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Staatsanleihen Argentinien bereitet neues Angebot an Altgläubiger vor

06.01.2010 ·  Argentiniens Regierung will ein neues Umschuldungsangebot an die seit 2002 nicht mehr bedienten Altgläubiger vorlegen. Gleichzeitig wird der Notenbankchef, der die Devisenreserven nicht hergeben will, zum Rücktritt aufgefordert.

Von Carl Moses
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Die argentinische Regierung will möglichst bald ein neues Umschuldungsangebot an die seit dem Zahlungsausfall von 2002 nicht mehr bedienten Altgläubiger vorlegen. Derzeit arbeitet das Wirtschaftsministerium an der Vorbereitung der entsprechenden Unterlagen zur Vorlage bei der amerikanischen Finanzmarkt-Aufsichtsbehörde SEC. Möglicherweise im Januar will Wirtschaftsminister Amado Boudou den Gläubigern das neue Tauschangebot offiziell unterbreiten.

Die neue Offerte richtet sich an jene Gläubiger, die dem Angebot zur Umschuldung von rund 100 Milliarden Dollar Zins- und Anleiheschulden im Frühjahr des Jahres 2005 nicht zugestimmt hatten. Damals hatten die Inhaber von 24 Prozent der Schulden den Tausch abgelehnt. Diese sogenannten Holdouts sowie andere Gläubiger, die in den vergangenen Jahren die nicht getauschten Papiere auf dem Sekundärmarkt zu Tiefstpreisen aufgekauft haben, verfügen über Anleihen im Nominalwert von rund 20 Milliarden Dollar sowie über rückständige Zinsforderungen von weiteren 9 Milliarden.

Die Anleihenkurse sind bereits rasant gestiegen

Die Regierung will nun ein Angebot für den Tausch der notleidenden Papiere in neue Anleihen unterbreiten, das nominal "etwas schlechtere Konditionen" als die Offerte von 2005 vorsehe, sagt Minister Boudou. Damals hatten die Gläubiger zu Marktwerten auf etwa 70 Prozent ihrer Forderungen verzichten müssen. Aufgrund der inzwischen verbesserten Marktbedingungen in Argentinien sowie aufgrund der niedrigen Zinsen auf dem globalen Finanzmarkt werde das Angebot heute dennoch wirtschaftlich attraktiver sein, meinen Finanzfachleute. So erwartet die Bank J.P. Morgan, dass der Marktwert des neuen Angebots, dessen genaue Konditionen freilich noch nicht feststehen, zwischen 47 und 54 Prozent des Nominalwertes der Altanleihen liegen werde.

Am Sekundärmarkt werden die seit 2002 notleidenden Anleihen, die zeitweise zu weniger als 5 Prozent des Nominalwertes verramscht wurden, heute wieder zu Kursen von mehr als 40 Prozent gehandelt. Auch die Kurse der ordnungsgemäß bedienten Anleihen sind in den vergangenen Monaten rasant gestiegen. So hat sich der Kurs der 2038 fällig werdenden Euro-Par-Anleihe gegenüber seinem Tiefstand von Ende 2008 mehr als verdoppelt. Minister Boudou erwartet, dass mindestens 60 Prozent der Altgläubiger dem neuen Angebot zustimmen werden. Nach Einschätzung verschiedener Analysten könnte die Akzeptanzquote sogar deutlich höher ausfallen. Allein die drei Großbanken Barclays, Citibank und Deutsche Bank, die Argentinien mit der Vorbereitung der Umschuldung beauftragt hat, sollen Anleihen im Nominalwert von etwa 10 Milliarden Dollar, also rund der Hälfte der noch offenen Schulden, vertreten. Kleinanleger sollen bei dem neuen Angebot möglicherweise begünstigt werden.

