28.10.2008 · Sinkende Rohstoffpreise belasten die Staatsfinanzen vieler Schwellenländer. Ernst ist die Lage von der Ukraine bis Kasachstan. Ein FAZ-NET-Spezial.
Von Stefan RuhkampUm richtig viel Geld zu verlieren, muss man in diesem Jahr gar nicht in Aktien investiert sein. Staatsanleihen tun es auch, sofern es die falschen sind: Wer zu den Unglücklichen zählt, die nach der argentinischen Staatspleite vor fünf Jahren die als Trostpflaster erhaltenen Anleihen nicht verkauft haben, beklagt seit Jahresbeginn einen Wertverlust von rund 60 Prozent. Dollar-Titel aus Brasilien, Ungarn, Russland, Südafrika, der Türkei und Mexiko haben nach Gutschrift der Zinsen zu Wertverlusten von rund 20 Prozent geführt.
Erschwerter Schuldendienst der Schwellenländer
Der Großteil dieser Verluste trat erdrutschartig in den vergangenen Wochen auf. Seitdem ist klar, dass die Schwellenländer nicht die erhoffte Stütze der Weltwirtschaft sind. Im Gegenteil gelten sie nun als besonders anfällig. Die im Aufschwung hohen Rohstoffpreise haben nicht nur den Ölexporteuren Russland und Venezuela geholfen. Auch andere Metalle und Grundstoffe waren begehrt und haben die Finanzkraft vieler Schwellenländer gestärkt. Doch nun schwingt das Pendel umso heftiger zurück. Der Ölpreis hat sich binnen eines Vierteljahres mehr als halbiert. Der Kursverfall sei auch deshalb so rasant, weil Hedge-Fonds gezwungen seien, ihre Devisen- und Zinsdifferenz-Spekulationen auf einen Schlag aufzulösen, meinten Händler.
Viele dieser Fonds haben sich Dollar und Yen zu niedrigen Zinssätzen geliehen und das Geld in Schwellenländern investiert. Jetzt sind sie gezwungen, diese Positionen aufzulösen und die Schulden in Yen und Dollar zu begleichen, um die Verluste zu begrenzen. Dollar und Yen haben deshalb in den vergangenen Wochen stark aufgewertet und erschweren nun den Schuldendienst der Schwellenländer. „In einigen Ländern wie Ungarn und Rumänien wurde der vorangegangene Aufschwung durch Direktinvestitionen finanziert“, sagt Daniel Lenz, Analyst der DZ Bank. Die rumänischen Banken zum Beispiel hätten viel mehr Geld an die Wirtschaft verliehen, als die Kunden an Einlagen hatten. Die Differenz haben die ausländischen Investoren finanziert, die nun ihr Geld zurückrufen.
20 Milliarden Dollar an Notkrediten
Bei einer Handvoll Ländern halten viele Anleger einen Zahlungsausfall schon für möglich. Argentinien zum Beispiel könnte den zweiten Staatsbankrott innerhalb dieses Jahrzehnts erleben. Zumindest signalisieren die Anleihekurse diese Erwartung. Argentiniens Regierung hat angekündigt, Guthaben privater Pensionskassen zu verstaatlichen. Daraus resultierte die Vermutung, dass ohne dieses Geld - es geht um knapp 30 Milliarden Dollar - der Staat möglicherweise vor der Zahlungsunfähigkeit steht.
Ernst ist die Lage auch in Kasachstan und der Ukraine. Handelbare Kreditabsicherungen auf Forderungen gegen den ukrainischen Staat werden angeblich - sofern überhaupt Preise gestellt werden - mit einer Jahresprämie von 20 Prozent gehandelt. Ungarn, die Ukraine, Island und Weißrussland haben bereits den Internationalen Währungsfonds um Hilfe gebeten. Es geht um mehr als 20 Milliarden Dollar an Notkrediten. Bulgarien, Litauen, Rumänien und Serbien sollen mit dem Währungsfonds in Gesprächen stehen. Ungarn zum Beispiel hat Schwierigkeiten, sich Forint auf dem heimischen Kapitalmarkt zu leihen.
Nichtstun ist die günstigste Variante
Selbst Russland ist trotz seines sagenhaften Ölreichtums ins Gerede gekommen. Vor einigen Wochen hoffte Island noch auf Hilfe aus Russland. Nun sehen die Anleger, wie der Ölpreis verfällt, und lernen das Fürchten. Mit rund 70 Dollar je Barrel Öl (159 Liter) kann der russische Staat gut leben. Der Ölpreis ist aber schon auf knapp 60 Dollar gefallen. Das allein ist eigentlich kein Grund zur Sorge, denn in den guten Jahren hat Moskau eine Menge Geld angehäuft. Die Devisenreserven haben einen Wert von knapp 500 Milliarden Dollar. „Aber die Anleger fürchten den Staatseingriff“, sagt Thomas Gitzel, Analyst von der Landesbank Baden-Württemberg.
Mit Empfehlungen für die Anleger tun sich die Banken derzeit schwer, zumal für den Moment Nichtstun die günstigste Variante ist. Wer kauft oder verkauft, trifft derzeit auf einen wilden Markt. Die Abstände zwischen den Kursen, zu denen Händler bereit sind, Anleihen aus den Schwellenländern zu kaufen oder zu verkaufen, sind auf Rekordhöhen gestiegen. Bei manchen Anleihen beträgt der Abstand 10 Prozent des derzeitigen Marktwertes. Wer also jetzt zugreift, steht mit seiner Position direkt mit 10 Prozent im Minus.
Mancher wird vielleicht dennoch einen Seitenblick auf die Renditen werfen. Ein paar Beispiele: Türkische Euro-Anleihen versprechen derzeit einen Ertrag von 10 bis 12 Prozent im Jahr, in Ungarn und Russland sind 8 bis 9 Prozent möglich, in Südafrika und Brasilien 11 Prozent, venezolanische Staatstitel versprechen einen Jahresertrag von 20 Prozent. Das alles unter der Bedingung, dass Zinsen fließen und die Staaten pünktlich tilgen. Hinter beidem stehen allerdings große Fragezeichen. In Ländern wie Argentinien oder Venezuela ist es sogar unwahrscheinlich geworden.
Überraschend ist unter diesen Umständen die geringe Risikoprämie, die Käufer von isländischen Staatsanleihen verlangen. Sie begnügen sich für Euro-Titel mit 7 Prozent Rendite. Island galt bislang unter anderem wegen der billig verfügbaren natürlichen Energieträger - Wasser und Erdwärme - als eines der reichsten Länder der Welt.
Einlagen und Kredite
Klaus Dressler (suessling)
- 28.10.2008, 00:55 Uhr