05.11.2007 · Mit einem deutlichen Kurssturz hat die Börse in Karatschi auf die Verhängung des Ausnahmezustandes im Land reagiert. Die Anleihenkurse bewegten sich weniger, scheinen doch viele Risiken bereits eingepreist und die Rückzahlung nicht akut gefährdet.
Die Ausrufung des Kriegsrechts in Pakistan ging am deutschen Anleihenmarkt am Montag bislang nahezu spurlos vorüber. Das kann auch insofern nicht allzu sehr überraschen, als die pakistanischen Dollar-Anleihen hierzulande nicht eben rege gehandelt werden.
Anders war dies mit der zehnjährigen, im August 2017 fälligen Benchmark-Anleihe, deren Rendite von neun auf 9,6 Prozent stieg. Insgesamt aber hielt sich die Aufregung in Grenzen. So gab der einjährige Bond lediglich leicht nach. Seine Rendite erhöhte sich von 9,38 auf 9,4 Prozent.
Keine normalen Umstände
Staats- und Armeechef Pervez Musharraf hatte am Samstag den Ausnahmezustand über Pakistan verhängt und die Verfassung außer Kraft gesetzt. Zudem wurde der oberste Richter des Landes, der prominente Musharraf-Kritiker Iftikhar Chaudhry, abgesetzt. Nach offiziell unbestätigten Angaben wurden bislang mehr als 1.600 Politiker der Opposition und Bürgerrechtler verhaftet oder unter Hausarrest gestellt. Die Regierung spricht von bis zu 500 Festnahmen.
Am Montag schlugen dann pakistanische Sicherheitskräfte erste Proteste gegen die Verhängung des Ausnahmezustands mit Gewalt niedergeschlagen. In der südpakistanischen Hafenstadt Karatschi setzte die Polizei nach Augenzeugenberichten Schlagstöcke gegen oppositionelle Anwälte ein, die sich vor dem Obersten Gericht zu einer Demonstration versammelt hatten. „Die Polizisten haben gnadenlos auf uns eingeschlagen und mehrere Dutzend Kollegen festgenommen“, sagte Anwalt Akhtar Hussain. Das Gerichtsgebäude sei von der Polizei abgeriegelt worden. Auch in der Garnisonsstadt Rawalpindi kam es nach Medienberichten zu Protesten.
Normalerweise währe dies für Investoren ein Grund, in Scharen aus dem Land zu fliehen. Aber Pakistan ist eben derzeit kein normales Land. Denn der Staat ist für die westlichen Truppen, die sich in Afghanistan festgerannt haben, nun einmal der wichtigste Stützpunkt. Und so hat die amerikanische Regierung Pakistan als Bollwerk im Kampf gegen radikale Islamisten in den vergangenen fünf Jahren etwa zehn Milliarden Dollar in das Land überwiesen.
Zurückhaltende Reaktionen im Westen
Deren Reaktion wird jetzt als zentral für die zukünftige Entwicklung angesehen, so Adrian Mowat von JPMorgan Asia Pacific. Am Sonntag erklärte die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice lediglich, die Vereinigten Staaten würden die finanziellen Hilfen an Pakistan
überprüfen. Die Vereinigten Staaten hatten den Ausnahmezustand zunächst bedauert, was Aktienhändler in Pakistan eine „weiche“ Antwort nannten.
Auch die britische Regierung will ihre finanzielle Hilfe für das Land überdenken. Die Entwicklungshilfe und Unterstützung für andere Projekte werde „sorgfältig geprüft“, teilte das Außenministerium am Montag in London mit. Großbritannien hatte sich 2006 verpflichtet, 236 Millionen Pfund (rund 340 Millionen Euro) an Pakistan zu geben. Von 2008 bis 2011 soll sich der Betrag auf 480 Millionen Pfund verdoppeln.
Insofern fallen die Reaktionen recht zurückhaltend aus. Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte lediglich, er hoffe auf eine möglichst schnelle Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung. Eine zivile Regierung, Respekt für das Prinzip der Gewaltenteilung und die Unabhängigkeit der Justiz sowie für die Freiheit der Medien seien für die Bundesregierung „von besonderer Bedeutung“.
„Eigentlich der Status Quo“
Gleichzeitig äußerte der Minister Verständnis: „Niemand bezweifelt das Recht der pakistanischen Regierung, sich gegen terroristische Angriffe zu Wehr zu setzen und für Stabilität und Sicherheit in Pakistan einzutreten.“ Auf Dauer würden diese Ziele jedoch nur zu erreichen sein, wenn Pakistan der Demokratie und dem Rechtsstaat verpflichtet bleibe. „Besonders beunruhigen uns Meldungen über zahlreiche Verhaftungen von Führern politischer Parteien, Juristen und Vertretern der Zivilgesellschaft.“
Unter diesen Umständen hatten Analysten Grund genug gelassen zu bleiben, allzumal es sich nicht um einen Putsch handelt, sondern „nur“ um einen politischen Rückschritt. „Wenn man sich die politischen Auswirkungen des Notstands anschaut, handelt es sich eigentlich um den Status Quo.“
Kalim Anwer, Chef der Rentenabteilung von IGI Finex Securities in Karatschi, wertete die Kursrückgänge als vorübergehendes Phänomen: „Die hiesigen Investoren warten ab, ob Investoren aus Übersee ihren Ausblick für Pakistan ändern. Die Kurse würden wieder steigen, wenn sich die Anleger an den Ausnahmezustand gewöhnt hätten.
