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Staatsanleihen Die Aufgabe der Zinspolitik ist kein gutes Omen

 ·  Mit ihrer faktischen Senkung der Leitzinsen auf Null hat die amerikanische Notenbank die Zinspolitik aufgegeben und greift zur Notenpresse. Was kurzfristig richtig erscheint, könnte auf längere Sicht die nächste Krise herauf beschwören.

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Trotz schlechter Konjunkturdaten aus aller Welt steigen derzeit die Kurse an den Börsen. Hintergrund war die Wette der Anleger auf eine weitere deutliche Zinssenkung in den Vereinigten Staaten. Und nachdem diese noch höher ausgefallen ist und sogar die Zinspolitik nun erst einmal der Vergangenheit angehört, stiegen die Kurse an der Wall Street zunächst noch weiter.

Dabei haben die massiven Zinssenkungen der vergangenen Woche wie auch im gesamten Jahr bisher kaum etwas bewirkt. Das liegt zu allererst einmal daran, dass sie kaum bei Konsumenten und Unternehmen ankommen, da sich die Rahmenbedingungen verändert haben.

Bonitätsschwäche verhindert Erfolg der expansiven Geldpolitik

Nachdem in den vergangenen Monaten die tatsächlichen Risiken einer hohen Verschuldung, falsch kalibrierter Risikomanagement- und Vermögensverwaltungsmodelle sowie der starken Synchronisierung der Weltwirtschaft durch die Globalisierung offen gelegt wurden, sind die Wirtschaftsteilnehmer gezwungen, ihre Bilanzen zu sanieren und ihre Erwartungen anzupassen. Ihre Bonität ist schlicht und einfach nicht mehr gut genug, um weiteres Wachstum mit weiteren Krediten zu finanzieren.

Das gilt in erster Linie für die Vereinigten Staaten und andere angelsächsische Staaten. Sie brauchen einen Wechsel, einen Change. Nach dem Motto „Yes we can!“ werden sie gezwungen sein, den Gürtel enger zu schnallen und mehr zu sparen. Das gilt in erster Linie für die Verbraucher, die in den vergangenen Jahren kaum Lohnzuwächse verbuchen konnten, dennoch aber zu immer höheren Konsumausgaben bewegt wurden. Dabei strapazierten sie ihre Kreditkarten und Bankkonten aufs äußerste, was sie durch steigende Vermögenspreise finanzierten.

Nicht nur die Bonität der Verbraucher sinkt, sondern auch der Staaten

Doch die Strategie ging schief. Die Hauspreise fielen und fallen weiter, die Ausfälle bei Kreditkartenschulden nehmen zu, was Finanzunternehmen und Realwirtschaft belastet: Die Einzelhandelsumsätze gehen zurück, die Kapazitätsauslastung sinkt, die Wirtschaft schrumpft und die Arbeitslosigkeit steigt bei wachsender Bevölkerung deutlich.

Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten auf massive Kapitalimporte aus dem Ausland angewiesen. Angesichts tiefer Renditen, geringer Wachstumserwartungen, mangelnder Bonität vieler Schuldner und massiv steigender Staatsverschuldung stellt sich die Frage, ob sich dieser Kapitalbedarf künftig zu diesen Konditionen wird decken lassen.

Die Portfoliozuflüsse der internationalen Anleger fielen in den vergangenen Monaten schwach aus, während der Dollar nach einer Zwischenerholung wieder in die Defensive geriet. Nach dem Zinsentscheid wertete die amerikanische Währung drastisch ab und fiel von rund 90 auf aktuell 88,71 Yen bzw. rund 1,36 Dollar je Euro auf aktuell 1,406 Dollar.

