05.03.2007 · Raus aus Aktien, rein in Anleihen, heißt derzeit die Devise an den Finanzmärkten. Denn vielfach wird darauf gerechnet, dass die Zentralbanken angesichts der Korrektur ihre Zinspolitik ändern. Doch diese Gleichung könnte nicht aufgehen.
Aktien sind momentan überhaupt nicht en vogue. Am Montag zeigen sich die Märkte den nunmehr fünften Tag in Folge schwächer. Davon profitieren die Anleihemärkte, speziell für Staatsanleihen.
Die „Flucht in Qualität“ kommt den amerikanischen Anleihen zugute, wobei der Renditerückgang am kurzen Ende deutlich stärker ausfiel als bei den Langläufern, nicht zuletzt weil die Langläufer zuvor stärker gefragt waren. Die anhaltenden Sorgen um eine Konjunkturschwäche in den Vereinigten Staaten lassen Investoren mit einem Mal das Risiko scheuen.
Japanische und Schweizer Papiere sind gefragt
Auch europäische Staatsanleihen gehören zu den Gewinnern und verzeichneten ihre längste Erholungsphase innerhalb der vergangenen 18 Monate. Die Rendite der Zehnjährigen erreichte ein Zwei-Monats-Tief .
Gefragt sind ebenso japanische und Schweizer Papiere, wobei das Interesse hier eher den Langläufern gilt. So legte etwa der 2036 fällige und mit 2,5 Prozent verzinste Bond der Eidgenossenschaft (Isin CH0024524966) in den vergangenen drei Tagen knapp vier Prozent zu.
Im Land der aufgehenden Sonne verzeichneten die 20jährigen Papiere ihre größte Rally der vergangenen drei Monate. Hintergrund ist vor allem die Überzeugung, dass die Währungen dieser Länder künftig aufwerten werden, weil die „Carry Trades“, also das Leihen von Geld in Niedrigzinsstaaten und das Anlegen dieser Mittel in Hochzinsmärkten zu Ende geht.
Trendwende oder Kursschub?
Noch aber sind die Analysten uneins, ob sich hier eine Trendwende anbahnt oder die Kursgewinne begrenzt sein werden. Die Dresdner Kleinwort empfiehlt, aggressiv von Aktien in Staatsanleihen umzuschichten und rechnet mit einem Kursrückgang von mindestens zehn Prozent bei Aktien.
Indes rät die Mehrheit der Bankstrategen immer noch zum Abwarten. Auch Masuhisa Kobayashi, Chefstratege für Staatsanleihen bei Barclays Capital Japan sieht keine Krise am Aktienmarkt und verweist auf hohe Investitionsausgaben. Die weltweiten Finanzmärkte würden den Schock verkraften und wieder stärker auf die Zinspolitik achten.
Und hier rechnen mittlerweile viele Marktteilnehmer damit, dass die Notenbanken den Finanzmärkten beispringen. Die Terminhändler an Wall Street rechnen mittlerweile zu 70 Prozent damit, dass die amerikanische Zentralbank Fed im Juli die Zinsen senken wird. Vor zwei Wochen waren es gerade einmal 14 Prozent gewesen. Auch in Europa rechnen zahlreiche Händler nicht mehr mit einer Zinserhöhung durch die EZB.
Zentralbanken nicht unterstützungsbereit
Indes könnte die Rechnung diesmal nicht so aufgehen wie im Jahr 1987 oder im Jahr 2001 als die Fed nach den Einbrüchen am Aktienmarkt den Geldhahn aufdrehte. Eine Rezession sehe man nicht, hieß es in der vergangenen Woche aus der Fed, es bestehe kein Handlungsbedarf.
Fed-Chef Ben Bernanke sah die Märkte normal und gut funktionieren und keinen Zusammenbruch des Systems und Gerüchten zufolge, so berichtet die Bayern LB, soll er den Standpunkt vertreten, es gebe wenig Anzeichen, dafür dass die Globalisierung die Inflation in den Vereinigten Staaten gedrückt habe. Tatsächlich könne das Gegenteil wahr sein.
Bundesbankchef Weber drängte in der vergangenen Woche weiter auf eine „Normalisierung der Zinspolitik“ und auch von der Bank of Japan hieß es, der Kurseinbruch werde die Bank nicht von ihrer Politik der stetigen Zinserhöhungen abbringen, um die Wirtschaft vor einer Überhitzung zu bewahren.
Erzieherische Maßnahmen
Tatsächlich scheint hinter dieser Haltung der Versuch zu stecken, die Finanzmärkte an die Kandare zu nehmen. Die zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft und die starke „Derivatisierung“ der Finanzmärkte in den vergangenen Jahren hat die Fähigkeiten der Zentralbanken, die Entwicklung der monetären Aggregate zu beeinflussen, deutlich verringert.
In den vergangenen Monaten hatten sich die Notenbanker immer häufiger sorgenvoll über strukturelle Entwicklungen und vor allem auch das Risikoverhalten der Marktteilnehmer geäußert. So äußerte sich EZB-Präsident Trichet Ende Januar, dass eine Neubewertung der Risiken an den Märkten wahrscheinlich sei.
Denn historisch gesehen sind die Finanzierungskosten in der Weltwirtschaft immer noch komfortabler als es dem stärksten Expansionstempo der Weltwirtschaft in dreißig Jahren entspricht. Springen die Zentralbanken jetzt den Finanzmärkten bei, so könnten die Investoren die derzeitige Korrektur als Schrecksekunde abtun und ihre Risikobereitschaft weiter zunehmen.
Risiken falsch bewertet
Das ist nicht im Interesse der Zentralbanken und auch nicht des Internationalen Währungsfonds, dessen Chef John Lipsky in der vergangenen Woche die Notenbankpolitiken unterstützte.
Am deutlichsten wurde wohl Bundesbankchef Weber. Die Kursrückgänge seien eine normale Entwicklung und als temporäre Korrektur zu betrachten. Wenn man Risiken falsch bewerte, dürfe man nicht auf die Liquiditätshilfen der Zentralbanken bauen. Je länger dies gehe und je riskanter die Positionen würden, desto mehr Glück brauche man. Aufgabe der EZB sei es vielmehr, die Zinsen auf ein angemessenes Niveau zu führen, das ihrem Basisszenario und den von ihr identifizierten realwirtschaftlichen und monetären Risiken gerecht werde.
Unter diesen Umständen ist die Entwicklung an den Anleihemärkten derzeit nur als Spiegelbild der Aktienmärkte zu begreifen. Denn wenn die Zentralbanken tatsächlich an ihrer strikteren Zinspolitik festhalten, dürften Zinserhöhungen in Europa und Japan den Rentenmärkten spätestens dann die Laune verderben, wenn sich die Aktienmärkte beruhigt haben.