08.09.2006 · Vietnam profitiert (nicht nur) vom Rohstoffboom und wächst kräftig. Das veranlaßte die Rating-Agentur Standard & Poor's, die Bonitätsnote des Landes anzuheben. Das verbessert die Stimmung für die Staatsanleihen.
Mit dem Ende des Sozialismus' in seiner staatsideologischen Ausprägung beginnen zahlreiche Länder, zu den westlichen Industrienationen aufzuschließen. Dabei wird es ihnen zum Teil leicht gemacht, weil diese die Intensität staatlicher Wirtschaftslenkung vergrößern. Aber es ist auch ein Verdienst der Entideologisierung der eigenen Wirtschaftspolitik.
„Erwachsen“ in diesem Sinne wird auch Indochina, allen voran Vietnam, die größte Nation der Region. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat jetzt die Einstufung der Kreditwürdigkeit des Landes um eine Stufe auf die Note „BB“ angehoben. Die Bonitätsnote liegt damit noch zwei Stufen unter der Güteklasse Investment-Grade und damit auf gleicher Höhe wie die Brasiliens, Costa Ricas oder Jordaniens. Länder wie Indonesien, Nigeria, die Philippinen oder die Türkei läßt Vietnam damit hinter sich.
Hohes Wachstum auf Jahre hinaus
Die Ratingagentur hat sich nach eigener Aussage vor allem zu diesem Schritt entschlossen, weil sich die vietnamesische Regierung darum bemühe, das Investitionsklima zu verbessern, was das Wachstumspotential des Landes fördere. Das südostasiatische Land wies im letzten Jahr ein Wirtschaftswachstum aus, das so hoch war wie seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr. Außerdem habe die Regierung versprochen, den Markt weiter zu öffnen, erklärten die Analysten von S&P.
Die Wirtschaft des Landes mit 84 Millionen Einwohnern wuchs im vergangenen Jahr um 8,4 Prozent. Für die „nächste Zeit“ rechnet S&P mit einem Wachstum von mehr als 7,5 Prozent. Das Wirtschaftswachstum „wird durch die günstige Arbeitsproduktivität gestützt“, erläuterte S&P. „Die Bereitschaft der Regierung, ihren wirtschaftlichen Reformkurs voranzutreiben, unterstützt das Kreditrating weiter.“
Die vietnamesische Regierung hat für den Zeitraum bis 2010 ein Wachstum von mindestens acht Prozent prognostiziert. Die britische Investmentbank HSBC geht für die kommenden fünf Jahre von einer Wachstumsrate von 7,5 bis acht Prozent aus.
Angestrebter WTO-Beitritt erst langfristig positiv
Vietnam bemüht sich darum, noch in diesem Jahr in die Welthandelsorganisation aufgenommen zu werden. Dieer Schritt ist Teil einer Regierungspolitik, die darauf abzielt, das Pro-Kopf-Einkommen von derzeit 640 Dollar bis 2010 auf mehr als 1.000 Dollar zu erhöhen, auf daß Vietnam nicht mehr zu den ärmsten Ländern der Welt gehören möge.
HSBC sieht die Effekte eines solchen Beitritts indes auf Sicht eines Jahres als vergleichsweise gering an. Erst langfristig könne das Land davon deutlich profitieren. Der Export zeige sich jetzt schon sehr stark, so daß dramatische Auswirkungen nicht zu erwarten seien, so Peter Morgan, Leiter der Marktforschungsabteilung für der asiaitisch-pazifischen Raum des Londoner Bankhauses.
Vietnams Exporte stiegen im August um 24 Prozent auf 26 Milliarden Dollar. Zu den Hauptausfuhrgütern des Landes gehören neben Rohstoffen wie Rohöl, Kautschuk, Kohle, Reis und Kaffee vor allem Textilien und Schuhe. Diese arbeitsintensiven Produkte dürften von einem WTO-Beitritt am meisten profitieren, so HSBC. So sollen bei einem Beitritt des Landes die amerikanischen Importquoten für Bekleidung fallen, die Vietnam allerdings bislang noch gar nicht ausnutzen konnte. Andererseits wird die Textilindustrie dann ohne staatliche Beihilfen auskommen müssen.
Anleihen im Aufwärtstrend
Die gute Exportkonjunktur trug dazu bei, das Handelsbilanzdefizit des Landes in den ersten acht Monaten des Landes um 23 Prozent zu verringern, vor allem aufgrund von Preisanstiegen bei Rohöl, Kaffee und Kautschuk. Indes hat dadurch die Nachfrage vor allem bei Kaffee mittlerweile gelitten, geht aus Aussagen von Holger Zurn, Direktor der Neumann Gruppe in Saigon, dem heutigen Ho-Chi-Minh-Stadt, hervor.
Einen positiven Einfluß dürfte der Beitritt vor allem aber auf die Aktienbörse des Landes haben, der dann mehr Aufmerksamkeit zuteil werden sollte. Die Rating-Heraufstufung hingegen eröffnet dem Land verbesserte Finanzierungsmöglichkeiten. Bereits 1998 hatte das Land eine 18jährige Stufenzins-Anleihe in Dollar aufgelegt (Isin XS0085134905), der im vergangenen Jahr eine festverzinsliche Anleihe in derselben Währung folgte (Isin XS0234072568).
Erstere eröffnete den Handel in Deutschland vor vier Jahren zu 70 Prozent und wird mittlerweile bei 99 Prozent notiert. Das festverzinsliche Papier konnte zunächst deutliche Zugewinne von etwas über 100 bis auf 104,1 Prozent verbuchen, geriet dann aber in den Sog der Anleihen- und Schwellenländerkrise, was den Kurs bis auf 97,45 Prozent Ende Juni drückte. Mittlerweile notiert sie bei 104 Prozent wieder auf einem Rekordhoch.
Kursgewinne möglich
Mit der Rating-Heraufstufung könnte die mit 6,875 Prozent verzinste und bis Januar 2016 laufende Anleihe, die aktuell mit 6,398 Prozent rentiert, weitere Kursgewinne verbuchen. Das Interesse an Schwellenländer-Anleihen hat wieder zugenommen, wobei die Anleger indes inzwischen etwas selektiver vorgehen. Bislang liegt der Preis in angemessenen Regionen.
Zudem eröffneten sich nach den Worten des vietnamesischen Finanzministers Vu Van Ninh mit der Heraufstufung Möglichkeiten für weitere Emissionen. Die Emission im vergangenen November sei ein Test gewesen. Indes müßten solche Emissionen gut vorbereitet werden.
Bei der Stufenzinsanleihe wurde bis zum vergangenen Jahr ein vergleichsweise niedriger Festzins gezahlt. Sie wird nunmehr bis zum Laufzeitende variabel mit dem amerikanischen Sechs-Monats-Libor zuzüglich eines Aufschlags von 81,25 Basispunkten verzinst. Aktuell betrüge der Kupon damit 6,24375 Prozent.