14.09.2007 · Türkische Staatsanleihen legen nach einer überraschend vorgezogenen Zinssenkung zu. Die Aussicht auf weitere Zinssenkungen dürfte die Notierungen auch künftig stützen. Das hohe Leistungsbilanzdefizit birgt aber Risiken.
Die türkische Notenbank hat am Donnerstag früher als allgemein erwartet ihren Leitzins um 25 Basispunkte gesenkt. Der Tagesgeldeinlagensatz wurde auf 17,25 Prozent von 17,50 Prozent gesenkt und der Tagesgeldausleihsatz auf 22,25 Prozent von 22,50 Prozent verringert.
Die Nationalbank hatte kürzlich angedeutet, dass sie erstmals seit mehr als einem Jahr wieder mit Zinssenkungen beginnen könnte. Beobachter hatten jedoch einen ersten derartigen Schritt frühestens für Oktober erwartet. Im Vorjahr wurden die Leitzinsen aufgrund der gestiegenen Inflationsraten um 425 Basispunkte angehoben.
Die Staatsanleihen reagieren darauf mit Kursgewinnen. Die Rendite von Lira-Anleihen sinkt am Freitagvormittag um 43 Basispunkte auf 17,58 Prozent. Und auch am Aktienmarkt und am Devisenmarkt wird das Ereignis mit steigenden Notierungen begrüßt.
Weitere Zinssenkungen werden erwartet
„Die Investoren am Anleihemarkt rechnen mit weiteren Zinssenkungen und deshalb sinken die Renditen“, erklärt Tim Ash, Schwellenländer-Analyst bei Bear Stearns. Diese Annahme scheint gut begründet, hat die Notenbank in ihrer Stellungnahme zu ihrer jüngsten Entscheidung doch gleichzeitig weitere Zinssenkungen in Aussicht gestellt. „Die Renditen könnten kurzfristig auf 17 Prozent fallen“, glaubt Kemal Keskin, Fondsmanager bei der Fortis Bank.
Das mit Abstand höchste Zinsniveau in Europa, die ebenfalls sehr hohen Realzinsen und die Perspektive fallender Inflationsraten rechtfertigen diese Annahme. Zwar ist fraglich, ob sich die ehrgeizigen Pläne der Notenbank erfüllen werden, nach denen die Inflation im kommenden Jahr auf vier Prozent sinken soll, nachdem sie sich im August noch auf 7,39 Prozent belief. Aber dass die Teuerungsraten abnehmen, ist Konsens unter den Türkei-Beobachtern.
Die Volkswirte beim größten türkischen Broker IS Investment halten in diesem Jahr weitere Zinssenkungen von 75 Basispunkte für möglich und abhängig von der Fiskaldisziplin und dem globalen Börsensentiment könnten 2008 weitere Zinssenkungen von 150 bis 200 Basispunkten dazukommen.
Das hohe Leistungsbilanzdefizit birgt Risiken
Ermutigt wurde die Notenbank zu dem frühzeitigen Zinsschritt vermutlich auch dadurch, dass sich das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal auf 3,9 Prozent abgeschwächt hat und auch das Leistungsbilanzdefizit zuletzt niedriger als erwartet ausgefallen ist.
Mit einem Anstieg von einem Viertel gegenüber dem Vorjahr bereitet aber gerade das Leistungsbilanzdefizit noch immer Probleme. Und wenn der Ölpreis weiter auf Rekordkurs bleiben sollte, dann birgt auch die Inflationsseite Risiken, zumal die Türkei sehr auf Ölimporte angewiesen ist. So veranschlagen die Volkswirte bei AK Securities die Inflationsrate in zwölf Monaten bei einem Ölpreis von 72 Dollar je Barrel auf 5,44 Prozent und nur bei einem Anstieg des Ölpreises auf 73 Dollar bereits auf 6,27 Prozent.
Im sorgenfreien Raum agiert die Notenbank somit noch lange nicht. Trotz der derzeit gültigen Aussicht auf weiter fallende Leitzinsen und Renditen sind Türkei-Anleihen deshalb nur etwas für Anleger mit einer überdurchschnittlichen Risikobereitschaft. Wegen dem generell viel zu hohen Leistungsbilanzdefizit ist das Land für spekulative Attacken jederzeit anfällig. Das gilt speziell für Investments in Lira-Anleihen, aber auch für Anleger, die sich durch den attraktiv erscheinenden Renditevorsprung von 5,774 Prozent angelockt fühlen, den beispielsweise die bis 10. Februar 2014 laufende und einem Kupon von 6,5 Prozent ausgestattete Euro-Türkei-Anleihe (Isin DE000A0AU933) abwirft.