17.12.2009 · Eine große Produktionslücke, die Differenz zwischen dem Produktionspotential eines Landes und seiner Leistung, verleitet Analysten zur Vermutung, die Geldpolitik müsse lange Zeit expansiv bleiben. Möglicherweise wird die Lücke aber überschätzt.
Regierungen und Zentralbanken haben mit unerhörten fiskalischen Impulsen auf Pump und extrem lockerer Geldpolitik auf die Folgen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft reagiert. Das sei notwendig, um die Wirtschaft wieder zu beflügeln und um industrielle Überkapazitäten wieder in Arbeit zu bringen.
Das amerikanische Congressional Budget Office (CBO) hatte noch im zweiten Quartal erklärt, die so genannte Produktionslücke, also die Differenz zwischen dem Produktionspotenzial der amerikanischen Wirtschaft und der aktuellen Wirtschaftsleistung in Form des Bruttoinlandsproduktes liege bei 6,7 Prozent.
Große Produktionslücke - tiefe Zinsen
Das verleitete verschiedenste Ökonomen und nicht zuletzt auch die Zentralbank des Landes zur Vermutung, die Geldpolitik müsse für längere Zeit expansiv und die Zinsen müssten tief bleiben, um die Unternehmen zu animieren, diese Lücke bald möglichst zu schließen.
Solche Argumente werden allerdings neuerdings relativiert von einer Analyse der Federal Reserve Bank of St. Louis. Sie erklärt, das Produktionspotential einer Volkswirtschaft lasse sich nicht direkt beobachten, sondern werde abgeleitet entweder aus dem langfristigen Trendwachstum oder aus der Produktionsfunktion - sprich dem Verhältnis zwischen verfügbaren Produktionsfaktoren wie Arbeit und Kapital, deren Nutzung und der aggregierten Gesamtleistung des Landes. Genau die werde jedoch von Vermögenspreisblasen künstlich angehoben. Stark steigende Immobilienpreise trugen während des laufenden Booms nicht nur direkt statistisch zum Wachstum bei, sondern indirekt wurde auch der Wert von den damit verbundenen Immobilien-, Finanz- und Immobiliendienstleistungen geschönt.
Faktisch lasse sich nicht herausfinden, wie groß das Wachstum ohne Vermögenspreisblasen gewesen wäre. Berechnet man das ungenutzte Produktionspotenzial der amerikanischen Wirtschaft anhand des Wachstums, welches sich in den 50 Jahren vor der Immobilienblase realisieren ließ, so wäre die Produktionslücke sogar noch größer als jene, die das CBO ermittelte. Allerdings hängt das Resultat stark von der Wahl des Vergleichszeitraums ab. Geht man jedoch von der Produktionsfunktion aus und korrigiert die Input-Faktoren um „Blaseneffekte“, so fielen die Überkapazitäten deutlich geringer aus.
Möglicherweise werden die Überkapazitäten deutlich überschätzt
Aus diesen Grund warnen die beiden Analysten Chanont Banternghansa und Adrian Peralta-Alva davor, solche Punktschätzungen zur Grundlage für geld- und fiskalpolitische Strategien zu machen. Ihre Warnung wird unterstützt durch die Beobachtung, dass viele Unternehmen ihre Kapazitäten in den vergangenen Monaten deutlich reduzierten. Ein Effekt davon war, dass die Auslastung der Produktionskapazitäten in den Vereinigten Staaten im November nur rechnerisch zugenommen hat. Das ist nicht sonderlich positiv.
Faktisch können die industriellen Produktionspotenziale bei schrumpfenden Kapazitäten in den Industriestaaten rascher ausgelastet werden und bei zunehmender Geldumlaufgeschwindigkeit rascher zu inflationären Impulsen führen als angenommen. In vielen Schwellenländern sind die Kapazitäten angesichts der momentanen keynesianischen Booms auf Pump sowieso weitgehend ausgelastet. Aus diesem Grund werden manche Zentralbanken schon jetzt restriktiv. Zum Beispiel die australische und die norwegische.
Wenn das so einfach wäre
Jörg Paßlack (del64)
- 17.12.2009, 16:06 Uhr
Output Gap
Cezmi Ben Dispinar (CezmiBond)
- 17.12.2009, 22:33 Uhr