31.08.2006 · Seit rund acht Wochen steigen die Kurse amerikanischer Staatsanleihen in Erwartung einer Zinspause. Doch vieles scheint schon eingepreist. Deshalb sollte man wohl die Erwartungen nicht allzu hoch schrauben.
Nach der Fed-Sitzung vom Mittwoch haben sich die Anzeichen für eine Zinspause in den Vereinigten Staaten verdichtet. Zwar ließ auch die EZB am Donnerstag auf ihrer Sitzung die Zinsen unverändert, doch wird in Europa immer noch mit weiteren Erhöhungen im Laufe des Jahres gerechnet.
Zwar waren klare Worte der EZB erwartet worden, doch wie Elwin de Groot, Volkswirt bei der Rabobank formulierte, klangen die Worte des Präsidenten Trichet „ziemlich hawkisch“. Die erwartete Aussage von der „großen Wachsamkeit“ fiel schon im ersten Satz der Rede Trichets, so daß nun einhellig eine Zinserhöhung im Oktober erwartet wird und dies nicht der letzte sein dürfte.
Amerikas Konjunktur vor „nicht ganz so weicher Landung“
Dies legt nicht zuletzt der Blick auf den Zinsterminmarkt nahe, der einen Anstieg des Leitzinses für den Euroraum von derzeit 3,0 auf mindestens 3,5 Prozent am Jahresende signalisiert. Die Rendite des Euribor-Kontrakts für Dezember stieg in diesem Monat um acht Basispunkte auf 3,36 Prozent. Der Kontrakt wird zum Dreimonats-Euribor-Satz abgerechnet, der seit der Einführung des Euro 1999 im Durchschnitt 16 Basispunkte über dem EZB-Satz lag.
Hintergrund ist, daß sich die Euro-Konjunktur langsam in die richtige Richtung zu bewegen scheint, während für die Vereinigten Staaten eine deutliche Abbremsung der Konjunktur erwartet wird. Manche sprechen bereits von einer „nicht ganz so weichen Landung“.
Die jüngsten Konjunkturdaten und die damit einhergehenden, sinkenden Inflationsraten bestärkten diesen Eindruck. So stiegen die Ausgaben für den persönlichen Verbrauch wie erwartet inflationsbereinigt im Juli mit 0,1 Prozent nur um 0,5 Prozent. Die Preissteigerung zum Vormonat betrug nach Angaben des Handelsministeriums ohne Berücksichtigung von Energie- und Nahrungsmittelpreisen 0,1 Prozent und fiel damit moderater aus als erwartet.
Der Konjunkturindex der Einkaufsmanager für den Großraum Chicago fiel im August mit 57,1 Punkten geringfügig höher als mit 57,0 Zählern erwartet, und die Preiskomponente ging deutlich zurück. Am Freitag stehen vor allem die Beschäftigungsdaten und der ISM-Index für das verarbeitende Gewerbe an. Beide Indikatoren werden nach Experteneinschätzung vermutlich eine moderate Expansion der amerikanischen Wirtschaft signalisieren.
JP Morgan rät zum Einstieg ...
Die Fondsgesellschaft JP Morgan sieht jetzt den geeigneten Zeitpunkt, um in amerikanische Anleihen zu investieren. Mit der Abschwächung der Zinserwartungen in den Vereinigten Staaten seien die Aussichten für den amerikanischen Rentenmarkt wieder freundlicher geworden, meinte Michael Mewes, Leiter des Rententeams von JP Morgan Asset Management, gegenüber Cash-Online.
Die aktuellen Entwicklungen in den Vereingten Staaten hält Mewes nicht für eine Rezession, sondern für eine Verlangsamung im aktuellen Konjunkturzyklus und somit für nicht bedrohlich. Seit 2004 habe die Fed die Zinsen stark erhöht. Damit seien genügend Präventivmaßnahmen zur Eindämmung der Inflation geschaffen worden, ohne das Wirtschaftswachstum zu gefährden. Obendrein zeigten die jüngsten Inflationsindikatoren erste Tendenzen einer Umkehr von dem bislang noch sehr hohen Niveau.
Und die Realität scheint Mewes Einschätzung zu bestätigen. Am Mittwoch traf eine Plazierung fünfjähriger Papiere im Volumen von 14 Milliarden Dollar (10,9 Milliarden Euro) durch die amerikanische Regierung auf die höchste Nachfrage seit neun Jahren - ausländischen Anlegern sei Dank. „Ausländer erwerben amerikanische Bonds, da sie darauf spekulieren, daß sich die Preisanstiege verlangsamen werden, was bedeutet, daß die Fed wahrscheinlich am Ende ihrer Zinserhöhungen angelangt ist“, sagt Ryohei Muramatsu, Manager bei der Group Treasury Asia der Commerzbank in Tokio.
