07.09.2007 · „Einfach schreckliche“ Arbeitsmarktdaten drücken am Freitag die Aktienmärkte und sorgen bei den Renten für eine selten gesehen Aufwärtsbewegung. Die gute Stimmung könnte vorläufig anhalten.
Nichts ist Anleihenkurse förderlicher als schlechte Konjunkturdaten. Denn wenn die Aussichten für die unternehmen schlechter werden und damit Aktien geringeren Ertrag abzuwerfen drohen, werden die risikoloseren Festverzinslichen auf einmal interessant.
Das zeigt sich einmal mehr am Freitag. Nach der Veröffentlichung des amerikanischen Arbeitsmarktberichts konnte der richtungweisende Euro-Bund-Future um zuletzt 74 Basispunkte auf 114,37 Prozent klettern und notiert damit so hoch wie seit fast fünf Monaten nicht mehr.
Himmel hatte sich schon unter der Woche verdüstert
Auch die amerikanischen Rentenpapiere bekamen Schwung. Zweijährige Anleihen stiegen um 0,2813 Punkte auf 100,1250 Punkte und rentieren mit 3,933 Prozent. Zehnjährige Anleihen kletterten um 0,6563 Punkte auf 102,5625 Punkte. Die Rendite lag bei 4,426 Prozent. Dreißigjährige Anleihen gewannen 0,7500 Punkte auf 103,9688 Punkte und rentierten mit 4,748 Prozent.
Staatsanleihen: Schlechte Arbeitsmarktzahlen sorgen für gute Stimmung
Nachdem sich der Konjunkturhimmel in der Woche mit schwachen Zahlen vom Häusermarkt langsam verdüsterte, kann der Arbeitsmarktbericht Freitag als Beginn eines Sturms gesehen werden. Denn in den Vereinigten Staaten ist die Zahl der Beschäftigten im August zum ersten Mal seit vier Jahren gesunken. Die Zahl der Beschäftigten (außerhalb der Landwirtschaft) sei um 4.000 zum Vormonat zurückgegangen, teilte das amerikanischen Arbeitsministerium am Freitag in Washington mit.
Volkswirte hatten indes im Durchschnitt mit einem Anstieg um 118.000 gerechnet. Zudem wurde der Anstieg der Beschäftigtenzahl für die Monate Juli und Juni zusammengenommen um 81.000 auf 137.000 deutlich nach unten revidiert. Die schwächsten Branchen waren der Bau, das verarbeitende Gewerbe und der öffentliche Dienst mit deutlichen Rückgängen. Einen signifikanten Anstieg der Beschäftigung zeigte nur Bereich Ausbildung und Gesundheit.
Trendmäßige Abschwächung und Finanzmarktkrise wirken zusammen
Nach Einschätzung von Experten könnte der Beschäftigungsrückgang ein erstes Zeichen realwirtschaftlicher Konsequenzen der amerikanischen Hypothekenkrise sein. „Der überraschende Beschäftigungsrückgang ist bemerkenswert und könnte durchaus auf die Turbulenzen an den Finanzmärkten zurückzuführen sein“, sagte HSBC-Volkswirt Thomas Amend. Beachtenswert sei vor allem, dass der Arbeitsmarkt ein nachlaufender Indikator sei und für gewöhnlich verzögert reagiere.
Rainer Singer, Analyst der Erste Bank, sieht gleichfalls eine unmittelbare Auswirkung der Turbulenzen an den Finanzmärkten auf die Neu-Einstellungen bei den Unternehmen. Offensichtlich sei die Verunsicherung dafür stark genug gewesen. Zudem dürfte es den Unternehmen nicht allzu schwer gefallen sein, mit Einstellungen zu warten, weise doch die amerikanischen Wirtschaft seit längerem nur ein schwaches Wachstum aus.
Auch die Postbank sieht die Zahlen vom Freitag als Ergebnis einer längeren Entwicklung. Der amerikanische Arbeitsmarkt zeige nicht mehr nur eine nachlassende Dynamik, sondern deutliche Zeichen einer trendmäßigen Abschwächung. Der einzige Wirtschaftsbereich, der in den letzten drei Monaten noch einen kontinuierlichen und kräftigen Beschäftigungsaufbau erreicht habe, sei der Gesundheits- und Erziehungssektor. Ansonsten habe die vorherige Jobmaschine, der Dienstleistungssektor insgesamt, deutlich an Zugkraft verloren. Die Daten dürften die amerikanischen Notenbank alarmieren und sie letztlich zu Zinssenkungen veranlassen, schätzen die Experten.
Zinssenkungen gelten als ausgemacht
Verhaltener zeigte sich indes die Deka-Bank. Bevor die weitere Entwicklung der amerikanischen Konjunktur beurteilt werden könne, müssten noch weitere Arbeitsmarktdaten abgewartet werden, sagte Deka-Bank-Volkswirt Rudolf Besch. Bis dahin bleibe die Frage offen, ob es sich bei dem überraschenden Rückgang der Beschäftigtenzahlen im August nur um eine Delle oder um das Ende der robusten Konjunkturentwicklung handele.
Beruhigend wirke ja der Anstieg der Stundenlöhne. Diese sind im August wie erwartet um 0,3 Prozent gestiegen, was Experten als Zeichen für eine weiterhin hohe Nachfrage nach Arbeitskräften werten.
Was den Anleihen zudem Auftrieb verleiht, ist die Tatsache, dass nunmehr fast alle Marktteilnehmer mit Zinssenkungen rechnen. „Mit einem solchen Arbeitsmarktbericht wird die amerikanische Notenbank wohl nicht um eine Zinssenkung umhin kommen“, sagt Amend.
Gute Stimmung dürfte anhalten
Auch IWF-Direktor Rodrigo Rato rechnet mit Zinssenkungen. Die Abwärtsrevisionen der Wachstumsprognosen für die Vereinigten Staaten würden wahrscheinlich die deutlichsten Änderungen sein. Die jüngst veröffentlichten Arbeitsmarktzahlen seien deutlich schlechter ausgefallen als erwartet und ein schwächerer Konsum dürfte eine Zinssenkung in den Vereinigten Staaten unterstützen. Die Inflation sieht Rato „klar eingedämmt“, diese bewege sich wahrscheinlich nach unten.
Eine Zinssenkung ist nunmehr auch das wahrscheinlichste Szenario, hat sich Fed-Chef Ben Bernanke doch stets als Pragmatiker präsentiert und somit einen schwachen Stand jetzt noch das Zinsniveau zu verteidigen. Das dürfte amerikanische Anleihen in den kommenden tagen noch etwas Auftrieb verleihen.
Rainer Singer, Analyst der Erste Bank, rechnet mit einem Anhalten der guten Stimmung bis weit in die nächste Woche hinein, da erst am kommenden Freitag wieder wichtige Makrodaten veröffentlicht würden.
Auch längerfristig könnte jetzt die Zeit für Anleihen gekommen sein. Denn wenn die Zahlen vom Freitag den Beginn einer dokumentierten Wachstumsschwäche einläuten, so könnte die Wirkung einer Zinssenkung noch länger auf sich warten lassen.