Letztlich wollten Investoren, ob inländische oder ausländische, Stabilität und Kontinuität sehen, sagte Munir Ladha von Eastern Capital. Eine Flucht der Ausländer aus dem Markt sei nicht zu erwarten, erklärte auch Aqeel Karim Dhedhi von AKD Group.
Aktienkurse stürzen ab
Stabilität ist vorläufig in diesem Sinne gegeben, als ob es so aussieht, dass der altre Machthaber bis auf weiteres auch der neue bleiben wird. Ob dies Pakistan stabiler macht ist eine andere Frage. Der Kurs der Rupie ist in den vergangenen Tagen gefallen und hat gegenüber dem Dollar trotz dessen Schwäche mit 60,88 Rupien je Dollar den niedrigsten Stand seit Januar erreicht. Hintergrund ist die zunehmende Gewalt im Lande, die gerade Sorgen um das Wohlergehen der Unternehmen und die Entwicklung der Wirtschaft rechtfertigt.
Mit einem heftigen Kurssturz reagierte daher die Börse, allzumal Gerüchte über einen möglichen Gegenputsch des Militärs gegen Musharraf aufkamen. Der KSE-100-Index fiel um 4,7 Prozent, nachdem die Meldung verbreitet worden war, Musharraf sei unter Hausarrest gestellt worden. Ein Armeesprecher wies die Gerüchte indes als „gegenstandslos“ zurück. Die Lage sei normal.
Dagegen verzeichneten pakistanische Bonds nach dem Abflauen der größten Ängste aus der Kreditkrise wieder Kursaufschläge, scheint doch so manchem Investor ein Zahlungsausfall angesichts der massiven ausländischen Unterstützung und der Verlängerung des Zeitplans für das Afghanistan-Engagement der westlichen Truppen derzeit eher unwahrscheinlich.
Rentenkurse weniger bewegt
Und so hat der 2009 fällige und mit 6,75 Prozent verzinste Bond (Isin: XS0186560602) seit seinem Einbruch Ende Juli auf 90 Prozent in Düsseldorf und 94 Prozent in Berlin und mithin den tiefsten Stand seiner Notiz sich wieder auf 97,5 Prozent erholt, was aber noch immer merklich unter dem einst stabil über 100 Prozent liegenden Kurs zu verorten ist. Indes ist von einem Einbruch derzeit nichts zu sehen.
Der 2016 (Isin: USY8793YAK83, Kupon: 7,125 Prozent) bzw. 2036 (Isin: USY8793YAL66, Kupon: 7,875 Prozent) fällige Bond brachen im laufenden Jahr zunächst von 104,75 bis auf 83,5 Prozent bzw. von 109 auf 79,75 Prozent ein. Beide notieren gleichfalls wieder deutlich höher bei 94,25 bzw. 90,5 Prozent.
Die deutlichen Abschläge für die Langläufer suggerieren, dass für diese die Risiken immer noch merklich höher eingeschätzt werden als in der kurzen Frist, wenngleich auch in dieser mit höheren Gefahren gerechnet wird.
Andererseits aber liegt die Rendite des Kurzläufers mit 9,024 Prozent deutlich über der des 2016 fälligen Bonds von 8,203 und auch noch über der des Langläufers von 8,977 Prozent. Das zeigt wiederum doch kurzfristige Unsicherheit an, während man sich am Anleihenmarkt wohl doch eher zuversichtlich gibt, dass Pakistan wieder zu einer demokratischen Ordnung übergeht und in den Rängen der Schwellenländer aufsteigen kann.
Nicht nur politische Risiken
Bewertet sind die pakistanischen Fremdwährungspapiere mit B1 bzw. B+ und damit auf der viertniedrigsten Ratingstufe. Das macht genügend deutlich, wie hoch die Risiken sind und erklärt auch die zurückhaltende Reaktion der Anleger, die offenbar einiges an Bewusstsein mitbringen.
Und das erscheint notwendig, denn auch wirtschaftlich ist die Situation des Landes eher gemischt. Die Wachstumsrate ist mit vom IWF prognostizierten 6,5 Prozent zwar immer noch hoch, hat sich aber gegenüber den Vorjahren deutlich abgeschwächt. Das bringt zwar voraussichtlich eine leichte Verringerung der Inflation von 7,9 Prozent auf 7,0 Prozent im Jahr 2008 mit sich, doch wird mit einem erheblichen Anstieg des Leistungsbilanzdefizits auf 4,9 Prozent gerechnet, während Pakistan im Jahr 2004 noch einen Überschuss von 1,8 Prozent verzeichnete. Zudem ist auch das Haushaltsdefizit in den vergangene Jahren auf zuletzt 3,8 Prozent angestiegen, für 2007 wird mit einem Minus von 4,1 Prozent gerechnet.
Insofern sind pakistanische Renten mit hohen Risiken verbunden, zu denen sich für Euro-Anleger noch das Dollar-Risiko gesellt. Sollten die schlechten Prognosen für den Dollar zutreffen, so stehen hier Verluste zu erwarten. Sollte sich der Dollar aber nur auf einem zyklischen Tief befinden, so wären in der längeren Frist auch Währungsgewinne möglich.