Die Regierung braucht Geld

Hintergrund der neuen Offerte Argentiniens an die Altgläubiger sind die zunehmenden Finanznöte der Regierung. Zum ersten Mal seit dem Jahr 2002 ist Argentiniens Staatshaushalt 2009 ins Defizit gerutscht. Die Staatsausgaben stiegen fast dreimal so schnell wie die Einnahmen. Das Defizit der Zentralregierung liege je nach Berechnungsmethode bei 1,2 bis 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), kalkuliert die Vereinigung argentinischer Haushaltsexperten ASAP. Hinzu kommt ein Defizit von etwa 0,8 Prozent in den Kassen der Provinzen. Der steigende Finanzierungsbedarf veranlasst die Regierung, die Aufnahme neuer Kredite am internationalen Kapitalmarkt anzustreben, der Argentinien seit 2002 weitgehend verschlossen ist. Der ehemalige Staatschef Néstor Kirchner, der im Jahr 2011 möglicherweise abermals für das höchste Staatsamt kandidieren möchte, das derzeit seine Ehefrau Cristina ausübt, will die Wirtschaft weiter ankurbeln. Kirchner, der auch ohne offizielles Amt weiter großen Einfluss auf die Regierungsgeschäfte hat, strebt für 2010 ein Wachstum des BIP um 7 Prozent an, während unabhängige Konjunkturexperten eher von 3 bis 4 Prozent Wachstum ausgehen.

Bevor die Regierung neue Anleihen plazieren kann, müssen jedoch zunächst die Altlasten aus der Schuldenkrise von 2002 beseitigt werden. Etliche Altgläubiger haben ihre Ansprüche vor ausländischen Gerichten erfolgreich eingeklagt und drohen mit Pfändung, auch wenn ihnen die Vollstreckung der erstrittenen Rechtstitel bisher schwerfällt. Die Risikoaufschläge in den Renditen argentinischer Staatsanleihen gegenüber denen von amerikanischen Staatspapieren sind in den letzten Monaten von zeitweise fast 20 auf zuletzt 6,3 Prozentpunkte gefallen. Die Regierung strebt indes eine weitere Reduzierung der Marktrenditen an.

Staatspräsidentin fordert Notenbankchef zum Rücktritt auf

Um die Sorge der Gläubiger vor Zahlungsausfällen zu zerstreuen, will die Regierung 6,5 Milliarden Dollar aus den Devisenreserven der Zentralbank in einen Sonderfonds überführen, der für die Schuldentilgung 2010 zu Verfügung stünde. Martín Redrado, der Präsident der laut Gesetz autonomen Zentralbank, will die Devisen aber nicht bereitstellen. Staatspräsidentin Kirchner forderte Redrado darum am Mittwoch zum Rücktritt auf. Gegner der Schuldenzahlung aus den Devisenreserven haben zudem eine Klage eingereicht, da die Zahlung der Verfassung gemäß vom Parlament genehmigt werden müsse. Dort hat die Regierung seit Dezember keine Mehrheit mehr.

Argentiniens neuer Geldsammler

Zum ersten Mal seit Jahren verfügt Argentinien wieder über einen Wirtschaftsminister, der in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Der 46 Jahre alte Ökonom Amado Boudou hat eine schwere Aufgabe: Er soll das seit dem Staatsbankrott des Jahres 2002 diskreditierte Argentinien am internationalen Kapitalmarkt wieder salonfähig machen. Nach dem Ausscheiden des Ministers Roberto Lavagna, der Argentiniens Wirtschaft aus der schweren Krise von 2002 geführt hatte und Ende 2005 zurückgetreten war, hatte der damalige Staatspräsident Néstor Kirchner die Wirtschaftspolitik zur Chefsache gemacht. Lavagnas rasch wechselnde Nachfolger waren nicht viel mehr als Kirchners Buchhalter. Auch nach der Übernahme des Präsidentenamtes durch Kirchners Ehefrau Cristina Ende 2007 blieb der Ex-Präsident bis heute der Drahtzieher hinter den Kulissen. Auf Kirchners direkte Weisung setzten nachrangige Beamte wie der Handelssekretär Guillermo Moreno weitreichende Maßnahmen um, ohne dass die zuständigen Minister überhaupt informiert waren.

