03.06.2008 · Die jüngste Phase der Entspannung auf den Kreditmärkten scheint nach dem schlechten Ausblick für britische und amerikanische Banken vom Montag erst einmal vorbei zu sein.
Es war wohl eine trügerische Ruhe, die an den Finanzmärkten in den vergangenen Wochen eingekehrt war. Schlechte Nachrichten machten sich eher rar, und wenn sie kamen, so wurden sie eher resigniert als Nachwehen schlechter Zeiten betrachtet.
Die Ereignisse des Montags machen dagegen klar, dass die Dinge eben doch nicht so einfach vorbei gezogen sind. Da waren die schlechten Nachrichten aus Großbritannien, das die hausgemachte Immobilienkrise immer stärker im Griff zu haben scheint (vgl. Bankenkrise in Großbritannien ist noch nicht ausgestanden; Bradford & Bingley schwächt das Pfund wieder).
Dämpfer auch aus Amerika
Um zehn Prozent stiegen die Zahlungsrückstände im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr, die Verluste aus der Banken daraus sind um 45 Prozent gestiegen. Dies belastet auch den Markt für forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS). Zwar wurden nach Daten der Deutschen Bank Papiere im Volumen von 98 Milliarden Euro kreiert, doch blieben rund drei Viertel der so verbrieften Forderungen in den Büchern der Banken.
Den nächsten Dämpfer erhielt der Markt von der Rating-Agentur Standard & Poor's, die am Montag ihre Einstufungen für mehrere große amerikanische Banken senkte und dies mit der Aussicht auf eine weiter andauernde Schwäche im Investmentbanking und die Möglichkeit weiterer Abschreibungen begründete, selbst wenn diese nicht mehr ein solch hohes Niveau wie in den Vorquartalen erreichen würden.
Die Bewertungen von Lehman Brothers und Merrill Lynch wurden von „A+“ auf „A“ und von Morgan Stanley von „AA-“ auf „A+“ gesenkt. Zudem blieb der Ausblick weiter negativ. Zudem wurden die Ausblicke für die Bank of America und JP Morgan gleichfalls auf „negativ“ gesenkt, der für die Citigroup wurde bestätigt. Die Ausblicke für die großen Häuser im amerikanischen Finanzsektor sind nun mehrheitlich negativ.
Neue Kapitalerhöhung bei Lehman Brothers?
Die Kapitalerhöhungen in der Finanzindustrie seien begrüßenswert und hätten die Schärfe der Ratingmaßnahmen abgemildert. Allerdings habe die Qualität des Kapitals dadurch eingebüßt, da es oft in Form von Hybridkapital begeben worden sei und nun in der Summe die von S&P gesetzten Limits für solche Instrumente innerhalb der Kapitalstruktur der Unternehmen übersteige.
Eine der betroffenen Banken, Lehman Brothers erwägt einem Bericht des „Wall Street Journals“ zufolge eine erneute Kapitalerhöhung, nachdem man im zweiten Quartal rote Zahlen geschrieben habe. Gerechnet wird mit drei bis vier Milliarden Dollar. Die Belastungen aus der Krise könnten sich im zweiten Quartal auf mehr als zwei Milliarden Dollar belaufen, zitiert die Zeitung mit der Situation vertraute Kreise.
Hinzu kämen Kosten durch den angekündigten Stellenabbau. Das Minus im zweiten Quartal könnte die 300 Millionen Euro, die derzeit von Analysten erwartet werden, noch übersteigen. Die Bank werde bei der geplanten Kapitalerhöhung voraussichtlich das erste Mal seit dem Börsengang 1994 neue Stammaktien ausgeben, schreibt die Zeitung.
Die Bank hält nach Aussage von Analysten große, illiquide Vermögenswerte und müsse ihre Hebel den neuen Gegebenheiten auf dem Rentenmarkt anpassen. Das seien keine guten Aussichten für ihre Erlösbasis.
Negative Zeichen für den Markt
Die Preise der Kreditversicherungen für Bank-Anleihen, ausgedrückt im iTraxx Financial Index stiegen um vier Basispunkte auf 75, nachdem dieser bis Mitte Mai von seinem Rekordhoch von 160 Punkten bis auf 53 gefallen war.
Die Anleihenkurse selbst zeigten sich am Mittwoch eher weniger bewegt. Im Gegenteil verzeichneten sie zum Teil sogar deutliche Aufschläge, vor allem soweit sie in Dollar denominiert sind. Dies dürfte mehrere Gründe haben. Zum ersten wird das Risiko der Papiere weitgehend über die Kreditversicherungen gehandelt, zum zweiten glaubt niemand ernsthaft an eine Insolvenz, auch nicht, obwohl eine Notübernahme noch lange nicht bedeuten muss, dass alle Schulden zurückgezahlt werden (vgl. Countrywide-Gläubiger könnten leer ausgehen).
Zudem sind die hohen Renditen durchaus solange verlockend, solange die Probleme nicht größer und die Ratings nicht noch schlechter werden. Das können sich auch die Banken selbst nicht leisten. Ihre Erträge stehen unter Druck und mit schlechteren Ratings steigen zudem auch ihre Finanzierungskosten.
Für den ohnehin tendenzlos dahin dümpelnden Markt für Unternehmensanleihen sehen Analysten schlechte Vorzeichen. Günter Scheppler von der DZ-Bank hält es für durchaus möglich, dass der iTraxx Europe aus seiner Handelsspanne zwischen 63 und 87 Basispunkten nach oben ausbricht und in Richtung der 100 Basispunkte ansteigt. Am Dienstag erreichte er bereits rund 86 Basispunkte.