04.03.2008 · Die Risiken von Schwellenländeranleihen sind niedriger geworden. Betrachtet man Pakistan und den Libanon, wird klar, dass das nicht für alle und zu jeder Zeit gilt. Auch bezüglich Venezuela, Ecuador und Kolumbien wächst derzeit die Unsicherheit.
Viele Bereiche des Finanzmarktes leiden unter politischen Unsicherheiten. Spekulationen um eine Beeinträchtigung der Ölversorgung treiben den Preis des wichtigen Brennstoffs, Unsicherheiten um die politische Weltlage den Goldpreis.
Nirgendwo ist die Politik aber so ein wichtiges Thema wie auf dem Markt für Staatsanleihen. So drückte die Ermordung der pakistanischen Oppositionsführerin Bhutto die Kurse der Anleihen des Landes seinerzeit deutlich nach unten.
Kolumbianische Truppen in Ecuador
Am Montag stehen nun die Zeichen für die Kurse der Anleihen gleich dreier Länder schlecht. Grund ist ein lautstarkes Säbelrasseln auf dem lateinamerikanischen Kontinent, das zum ersten Mal einen militärischen Konflikt zwischen einem Staat der auslandsorientierten Gruppe und der binnenorientierten denkbar erscheinen lässt.
Denn Ecuador und Venezuela haben ihre diplomatischen Beziehungen zum Nachbarland Kolumbien abgebrochen. Anlass ist eine grenzübergreifende Militäraktion Kolumbiens gegen linksgerichtete Rebellen, im Zuge derer am Samstag auf ecuadorianischem Gebiet der stellvertretende FARC-Anführer Raúl Reyes getötet wurde. Nach ecuadorianischen Angaben starben zudem 20 weitere Rebellen. Kolumbianische Truppen hatten bei einem Luftangriff am Samstag ein Rebellen-Lager in Ecuador angegriffen. Danach waren Bodentruppen nach Ecuador eingedrungen, um Reyes' Leichnam nach Kolumbien zu bringen.
Ecuador und Venezuela verwiesen die Botschafter und alle anderen Diplomaten Kolumbiens des Landes und verfügten die Schließung der Vertretungen. Die Botschafter der beiden Länder in Kolumbien waren bereits am Vortag zurückbeordert worden. Zugleich verlegten beide Länder zusätzliche Truppen an die Grenze zu Kolumbien.
Guerilla-Krieg Venezuelas ?
Die Regierungen in Quito und Caracas wiesen kolumbianische Vorwürfe zurück, sie hätten die marxistische Rebellengruppe FARC unterstützt. Dies solle nur dazu dienen, von der „unverschämten“ Verletzung der Souveränität Ecuadors abzulenken, sagte ein Sprecher des venezolanischen Außenministeriums.
Die Regierung des venezolanischen Präsidenten Chávez soll die Guerillabewegung mit 300 Millionen Dollar unterstützt haben. Aus einem anderen Dokument auf dem Laptop des getöteten Rebellenführers Raul Reyes gehe hervor, dass die FARC Anfang der 90er Jahre den damals inhaftierten Chávez mit 100 Millionen Pesos (damals rund 150.000 Dollar) unterstützt habe. Kopien der Beweisdokumente wurden nicht herausgegeben.
Während der venezolanische Präsident Hugo Chávez bereits von einem südamerikanischen Krieg spricht, den es zu verhindern gelte, bemühen sich vierte Staaten um Deeskalation. Brasilien forderte eine „bedingungslose Entschuldigung“ von Kolumbien an Ecuador. Bei der Sondersitzung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) an diesem Dienstag in Washington werde Brasilien außerdem die Gründung einer OAS-Untersuchungskommission vorschlagen, die ermitteln soll, welches Land im Konflikt im Recht sei, sagte Außenminister Celso Amorim in Brasilia.
Venezuela und Ecuador brauchen Kolumbien
Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte die Länder auf, ihren Konflikt friedlich und im Geiste des Dialogs beizulegen. Deutschland, Frankreich und die Vereinigten Staaten schalteten sich ein und riefen zur Besonnenheit auf.
