17.12.2008 · Die Börsen haben am Mittwoch verhalten auf die amerikanische Notenbank reagiert, die die Verzinsung kurzfristigen Geldes praktisch auf null gesetzt hat. Die Renditen dagegen sind dagegen deutlich auf historische Tiefs gefallen.
Von Bettina Schulz, LondonDie Finanzmärkte haben am Mittwoch verhalten auf die historisch neue Konstellation reagiert, in der die amerikanische Notenbank das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg die Verzinsung kurzfristigen Geldes praktisch auf null gesetzt hat. Dies ist Neuland für die Marktteilnehmer.
Die Finanzkrise hat damit eine historisch neue Dimension erhalten. Das erste Mal senkte die Federal Reserve den Leitzins auf ein Niveau zwischen null und 0,25 Prozent und damit auf ein Niveau, das sogar unter dem Zins Japans liegt. Spektakulärer ist allerdings, dass die amerikanische Notenbank signalisierte, dass sie das „Quantitative Easing“ verstärkt einsetzen wird und zwar auch im langfristigen Bereich des Anleihemarktes.
Rendite amerikanischer Staatsanleihen auf Rekordtief
Dies bedeutet, dass die Federal Reserve prüft, inwieweit sie länger laufende Staatsanleihen aufkaufen wird. Dies ist der Schritt, der Notenbanken verbleibt, wenn die Politik immer weiterer Zinssenkungen bei null Prozent und damit ihrem Endpunkt angekommen ist. Bei dem „Quantitative Easing“ kauft eine Notenbank mehr Staatstitel am Kapitalmarkt auf als notwendig wäre, um den Zinssatz auf einem bestimmten Niveau zu halten. Sie pumpt mit dem Kauf der Staatspapiere zusätzliches Geld in die Volkswirtschaft, erhöht also die Geldmenge, was letztlich zu einem höheren Preisniveau und der Vermeidung einer Deflation führen soll.
Die Ankündigung der Federal Reserve ließ deshalb die Rendite für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen auf ein Rekordtief von 2,144 Prozent sinken. Die Rendite dreißigjähriger Papiere gab auf 2,63 Prozent nach - der niedrigste Stand seit der ersten Emission dieser Anleihen im Jahr 1977. Nachdem die Federal Reserve angedeutet hat, dass das Zinsniveau auf absehbare Zeit so niedrig bleiben werde, gab der Wechselkurs des Dollar deutlich nach. Am Mittwoch fiel der Wechselkurs des Dollar gegenüber dem Yen auf den niedrigsten Stand seit 13 Jahren. Allein in diesem Jahr hat der Dollar gegenüber dem aufwertenden Yen 21 Prozent an Wert verloren. Gegenüber dem Euro gab der Dollar auf 1,41 Dollar nach. Seit dem Rekord von Ende Oktober hat der Dollar gegenüber dem Euro schon wieder 12 Prozent an Wert eingebüßt. Die Aussicht, dass die Bank von England dem Schritt der Federal Reserve auf Dauer folgen könnte, drückte auch den Wechselkurs des Pfund auf den niedrigsten Stand gegenüber dem Euro.
An der Wall Street führte die Erwartung, dass die Federal Reserve auf Dauer massiv Geld in die Volkswirtschaft pumpen wird, zunächst zu einer kräftigen Aufwärtsbewegung der Aktienkurse. Nach einem Gewinn von 5,1 Prozent durchbrach der amerikanische Aktienindex S&P 500 sogar seine 50-Tage-Durchschnittslinie. Dies stimmte Investoren optimistisch, dass möglicherweise eine Erholung an den Aktienmärkten im neuen Jahr bevorstehen könnte. Seit seinem bisherigen Tiefpunkt des S&P 500 am 20. November hat sich der Index bereits wieder um 21 Prozent erholt. Auch in Asien reagierten die Märkte positiv.
Deutsche Bank verzichtet auf vorzeitige Kündigung einer Anleihe
In Europa trat am Mittwoch allerdings wieder Ernüchterung ein, nachdem BNP Paribas einen Kursrutsch von 16 Prozent verkraften musste und die Deutsche Bank als erstes großen Bankeninstitut am Anleihemarkt auf die vorzeitige Kündigung einer Euro-Anleihe verzichtete. Auch an der Wall Street legte sich die Euphorie um die Politik der Federal Reserve am Mittwoch wieder. Letztlich aber halten sich die Aktienmärkte schon seit zwei Wochen recht stabil. In einer Umfrage von Merrill Lynch unter den 200 größten, global investierenden Fondsmanagern im Dezember stellte sich heraus, dass die Stimmung langsam dreht: Gegenüber Oktober erwarten viel weniger Fondsmanager, dass sich die Rezession weiter zuspitzen wird. Immer mehr Investoren sind davon überzeugt, dass Aktien günstig und Anleihen mittlerweile überbewertet sind. Europäische Fondsmanager nehmen langsam Gewinne in typisch defensiven Aktienwerten mit, schichten aber noch nicht in zyklische Aktienwerte um.
„Die Stimmung am Markt, die hohen Barquoten der Fondsmanager und das amerikanische Fiskalpaket im Januar könnten im neuen Jahr eine kräftige Rally an den Aktienmärkten auslösen“, sagt Gary Baker, Aktienstratege für Europa bei Merrill Lynch. „Es kann sich als gefährlich erweisen, wenn man jetzt nur mit kleinen Anlagepositionen in einigen wenigen Sektoren in das Jahr 2009 geht.“