Dies stützt tendenziell auch den Dollar, der sich am Donnerstag im asiatischen Handel kaum verändert zeigte. Indes gab er im europäischen Handel aufgrund der Zinserwartungen etwas nach.
... aber nicht so richtig
Die Renditen für Staatsanleihen in Europa sind in der vergangenen Woche praktisch unverändert blieben, wogegen sie in den Vereinigten Staaten weiter absanken. Entsprechend ist der Spread zwischen zehnjährigen amerikanischen und Bundesanleihen gleicher Laufzeit von 99 auf 95 Basispunkte zurückgegangen.
Die Analysten der HSH Nordbank sehen darin ein Spiegelbild der unterschiedlichen Konjunkturerwartungen und sind nicht so überzeugt. Insgesamt habe man den Eindruck, daß bei den zehnjährigen Papieren ein gutes Stück Konjunkturpessimismus bereits eingepreist sei. So rechnet man in den kommenden Tagen sogar mit Gewinnmitnahmen.
Vor allem halten die Analysten den Markt auch künftig für aktualitätsgetrieben. Alle Konjunkturdaten der kommenden Tagen hätten das Potential, den Markt zu bewegen. Zudem sehen sie in der dokumentierten Ablehnung der Zinspause durch das Fed-Ratsmitglied Lacker die Zinsphantasien noch nicht ganz vom Tisch. Dies werde immer dann für Druck auf die Anleihen sorgen, wenn die Daten gerade einmal wieder anhaltenden Preisdruck aufzeigen.
Und auch Mewes von JP Morgan zeigt sich letztlich von der eigenen Courage nicht ganz so überzeugt. Auch er räumt ein, daß „einige Beobachter der Meinung sein könnten, daß diese Entwicklung am Markt bereits eingepreist ist.“ Auch sieht er nach den Verlusten, die viele Anleger mit festverzinslichen Wertpapieren in den vergangenen zwölf Monaten erlitten hätten, große Skepsis im Markt und sieht auch keine Zinswende, sondern eine „restriktive Pause“. Die Fed werde jegliche Überraschung bei Wachstum oder Inflation entsprechend kommentieren.
Lethargische Grundstimmung
Insofern ist nicht ausgemacht, daß die jüngsten Kursgewinne bei amerikanischen Staatsanleihen anhalten werden. Zumal die Bewegung beim Euro in den vergangenen acht Wochen gegenläufig war und das Zinsgefüge sich weiter in dieser Hinsicht nachteilig auswirken dürfte.
Auch auf die europäischen Rentenmärkte hatten die Zinsentscheidung und die verbundenen Aussagen Trichets nur wenig Wirkung. Der Bund-Future stieg am Nachmittag um bis zu 29 Basispunkte auf 118,24 Prozent, nachdem er während der Pressekonferenz der EZB noch um 21 Basispunkte auf 117,74 Prozent gefallen war.
„Vielleicht sind einige Anleger erleichtert, daß Trichet nicht schärfer vor Inflationsrisiken warnte“, vermutete ein Händler als Grund für die Tendenzwende. „Er hat die Märkte zwar für eine Zinserhöhung für Oktober vorbereitet, aber die Entwicklung für das nächste Jahr offen gelassen“, sagte ein anderer Händler. „Das hat wohl einige Anleger dazu veranlaßt, Bund-Future zu kaufen.“
Allerdings seien die Umsätze relativ gering. Das weist auch mehr daraufhin, daß die lethargische Grundstimmung dies- und jenseits des Atlantiks wohl vorerst nicht weichen wird. Auf die am Nachmittag veröffentlichten amerikanischen Konjunkturdaten reagierten die Bonds weder hüben noch drüben ernsthaft, noch nicht einmal auf den weniger starken Rückgang der Industrieaufträge für Juni in den Vereinigten Staaten.
Jetzt setzt man auf die am Freitag erwartete Monatsstatistik zum Arbeitsmarkt. Sollten diese eine Abkühlung der amerikanischen Wirtschaft und damit eine längere Zinspause signalisieren, hofft man auf steigende Kurse. Doch irgendwie retten sich die Märkte von einem Konjunkturdatum zum nächsten, ohne wirklich einen neuen Trend einzuschlagen. Und so sollte man vielleicht nicht allzu viel erwarten.