08.08.2006 · Gut erholt haben sich mittel-osteuropäische Staatsanleihen im Juli. Doch dafür ist eher das Marktsentiment verantwortlich als die Lage. In vielen Ländern gibt es deutliche Risiken, die die Kursentwicklung rasch wieder dämpfen können.
Als im Mai die Finanzmärkte begannen zu konsolidieren, traf es die Schwellenländer besonders hart. Allen voran gingen ungarische Staatsanleihen. Mit 7,94 Prozent erreichten die Renditen der ungarischen Papiere im Juni ein Anderthalb-Jahres-Hoch, nachdem die Ratingagentur Standard & Poor's die Bonitätsnote Ungarns wegen des zunehmenden Haushaltsdefizits gesenkt hatte. Nirgendwo in Europa rentierten Staatspapiere so hoch.
Auch bulgarische Anleihen gerieten unter Druck. So sackte der Kurs des in Dollar denominierten Bonds zwischen Mitte und Ende Juni von über 115 Prozent auf 112,4 Prozent ab. Der 2016 auslaufende litauische Euro-Bond sackte von über 96 Prozent bis auf 94,75 Prozent weg und das im gleichen Jahr auslaufende polnische Papier von 94,95 Prozent auf 92,72 Prozent.
Desolate Finanzlage bedroht Ungarns Anleihen
Doch mittlerweile locken die gestiegenen Renditen zunehmend wieder Investoren und schieben die Kurse der Papiere an, die nun allmählich wieder klettern. Angesichts der enttäuschenden amerikanischen Arbeitsmarkdaten vom Freitag erwarten die Anleger, daß sich die Konjunktur in der weltgrößten Volkswirtschaft eintrübt und die amerikanische Notenbank den Leitzins auf ihrer Sitzung am Dienstag nicht weiter erhöht. Dies stützt die Nachfrage nach den risikoreicheren Papieren der Schwellenländer.
Schwellenländer-Stratege Nigel Rendell von Calyon in London sieht den jüngsten Kursanstieg beispielsweise der ungarischen Papiere auch hauptsächlich in der internationalen Situation begründet. Die Stimmung gegenüber den Schwellenländern habe sich gebessert. Zudem gebe es ein wenig Erleichterung, daß die Fed das Zinsniveau beibehalten dürfte.
Doch gegenüber schlechten Nachrichten aus dem Inland bleiben die Anleihen anfällig. Aus Ungarn gibt es diese zu genüge, denn die Wirtschaftspolitik hat das Land wieder einmal in eine Sackgasse geritten, aus der nur eine schmerzvolle Konsolidierung führen kann. So peilt die ungarische Regierung für ihren Haushalt 2006 gegenwärtig eine Defizitobergrenze von 8,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an - trotz Sparmaßnahmen. Damit liegt der Fehlbetrag fast dreimal so hoch wie die von der Europäischen Union tolerierte Neuverschuldung von drei Prozent.
Inflationsgefahr im Baltikum gestiegen
Ministerpräsident Ferenc Gyurcsàny erklärte darob am Freitag, Ungarn werde kein offizielles Zieldatum für den Beitritt zum Euroraum festsetzen. Spätestens sollten die
Euro-Kriterien jedoch bis ins Jahr 2010 erfüllt werden. Die Kandidatenländer für die europäische Gemeinschaftswährung müssen die Euro-Kriterien zwei Jahre vor deren Einführung erfüllen. Notenbankpräsident Zsigmond Jàrai zeigte sich indes schon zu Monatsbeginn skeptischer. Die europäische Gemeinschaftswährung dürfte nach seinem Dafürhalten erst nach 2013 eingeführt werden können.
Auch die Aussichten Lettlands und Litauens auf die Euro-Einführung haben sich eingetrübt. Das letztere Land scheiterte in diesem Jahr nur knapp an den Hürden (Chancen für Anleihen aus Südosteuropa sind sehr unterschiedlich), nachdem das Land knapp das Inflationskriterium verfehlt hatte.
War dies damals noch recht umstritten, zeigt sich jetzt etwas deutlicher die Berechtigung der harten Entscheidung. Sowohl in Litauen als auch in Lettland hat sich die Inflation beschleunigt. Die lettische Preissteigerungsrate, mithin bereits die höchste in der EU, stieg im Juni auf Jahresbasis von 6,3 auf 6,9 Prozent. In Litauen legten die Preise um 4,4 statt wie zuvor um 3,9 Prozent zu.
Politische Belastungen in Polen
Mittlerweile sind die Proteste der baltischen Regierungen leiser geworden, die zuvor auf das Wachstumstempo verwiesen, da sie mittlerweile um die Stabilität ihrer Volkswirtschaften zu fürchten beginnen. Litauens Wirtschaft wuchs zuletzt um 7,7 Prozent, die lettische Ökonomie sogar um 13,1 Prozent. Mittlerweile haben die baltischen Staaten das Ziel des Euro-Beitritts fürs erste aufgegeben.
Auch über der Erholung der Kurse polnischer Anleihen hängt ein Damoklesschwert, indes ein politisches. Anhaltende politische Turbulenzen in der mühsam gezimmerten rechts-nationalistisch orientierten Regierungskoalition, die zuletzt dem für einen Sparkurs stehenden Premierminister Kazimierz Marcinkiewicz und Finanzminister Pawel Wojciechowski die Ämter kosteten, lassen ungutes für die Staatsfinanzen ahnen.
Und der Ärger hält an. So sprach sich die EZB in der vergangenen Woche deutlich gegen die geplante neue Finanz- und Bankenaufsichtsstruktur in Polen aus, da diese nicht die Unabhängigkeit der Aufseher ausreichend absichere, weil die Mehrheit der Bankenaufsichtskommission Repräsentanten der Regierung wären, „die ohne Gewährleistung ihrer technischen Expertise und Eigenständigkeit ernannt würden und jederzeit abberufen werden könnten“. Bislang übte die unabhängige Zentralbank maßgeblichen Einfluß aus, die bei Verabschiedung des Gesetzes in dieser Form an Fähigkeit einbüßen würde, die Stabilität des Finanzsektors zu sichern.
Gute Nachrichten aus Rumänien
Hintergrund war die Weigerung der Bankenaufsicht, den Zusammenschluß der beiden polnischen Banktöchter der italienischen Großbank Unicredito zu blockieren, der eine Folge der Übernahme der Hypo-Vereinsbank durch die Italiener ist. Die Regierung macht die Bankenaufsicht mit dafür verantwortlich, daß ein großer Teil des polnischen Bankensektors im Besitz von ausländischen Geldhäusern ist.
Auch das in der Ukraine herrschende Chaos ist mittlerweile hinreichend bekannt. Daran ändert auch das Entstehen einer Regierungskoalition nichts, deren Führer nur widerwillig und von der Not getrieben zusammenarbeiten.
Besser ist da die Nachrichtenlage in Rumänien. Die dortige Zentralbank plant nach niedrigeren Inflationsdaten im ersten Halbjahr das Inflationsprognose zu senken. Entscheide wird sich das aber erst am Mittwoch. Dann wird auch eine Zinsentscheidung fällig sein. Indes übertrifft die Inflationsprognose von aktuell 6,8 Prozent das Ziel der Bank von fünf Prozent immer noch deutlich.
Indes ist es den Rumänen gelungen, die Preissteigerungsrate, die zu Jahresbeginn unter den Beitrittskandidaten die höchste war, unter die der Türkei und Bulgariens zu drücken. Indes haben rumänische Anleihen immer noch Junk-Status und somit das schlechteste Rating unter osteuropäischen Papieren, was aber in den Renditen reflektiert wird.