkt hat indes viele private Investitionspläne scheitern lassen. Mittlerweile ist die Zahl der gerichtlichen Vollstreckungsmaßnahmen von Hypotheken in den Vereinigten Staaten im ersten Halbjahr nach Angaben der privaten Datenverarbeitungsfirma RealtyTrac zwischen Januar und Juni 2007 gegenüber dem Vorjahresvergleichszeitraum um 58 Prozent gestiegen, so dass immer noch mehr Hypothekenkredite abgeschrieben werden müssen. Die Zahl der verspäteten Zahlungen im Subprime-Markt ist unterdessen auf den höchsten Stand seit 2002 gestiegen.
Risikoscheu belastet Hochzinsbereich und Übernahmen
Diese schlechte Situation belastet auch die Unternehmensanleihen. Hochzinsanleihen steuern auf das schlechteste Jahr seit 2002 zu, nachdem die Kurse im Juli im Schnitt um 3,9 Prozent nachgaben. Investoren scheuen die Risiken. Das erschwert wiederum das Geschäft mit kreditfinanzierten Unternehmenskäufen, so dass viele Emissionen bereits verschoben wurden (vgl. Folgt der Subprime- die Hochzins-Krise?).
Das wiederum geht zulasten der Aktienmärkte, die in der jüngsten Zeit vor allem von Übernahmephantasien getrieben wurden. Zusätzlich verzeichnen viele Unternehmen aus entfernten Branchen Belastungen der Gewinne. Der Versicherer Genworth beklagt eine steigende Inanspruchnahme von Kreditversicherungen sowie Bauzulieferer eine niedriger Nachfrage. Eisenbahnfirmen verzeichnen eine geringere Auslastung. Insgesamt werden die Probleme am Häusermarkt das Gewinnwachstum um zwei Drittel schmälern, meint David Rosenberg Chefökonom für Nordamerika bei Merrill Lynch.
Risikokumulation als Überrendite
Der Vermögensverwalter und bekannte Pessimist Jeremy Grantham, der 150 Milliarden Dollar verwaltet, geht von einem Niedergang der Kreditmärkte über die kommenden fünf Jahre und einer Schließung der Hälfte aller Hedge-Fonds aus. Im vergangen Jahr wurden sieben Prozent aller amerikanischen Hedge-Fonds geschlossen. Die Fonds häuften unterschiedliche Risiken an und präsentierten dies als Überrendite, sagt Grantham.
Auch ein oder zwei Private-Equity-Firmen dürften die Geschäfte einstellen und Anleger in Private-Equity-Fonds den Großteil ihres Geldes aufgrund der Hebelung der Transaktionen und der hohen Gebühren verlieren. Subprimes seien das „am weitesten hergeholte Stück dämlicher Kredite“ gewesen, sagte der Vermögensverwalter der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Daher habe Prozess hier begonnen.
Kaufgelegenheiten
Andere Beobachter sind erheblich weniger missgestimmt. Glenn Schultz, Analyst der Bank Wachovia, vertritt die Ansicht, die Derivateindizes für Subprimehypotheken des vergangenen Jahres seien bereits zu stark gefallen. Diese implizierten eine Ausfallrate von 50 Prozent, und stufe die zugrunde liegenden Transaktionen praktisch als wertlos ein, was nicht richtig sei. Er empfiehlt Verkaufsoptionen auf die Indizes zu verkaufen. Die DZ-Bank hält die deutlich gestiegenen Renditeaufschläge gleichfalls für übertrieben und erwartet eine Beruhigung in einem Zeitraum von drei bis sechs Monaten.
Stephen Antczak, Hochzinsstratege bei UBS, hält auch die Ausweitung der Renditeaufschläge auf mittlerweile 428 Basispunkte für ungerechtfertigt und empfiehlt Hochzinsanleihen zum Kauf. Nichtsdestoweniger rät er zur Vorsicht: „Nur weil etwas billig ist, heißt das nicht, dass es nicht noch billiger werden kann.“, sagte er Bloomberg. Der Markt werde aufgrund der Verwerfungen bei den synthetischen Kreditanleihen (CLOs) weiter volatil bleiben. Diese seien derzeit nicht sehr beliebt und die Investoren hätten im Zuge des Subprime-Debakels gerade erst begonnen, ihre Risikoprämien neu zu preisen.
Alles in allem erscheint es somit höchste Zeit, eigene Investments, besonders im Rentenmarkt kritisch zu überprüfen und sich neu aufzustellen. Vielleicht ist sogar ein verstärkter Aufbau von Liquidität nicht der schlechteste Entschluss, um so abzuwarten, bis die Repositionierungen abgeschlossen sind und sich wieder klare Trends ergeben haben.