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Staatsanleihen Abschied von AAA

18.08.2010 ·  Hohe Schulden hatten die Industrieländer auch schon früher, meist als Resultat vergangener Kriege. Doch heute stehen ihnen die größten Lasten noch bevor. Nicht alle werden auf Dauer ihre Bonitätsnote halten können.

Von Martin Hock
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Der Schuldenstand der Industrieländer ist in der Finanzkrise sprunghaft gewachsen. Betrug der Anteil der Staatsverschuldung am Bruttoinlandsprodukt in Frankreich und Deutschland zwischen 2004 und 2007 noch weniger als 70 Prozent, so steuern beide Ländern nun mehr auf eine Quote von mehr als 80 Prozent.

Die britische Regierung hat die beiden Nationen eingeholt, nachdem ihr Schulenstand vor einigen Jahren nur wenig über 40 Prozent gelegen hatte, die Amerikaner sind von rund 60 Prozent ausgehend gar vorbeigezogen.

Kommende versus alte Schulden

Historisch sind diese Schuldenquoten, wenngleich groß, so doch nicht rekordverdächtig. 1947 war der amerikanische Bundeshaushalt mit rund 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet, die Briten gar mit fast 250 Prozent. Nach den napoleonischen Kriege hatte die Quote gar noch höher gelegen.

Es gibt nur einen entscheidenden Unterschied zwischen diesen Schulden und den heutigen, verdeutlicht die Rating-Agentur Moody's in einer jüngst erscheinen Studie: Waren die Schulden früher Ausdruck einer Belastung der Vergangenheit, so kommen diese auf die Staaten jetzt erst noch zu.

Grund ist der Prozess der Ergrauung der Gesellschaft, der zum einen in höheren Ausgaben für Renten und Gesundheit zum Ausdruck kommt. Die EU schätzt den Anstieg bis 2060 auf jährlich 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Frankreich oder 5,1 Prozent in Deutschland. Das klingt oberflächlich verkraftbar, bedeutet aber eine Verdreifachung der Ausgaben im Nachbarland und eine Verzwölffachung hier. Für Spanien wird gar ein Anstieg um den Faktor 54 erwartet.

Die Krise hat die Zeit komprimiert

Es ist offenkundig, dass diese Lasten nicht zu finanzieren sind, allzumal gleichzeitig das Produktionspotential in Form einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung zurückgeht, aber auch in Form einer geringeren Ersparnisbildung, weil sich das Alter der Bevölkerung zugunsten einer stärker konsumptiven Schicht verschiebt.

Nun ließ sich diese Entwicklung und die daraus entstehenden Herausforderungen absehen. Doch eine Folge der nicht überstandenen Wirtschafts- und Finanzkrise ist, dass die Probleme um 15 bis 20 Jahre nach vorne gerückt sind (vgl. Infografik).

Die Zeit wurde komprimiert, schreibt Moody's, das komme in der prognostizierten Entwicklung der Verschuldung zum Ausdruck, die sich deutlich verschlechtert habe. In der Folge habe sich die Entfernung zu einer Herabstufung der hervorragenden staatlichen Schuldner Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten deutlich verringert, wenngleich Moody's die Noten bis zumindest 2013 nicht notwendigerweise in Gefahr sieht.

Sparzwang in der Not

Gleichzeitig hat die Krise Lasten hinterlassen. Derzeit ist das Wachstum schwach, während die Bedeutung des Staates in der Wirtschaft selten so hoch war. Dabei ist dies keine Entwicklung der Finanzkrise, sondern das Ergebnis eines graduellen Prozesses, der spätestens in den sechziger Jahren eingesetzt hatte und durch die Finanzkrise lediglich verschärft und beschleunigt wurde.

Doch aufgrund der hohen Staatsschulden ist der bis dato präferierte, weil am leichtesten verkraftbar scheinende Weg fiskalischer und monetärer Stimuli nicht mehr gangbar. Im Gegenteil müssen die Staaten sparen: Die Akzeptanz niedriger Zinsen und die Vergabe guter Bonitätsnoten beruht auf der Überzeugung der Anleger und Agenturen, dass die Staaten das Problem bewältigen können, so Moody's. Neue Schulden könnten das brüchige Vertrauen der Märkte, das in der europäischen Schuldenkrise zum Ausdruck kam, nachhaltig erschüttern. Höhere Zinsen aber sind das, was die betreffenden Staaten aufgrund des hohen Schuldenstands am wenigsten verkraften können.