Auch wenn derzeit niemand so recht glaubt, dass sich eine bewaffnete Auseinandersetzung nicht verhindern lässt, so könnten wirtschaftliche Folgen der Krise rascher eintreten, als man glauben mag. Aus Kolumbien kommende Lastwagen wurden an wichtigen Grenzübergängen zunächst nicht mehr nach Venezuela gelassen.
Doch Kolumbien ist Venezuelas zweitwichtigster Handelspartner. Zehn Prozent der Einfuhren stammten 2006 aus dem Nachbarland, vor allem kommt rund ein Viertel der Nahrungsmittelimporte von dort. Schon innenpolitisch kann sich Chavez eine geschlossene Grenze oder einen gehemmten Warenaustausch kaum leisten, zumal Kolumbien mit einem Anteil von 4,5 Prozent gleichzeitig auch drittgrößtes Abnehmerland ist.
Vergleichbares gilt für Ecuador. Ein Achtel der Einfuhren kam 2006 aus Kolumbien, 5,6 Prozent der Exporte gingen in das drittwichtigste Abnehmerland. Auch wenn Kolumbien nicht ganz so sehr an den Nachbarn hängt - knapp sechs Prozent der Importe kamen 2006 aus Venezuela. In einem Konflikt könnte es daher nur Verlierer geben.
Notstand wegen Regenfällen
Auch militärisch sind Venezuela und Ecuador unterlegen. Zwar haben beide Staaten zusammen nahezu so viele Einwohner wie Kolumbien, doch ist die Armee des Nachbarlandes erst vor wenigen Jahren von den Vereinigten Staaten zum Kampf gegen die Drogenmafia hoch gerüstet worden.
Problematischer als ein mögliches Kriegsszenario ist die Wirtschaftspolitik der Staaten. Der „Bolivarismus“ Chavez hat die Korruption verschärft. Die Inflation ist hoch und dennoch häufen sich Mangelerscheinungen, auch bei Nahrungsmitteln.
Ecuadors Zahlungswilligkeit war nach den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2006 lange Zeit in Frage gestellt. Mit „Caa2“ und „B-“ liegen die Ratings des Landes noch niedriger als die Venezuelas mit „B2“ bzw. BB-. Das Land hat immense Schäden anhaltend heftiger Regenfälle zu verkraften, wegen derer die Regierung einen landesweiten Notstand ausrufen musste. Mehr als 60.000 Menschen sind direkt von den Überschwemmungen betroffen, zahlreiche Häuser wurden zerstört. Zudem wurde durch einen Erdrutsch die trans-ecuadorianische Pipeline beschädigt. Das führte dazu, dass Ecuador vor wenigen Tagen seine Ölexporte vorübergehend einstellen musste.
Kolumbianische Peso-Anleihen reizen
Kolumbien gilt hingegen seit der Verbesserung der Sicherheitslage als Erfolg. Unter anderem gilt die stark wachsende Inlandsnachfrage als Antreiber. Nichtsdestotrotz bleiben Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung hoch. Das geringe Defizit des Staatshaushaltes von 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2006, begründet die erheblich bessern Bonitätsnoten von „Baa2“ und „BB+“, die Kolumbien einen niedrigen Investment-Grade-Status zu sprechen.
Indes hat sich die Inflation jüngst zum Problem entwickelt. Die Leitzinsen haben mit 9,5 Prozent den höchsten Stand seit sieben Jahren erreicht, mittlerweile fürchtet die Notenbank um die Wettbewerbsfähigkeit, was ihren Zinserhöhungsspielraum einschränkt. Auch die 2007 ergriffenen Kapitalkontrollen haben den Aufwertungstrend der Währung nicht bremsen können, die zum Dollar auf dem höchsten Stand seit acht Jahren notiert.
Das macht auch die Peso-Anleihen gegenüber Dollar-Anleihen interessanter, die zudem höher verzinst werden. Sie rentieren mit mehr als zehn Prozent bei Laufzeiten bis 2015 und 2027, während die 2011 fällige Euro-Anleihe mit weniger als sechs Prozent rentiert.
Nirgends zeigt sich die unterschiedliche Einschätzung der Länder so deutlich wie in den Anleiherenditen. Vergleichbare Papiere Venezuelas rentieren je nach Laufzeit 240 bis 385 Basispunkte über kolumbianischen Renten. Zu ecuadorianischen Bonds beträgt der Abstand sogar 660 Basispunkte.