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Steigende Risikozuschläge Italien ab April 2013 Terra incognita

Wer nach der an Stabilität orientierten Regierung Monti mit welchem Reformwillen regiert, ist höchst ungewiss. Italienische Staatsanleihen könnten dann wieder zum Spekulationsobjekt werden.

© AP Photo/John Minchillo/dapd Vergrößern Mario Monti: höchstens noch bis April 2013 im Amt

Der Zinsaufschlag für zehnjährige italienische Staatstitel („Spread“) bewegte sich in den vergangenen Wochen immer mehr nach unten, in Richtung der Marke von 3 Prozentpunkten oder 300 Basispunkten. Doch seit Silvio Berlusconi tobt und die Regierung stürzen will, der Ministerpräsident Mario Monti droht, Italien könne im Chaos enden, ist es kein Wunder, dass die Risikozuschläge für Italiens Staatstitel im Vergleich zu Bundesanleihen wieder steigen. Was für den italienischen Finanzminister dann wie eine noch stärker drückende Zahlungsverpflichtung wirkt, bietet Anlegern wieder attraktive Perspektiven.

Tobias Piller Folgen:  

So erklärt sich das riesige Interesse an den neuen italienischen „Patriotenbonds“ dem allein im Internethandel verkauften „BTP Italia“, dessen Absatzvolumen im Oktober statt der erwarteten 1 bis 5 Milliarden Euro plötzlich auf 18 Milliarden Euro emporschnellte. Dies lag daran, dass für die vierjährigen Titel der gebotene Mindestzins von 2,55 Prozent für fast eine Woche festgelegt war, während die Marktzinsen während der Laufzeit der Offerte stetig im Sinken waren. Wer auf Italien setzte, konnte in den vergangenen Monaten auch 5 Prozent Zinsen für dreijährige Titel oder mehr als 6 Prozent für zehnjährige Staatstitel ergattern, brauchte allerdings einen kühlen Kopf und unerschütterlichen Glauben in Italiens Überlebenskraft, um ausgerechnet in den schwärzesten Momenten zuzuschlagen.

Die Monti-Regierung bleibt höchstens bis April 2013 im Amt

Wer schon in den neunziger Jahren mit italienischen Staatstiteln zu tun hatte, erinnert sich gerne daran, dass sich damals die „BTP“ (Buoni del Tesoro Pluriennali - mehrjährige Staatstitel) aus einer hochspekulativen Anlage zu einer Erfolgsgeschichte entwickelten. Italien steckte von 1993 bis 1995 in einer tiefen Vertrauens- und Währungskrise, musste zweistellige Zinssätze für die langlaufenden Staatstitel bieten und sich gegen eine anhaltende Abwertung der Lira stemmen. Doch die Belebung der Konjunktur, vor allem aber die Hoffnung auf eine Aufnahme Italiens in die europäische Währungsunion sorgten schließlich für goldene Perspektiven: Als 1997 das Ziel der Währungsunion zu einer realen Option wurde und Italien 1998 aufgenommen wurde, schmolz der „Spread“, und gleichzeitig stiegen die Notierungen der Staatstitel aus riskanten Zeiten auf bis zu 130 Prozent.

Infografik / Staatsanleihen / Italiens historische Zinslast Renditeentwicklung seit 1996 © F.A.Z. Bilderstrecke 

Wer heute auf eine Überwindung der Euro-Krise und Spekulationsgewinne mit italienischen Staatstiteln hofft, muss wissen: Die am Stabilitätsziel orientierte Regierung des Ministerpräsidenten Mario Monti bleibt höchstens noch bis April 2013 im Amt. Dahinter liegt „Terra incognita“: Monti sagt derzeit immer wieder, seine Regierung und damit Italien verdienten nach dem Sanierungsprogramm der letzten elf Monate niedrigere Risikozuschläge, als derzeit von den Märkten gefordert würden. Doch der in Italien täglich verfolgte „Spread“ bezieht sich auf die Staatstitel mit einer Laufzeit von zehn Jahren, bis 2022.

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Wie viele Regierungen und wie viele Reformen oder Gegenreformen Italien bis dahin erleben wird, bleibt unsicher. Das Mitte-links-Bündnis mit den derzeit größten Aussichten auf Übernahme der Regierungsmacht ist in sich zerstritten über die Frage, ob Montis Sanierungspolitik fortgeführt werden soll. Zudem können die Turbulenzen in den Parteien und die Verhandlungen über ein neues Wahlrecht für Überraschungen sorgen. Dass Italien damit zu stabilen, langjährig angelegten Regierungen zurückfindet, ist nicht garantiert.

Griechenland als Mahnung

Allerdings gibt es im kommenden Jahr Entspannung beim italienischen Angebot: 2013 müssen mehrjährige Titel im Volumen von 147 Milliarden Euro ersetzt werden, deutlich weniger als 2012, zudem sorgt auch das sinkende Haushaltsdefizit, dem Plan nach nominell bei 1,6 Prozent des BIP, für Entlastung.

Als Mahnung für Spekulationswillige dient Griechenland. Dort sollte sich aus der Sicht der Anleger der Jahre 1999 bis 2001 die Erfolgs- und Ertragsgeschichte wiederholen, die sich 1995 bis 1998 in Italien abgespielt hatte. Wer an die Wiederholung der italienischen Erfolgsgeschichte mit Staatstiteln glaubte, hat sich in Griechenland die Finger verbrannt. Nun stellt sich die Frage nach der Zukunft der Staatstitel von neuem in Italien. Wer an die in Italien steckenden Wachstumspotentiale glaubt, wird investieren. Wer die Reformscheu der Politiker kennt, neigt zum Abwarten.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 30.10.2012, 06:00 Uhr

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