Die erzwungenen simultanen Sparmaßnahmen belasten das Wachstum noch zusätzlich und zwar in nicht unerheblicher Weise: die sich aus dem strukturellen Defizit aus dem Wertschöpfungsverlust ergebenden Lasten schätzt Moody's auf dieselbe Höhe wie die Kosten der Alterung der Gesellschaft.

Die Gesellschaft muss sich ändern

Aus dieser plötzlichen Zwangslage führe der einzige Weg nun nur noch über Reformen hinaus, die die mikroökonomische Ebene und das heißt jeden Bürger unmittelbar berühren. Dazu gehören auf der positiven Seite die Bemühungen um die Hebung des Arbeitskräftepotentials durch die Förderung von kürzeren Babypausen bei gleichzeitigen Anreizen für mehr Geburten.

Auf der weniger positiven Seite steht eine Verringerung der staatlichen Wirtschaftsaktivität, die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, um simultan die Zeit der Eigenversorgung und die Fähigkeit zur solidarischen Umverteilung zu erhöhen. Gleichzeitig muss eine Reprivatisierung der in der Vergangenheit umverteilten Risiken erfolgen. Das ist kein geringer Anspruch. Moody's spricht es selbst aus: Es erfordert eine Erneuerung des Gesellschaftsvertrags.

Niedrige Zinsen, schwache Aktienkurse

Auch die Auswirkungen auf die Kapitalmärkte sind nicht unerheblich. Ist die Entschuldungsstrategie erfolgreich, dürften die Anleihezinsen auf absehbare Zeit niedrig bleiben. Das hohe Angebot an Staatsanleihen dürfte ein Gutteil der privaten Ersparnisbildung absorbieren.

Zudem wird diese sinken: Denn bei einer vorläufig nicht sinkenden Steuerlast müssen die Privaten mehr Risiken selbst absichern. So ist beispielsweise in Deutschland wahrscheinlich, dass die Leistungen der Rentenversicherung sinken, aber nicht die Beiträge, so wie es längst schon in der Krankenversicherung der Fall ist.

In der Folge dürfte weniger Geld an die Kapitalmärkte fließen. Gerade europäische Banken finanzieren sich derzeit immer noch durch Kundeneinlagen (vgl. auch Der wahre Stresstest für die Banken kommt erst noch). Das könnte nicht nur das Geschäft der Banken, sondern auch die Aktienkurse belasten.

Darüber hinaus dürfte das Entsparen zunehmen, da eine Entspannung hinsichtlich der Alterung der Bevölkerung nicht abzusehen ist, wenn nicht verstärkt die Einwanderung junger Leistungsträger gefördert wird. Doch angesichts einer auch in Schwellenländern auf niedrigerem Niveau alternden Bevölkerung und der Tatsache, dass dieses Problem in Ländern mit einer Bevölkerung von jetzt schon etwa einer Milliarde Menschen simultan existiert, sind die Chancen eher gering. Zudem wird sich auch in China der Anteil der Über-60-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bis 2025 auf mehr als 20 Prozent und damit auf das aktuelle deutsche Niveau verdoppeln.

Abschied von „AAA“

Die bislang so homogen erscheinende Gruppe der Schuldnerländer mit erstklassigen Bonitätsnoten wird in der Folgezeit weiter auseinanderfallen: Spanien wurde von Moody's schon auf die Liste für eine Herabstufung gesetzt, womit die Agentur den Konkurrenten Standard & Poor's sowie Fitch folgen würde.

Auch für Großbritannien ist die Lage nicht unkritisch: Nach Ansicht von Moody's kann das Land in den kommenden Jahren zwar entweder ein deutlich niedrigeres Wachstum oder geringere Anstrengungen zur Haushaltskonsolidierung vertragen, nicht aber beides.

Die Gruppe der „gefallenen Erzengel“, also der Staaten die ihr erstklassiges AAA-Rating verloren haben, wird weiter wachsen. Bisher hat kein Land diesen Status je wieder zurückerhalten: weder Neuseeland, das ihn 1983 bei S&P verlor, noch Italien das seit 1991 bei Moody's darauf verzichten muss oder Japan, das die Auszeichnung zwischen 1998 und 2009 bei nacheinander bei allen drei großen Agenturen verlor.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors wieder.

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Jahrgang 1964, Redakteur in der Wirtschaft.

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