Geldpolitik eingestellt

Die Ankündigung der Fed, über den Kauf von Staatsanleihen mit langer Laufzeit nachzudenken und den Ankauf von zweifelhaften Schuld- und Hypothekenpapieren noch auszuweiten, ist faktisch die völlige Aufgabe einer kontrollierten Geldpolitik. Aus Furcht vor der deflationären Krise lässt sie alle Rücksichten fallen und pumpt mit voller Kraft Liquidität in die Märkte pumpen, erklärt Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner. „In letzter Konsequenz heißt das, dass die Fed Geldpolitik jetzt über die Notenpresse betreibt.“

Doch wie das alles ausgeht, weiß niemand, auch nicht die Fed und schon gar nicht die Regierungen. Alles wird dominiert von der kurzfristigen Sorge. Der designierte amerikanische Präsident Barack Obama bekräftigte am Dienstag, mit einem umfangreichen Investitionsprogramm des Staates die Konjunktur wieder ankurbeln zu wollen. „Wir gehen derzeit durch die härteste Zeit seit der großen Depression“, betonte der Demokrat, der am 20. Januar das Präsidentenamt übernimmt. Gleichzeitig räumte er mit Blick auf die Fed-Entscheidung ein: „Im Kampf gegen die Rezession gehen uns allmählich die Mittel aus“.

Über Deflation zur Hochinflation?

Die riesigen Konjunkturprogramme können nur kurzfristig stabilisierend wirken. Den Kreditboom der vergangenen Jahrzehnte können sie nicht wieder beleben, viel mehr verzerren sie die Marktsignale. Zudem finanziert die Fed mit dem Kauf von Staatsanleihen Haushalt und Konjunkturprogramme mit der Notenpresse.

Das scheint angesichts des drohenden deflationären Szenarios zwar kurzfristig richtig. Doch droht sie das schlingernde amerikanische Wirtschaftsschiff auf etwas längere Sicht in die andere Richtung zu kippen und sich dem Problem erst stellen zu wollen, wenn es bereits eingetreten ist. Erste Volkswirte zeichnen bereits ein Szenario, wonach einer dis- oder deflationären Phase eine Zeit beschleunigter Inflation folgen wird.

Staatsanleihen: Die nächste Blase

Das sind vor allem für Anleiheanleger katastrophale Aussichten. Kurzfristig dürften die Kurse zwar weiter steigen. Das zeigt auch der Anstieg des Bund-Future am Mittwoch um 66 Basispunkte auf 1124,80 Prozent und der Fall der Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe auf 2,972 Prozent, in unmittelbare Nähe des Rekordtiefs vom Monatsanfang.

Aber wer sich in der nächsten Zeit an nicht-inflationsindexierten Emissionen beteiligt, dem drohen auf längere Sicht real erhebliche Verluste, wenn er nicht rechtzeitig aussteigt. Denn mit einer steigenden Inflation würden die Anleihenkurse abstürzen - damit droht schon die nächste Blase und ihr Platzen.

Etwas günstiger sieht es für Aktien-Anleger aus. Denen könnte eine Inflation zumindest für kurze Zeit steigende Kurse bescheren, da diese durch den Basiseffekt erst einmal in kräftigen Gewinnsteigerungen zum Ausdruck kommt. Auf lange Sicht aber muss auch real ein Wachstum stattfinden. Denn ansonsten bleibt alles Illusion. Dann steigt nur der Umsatz, nicht der Absatz, steigen die Gewinne und fallen die Margen. Und sobald dieses Szenario sichtbar wird, sinken auch wieder die Aktienkurse.

Weihnachtswunsch: Eine weniger kurzatmige Wirtschaftspolitik

Dass die Sorgen der Aktienanleger kaum geringer geworden sind, zeigen die Reaktionen am Mittwochmorgen. Während die japanische Börse noch leicht zulegte, rutschte der Dax kurz nach Handelsstart ins Minus. „Das zeigt, wie schlecht es um die amerikanische Konjunktur bestellt ist, wenn man solch drastische Maßnahmen ergreifen muss.“, heißt es aus Händlerkreisen

Insgesamt wäre auch aus Sicht eines etwas längerfristig orientierten Anlegers der Geld- und Fiskalpolitik etwas weniger Kurssichtigkeit und Kurzatmigkeit zu wünschen. Erst ließ man die Exzesse an den Finanzmärkten zu, aus Furcht das Wachstum abzuwürgen. Dann griff man zu spät ein, um den Zusammenbruch zu verhindern, sondern hat ihn womöglich beschleunigt. Jetzt droht man mit einer möglicherweise erneuten Überreaktion erneut zu übersteuern.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: mho; cri
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