Der Anfang Juli nach der Wahlschlappe der Kirchners bei den Parlamentswahlen zum Minister berufene Boudou genießt offenbar etwas größeren Spielraum und in jedem Falle eine größere Medienpräsenz als seine blassen Vorgänger. Das mag daran liegen, dass Boudou eine delikate Aufgabe übernommen hat, bei der das Ehepaar Kirchner ungern selbst stark in Erscheinung treten möchte. Nachdem die Kirchners staatliche und private Gläubiger jahrelang an der Nase herumgeführt haben, soll Boudou bei internationalen Anlegern neue Kredite lockermachen. Denn Argentinien braucht frisches Kapital, nachdem der Boom der letzten Jahre ein jähes Ende fand und die Staatsausgaben derzeit dreimal so schnell steigen wie die Einnahmen. Für die Kirchners, die jahrelang stolz verkündet hatten, keine Kredite mehr zu benötigen, grenzt es vermutlich an eine Zumutung, plötzlich um das Vertrauen von Banken und Anlegern buhlen zu müssen. Vor seiner Berufung zum Minister hatte Boudou in anderer Mission zunächst die letzten inländischen Reserven mobilisiert. Als Chef der staatlichen Rentenkasse Anses hatte Boudou die Ende 2008 überraschend beschlossene Verstaatlichung der privaten Pensionsfonds umzusetzen. Nach der Einverleibung der zuvor privat verwalteten Ersparnisse leiht die Rentenkasse immer mehr Geld an die Regierung. Doch damit sind die inländischen Reserven nun weitgehend ausgeschöpft.

Kritische Haltung gegenüber dem IWF

Um die Rückkehr auf den Kapitalmarkt zu versuchen, muss Boudou einen Ausgleich mit jenen Anleihegläubigern finden, die seit 2002 vergeblich auf eine Bedienung ihrer Forderungen von rund 20 Milliarden Dollar (zuzüglich aufgelaufener Zinsen) warten. Das besonders harte Umschuldungsangebot von 2005, das den Gläubigern einen Verlust von rund 70 Prozent ihrer Forderungswerte zumutete, hatten sie nicht akzeptiert. Auch mit den Ländern des Pariser Clubs, die ebenfalls seit 2002 auf die Bedienung von 6,7 Milliarden Dollar bilateraler Kredite warten, hat Boudou erste Gespräche über eine mögliche Restrukturierung aufgenommen. Die dabei übliche Einbeziehung des Internationalen Währungsfonds versucht Boudou so gering wie möglich zu halten. Schließlich haben die Kirchners den IWF zum Hauptschuldigen für alle früheren Miseren Argentiniens erklärt. „Der IWF war für viele, um nicht zu sagen alle Rückschläge in unserem Land verantwortlich“, tönt Boudou als Echo seiner Herren.

Als Student der Wirtschaftswissenschaften war Boudou in den achtziger Jahren Anhänger der konservativ-liberalen Partei Ucedé, die in den neunziger Jahren maßgeblich die Privatisierungen unter der Regierung von Carlos Menem unterstützte. Noch vor einigen Jahren lehrte Boudou an dem elitären Studienzentrum Cema, dem Hort des Chicago-Liberalismus in Argentinien, wo der von den Kirchners verfemte Menem eine Vielzahl seiner Mitarbeiter rekrutiert hatte. Heute preist Boudou die interventionistische Wirtschaftspolitik der Kirchners. Die hatten in den neunziger Jahren freilich selbst noch Menems Politik unterstützt.

Privat hat Boudou eine Vorliebe für Rockmusik und schwere Motorräder. In seinen Jugendjahren hat Boudou in Clubs Platten aufgelegt und sogar Rockkonzerte veranstaltet. Seine ersten beruflichen Sporen verdiente Boudou als Manager eines Müllabfuhrunternehmens, bevor er als Analyst seinen Aufstieg bei der Rentenkasse Anses begann. Die Zeitschrift Noticias zählte den gutaussehenden Lebemann Boudou kürzlich zu den begehrtesten Junggesellen Argentiniens. Sein verführerischer Charme soll sogar im Präsidentenpalast zu Irritationen geführt haben. Nun muss Boudou all seine Verführungskünste einsetzen, um die Geldbeutel der Investoren für Argentinien wieder zu öffnen.

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