02.12.2008 · Dank „katastrophaler Konjunkturdaten“ gilt als sicher, dass die EZB am kommenden Donnerstag ihren Leitzins senken wird. Auch bei den Renditen für zehnjährige Bundesanleihen stehen die Prognosen schlecht: Sie nähern sich derzeit ihren Tiefständen.
Von Gerald BraunbergerAn den Finanzmärkten gilt es als Gewissheit, dass die Europäische Zentralbank am kommenden Donnerstag ihren Leitzins senken wird. 50 Basispunkte gelten am Minimum, aber auch eine deutlichere Senkung wird für möglich gehalten. „Ich gehe eher von 75 als von 50 Basispunkten aus“, sagt Jörg Krämer, der Chef-Volkswirt der Commerzbank. Am Donnerstag entscheidet auch die Bank von England über ihren Leitzins.
Als wesentlichen Grund für niedrigere Zinsen nennt Krämer die „katastrophalen Konjunkturdaten“, die zu „massiven Prognoseänderungen“ führen dürften. So erwartete die EZB in ihrer jüngsten Projektion für den Euro-Raum im Jahre 2009 ein Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent. Krämer hält es auf der Basis der aktuellsten Daten für wahrscheinlich, dass die Wirtschaft im kommenden Jahr um 0,5 Prozent schrumpft. Starken Revisionsbedarf sieht er auch bei der Inflationsrate des Jahres 2009, die von der EZB vor einiger Zeit noch mit 2,6 Prozent vorausgesagt wurde, aber vermutlich eher bei 1,5 Prozent liegen dürfte. „Es würde niemanden überraschen, wenn die EZB ihren Leitzins um mehr als 50 Basispunkte senken würde“, sagt auch Klaus Holschuh, der Leiter Research der DZ Bank. „Wir befinden uns in einer Rezession, und die Inflationsrate sinkt deutlich.“
Historische Tiefstände an den Rentenmärkten
An den Rentenmärkten nähern sich die Renditen erstklassiger Staatsanleihen derweil historischen Tiefstständen. So rentierte eine zehnjährige Bundesanleihe am Dienstag mit 3,03 Prozent; ihren niedrigsten Stand hatte sie im September 2005 mit 3,02 Prozent erreicht. Sehr stark vergrößert haben sich die Renditeabstände („Spreads“) zwischen Bundesanleihen und vielen anderen Festverzinslichen von Unternehmen, staatlichen Institutionen und Regierungen. So rentierte am Dienstag eine zehnjährige französische Staatsanleihe mit 3,58 Prozent um 48 Basispunkte über der Bundesanleihe. Normal ist ein Abstand von etwa 20 Basispunkten. Zehnjährige Anleihen Griechenlands rentieren sogar mit 4,73 Prozent.
Krämer und Holschuh begründen diese erheblichen Renditeunterschiede mit einer „Liquiditätsprämie“ für Bundesanleihen, deren Bonität außer Frage stehe und deren Märkte viel liquider seien als die Märkte für andere europäische Staatsanleihen. Holschuh erkennt auch einen „Jahresendeffekt“: Mit Bundesanleihen habe ein Vermögensverwalter in diesem Jahr sehr gute Ergebnisse erzielen können. Daher weise ein Vermögensverwalter solche Papiere, die überdies hoch angesehen seien, zum Jahresende lieber in seinen Portfolios aus als Anleihen anderer Staaten, deren Kurse sich schlechter entwickelt hätten.
Kauf von Staatsanleihen als finanzpolitisches Mittel
Holschuh geht jedoch davon aus, dass sich die Renditeabstände im kommenden Jahr wieder verringern, da es wohl nicht noch einmal möglich sein werde, mit Bundesanleihen besser abzuschneiden als mit einem Portfolio aus europäischen Staatsanleihen. Krämer sieht in den deutlichen Renditeaufschlägen für einige südeuropäische Staatsanleihen auch die Frage von Investoren, ob Länder wie Griechenland auf lange Sicht im Euro-Raum gut aufgehoben seien.
Eine Sogwirkung auf die Renditen in Europa haben nach Ansicht vieler Marktteilnehmer die Renditen für amerikanische Staatspapiere entwickelt, die ebenfalls deutlich zurückgegangen sind. Eine Rolle spielte die Ankündigung des Gouverneurs der Notenbank Fed, Ben Bernanke, gegebenenfalls in großem Maße Staatsanleihen anzukaufen, um die Renditen zu senken und damit einen Beitrag zur wirtschaftlichen Erholung zu leisten. „Angesichts eines Leitzinses von einem Prozent, der vermutlich bald noch ein weiteres Mal gesenkt wird, hat die Fed nicht mehr viel Spielraum“, erläutert Krämer. Daher sei Bernanke bereit, eine unkonventionelle Politik zu betreiben und durch Käufe langlaufender Anleihen auch unmittelbar den Kapitalmarktzins zu beeinflussen.
Die Fed hat schon vor einiger Zeit zu ungewöhnlichen Maßnahmen gegriffen, etwa durch den Ankauf von Geldmarktpapieren (Commercial Paper), die von Unternehmen ausgegeben wurden. Dadurch gibt die Notenbank direkt Unternehmen Kredit. „All das steht in keinem Lehrbuch“, räumt Krämer ein. Der Einbruch der Konjunktur sei aber so heftig, dass ungewöhnliche Maßnahmen angezeigt seien.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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