27.08.2010 · Durch ihre Kapitalanlagen und Eigenmittel können einige Lebensversicherer einer Niedrigzinsphase leichter trotzen. Maßzahlen liefern aber nur Annäherungen.
Von Philipp KrohnDas aktuelle Rekordtief der Anleihezinsen rückt das Interesse auf die finanzielle Ausstattung der Lebensversicherer. Für die Sicherheit der Altersvorsorge ist entscheidend, wie lange die Unternehmen ein Niedrigzinsszenario durchhalten würden. In klassischen Kapitallebens- und Rentenversicherungsverträgen haben sie ihren Kunden versprochen, den Sparanteil ihrer Beiträge in neuen Verträgen mit 2,25 Prozent zu verzinsen. Für viele alte Verträge gelten dagegen Garantien von bis zu 4 Prozent.
Durch ihre unterschiedliche Kapitalanlage und Eigenmittelunterlegung sind die Unternehmen unterschiedlich gut auf lang anhaltende Niedrigzinsen vorbereitet. Weder die zuständige Aufsichtsbehörde Bafin noch Ratingagenturen rechnen damit, dass kurzfristig ein größerer Marktteilnehmer sein Geschäft aufgeben muss. Öffentlich zugängliche Kennzahlen lassen aber Rückschlüsse zu, wie gut gerüstet jeder Versicherer für ein solches Szenario ist.
Keiner fällt unter diese Stufe
Setzt man (wie in der Grafik) die vorhandenen Sicherheitsmittel zu den Verpflichtungen gegenüber den Kunden ins Verhältnis, erhält man einen Näherungswert, wie viel Spielraum die Versicherer in der Bilanz hätten, wenn ihre Kapitalanlage zu wenig Rendite abwerfen würde. Die Versicherungs-Ratingagentur Assekurata hat zum aktuellen Stichtag die Bilanzen von 62 Lebensversicherern ausgewertet. Unter den 20 Unternehmen mit den höchsten Beitragseinnahmen steht die Allianz vor der Alten Leipziger am besten da.
Am unteren Rand findet sich die Gothaer wieder. Der Kölner Versicherer erklärt dies mit dem hohen Anteil an Unternehmensanleihen in der Kapitalanlage. Weil er nach internationalen Standards bilanziere, habe er vorübergehend auftretende Wertverluste genauer ausgewiesen als Wettbewerber. „Unsere Stillen Lasten kommen nicht aus Risikoanlagen wie Aktien, sondern aus festverzinslichen Papieren, die wir bis zur Endfälligkeit halten und mit denen wir gute Erträge erzielen“, beruhigt Helmut Hofmeier, Chef der Gothaer-Lebensparte.
„Wie gut die Versicherer durch eine Niedrigzinsphase kämen, ist aber aus dieser Kennzahl allein nicht ableitbar“, sagt Lars Heermann, Bereichsleiter Leben der Assekurata. Der Wert sei vergangenheitsbezogen. „Eine zukunftsgerichtete Aussage erfordert einen detaillierten Einblick in die Struktur der Kapitalanlage.“ Wiesen zwei Versicherer dieselben Quoten aus, könne derjenige leichter bestehen, der aus der Vergangenheit noch mehr lang laufende Titel hält, als die Verzinsung deutlich höher lag.
Assekurata bewertet in ihren öffentlich zugänglichen Ratings über diese vergangenheitsbezogenen Werte hinaus die Frage, wie sicher die Anlagen und wie gut die Laufzeiten darauf abgestimmt sind, wann die Versicherer ihre Verpflichtungen auszahlen müssen. Die Gothaer beispielsweise erhält für die Sicherheit die Note „sehr gut“, für den Anlageerfolg ein „weitgehend gut“, die viertbeste von elf möglichen Bewertungen. Unter den 20 Lebensversicherern, die ihr Rating veröffentlicht haben, fällt keiner unter diese Stufe.
Die wichtigste Gewinnquelle ist die Verzinsung
Über alle Verträge mussten die Unternehmen im Durchschnitt zuletzt noch eine Verzinsung von 3,39 Prozent sicherstellen. Wegen der sehr langen (bei Rentenversicherungen zum Teil 60 Jahre dauernden) Verpflichtungen nähert sich der Durchschnittswert nur langsam dem aktuellen Garantiezins an. Noch vor fünf Jahren lag er gerade um 0,11 Prozentpunkte höher. Alle Lebensversicherer haben mit dem Problem zu ringen, wie sie mit den derzeit unattraktiven Kapitalmarktrenditen genug erwirtschaften, um die Garantien zu erfüllen. Gleichzeitig versuchen sie, neue Renditechancen zu realisieren, um sich gegen ein anderes Extremszenario abzusichern: eine hohe Inflation. Über die Garantieverzinsung hinaus streben sie danach, ihren Kunden Überschüsse zu zahlen, die jährlich oder bei Ablauf der Police festgeschrieben werden und sich aus Gewinnen aus der Risiko- und Kostenkalkulation speisen. Die wichtigste Gewinnquelle aber ist die Verzinsung des angelegten Kundengelds. Deshalb ist neben den vorhandenen Sicherungspuffern in der Bilanz auch der Erfolg am Kapitalmarkt ein wichtiger Indikator dafür, wie gut die Unternehmen durch eine Niedrigzinsphase steuern können.
Kaum bilanziell zu erfassen ist eine weitere Sicherheit
Im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre gelang das allen deutschen Marktteilnehmern noch besser als erforderlich. Die 62 untersuchten Versicherer erzielten durchschnittlich eine Verzinsung von 4,42 Prozent, die Gothaer liegt beispielsweise exakt im Schnitt. Die höchsten Erträge erzielten Versicherer, die sich durch sehr lang laufende Anleihen besonders gut gegen die niedrigen Zinsen abgesichert haben. Die Debeka liegt mit 5,18 Prozent vor dem Volkswohl-Bund (4,95) und der Alten Leipziger (4,92).
Kaum bilanziell zu erfassen ist eine weitere Sicherheit. Einige Versicherer haben sich über Swap-Optionsgeschäfte mit Banken gegen ein Niedrigzinsszenario abgesichert. Fällt der Kapitalmarktzins unter ein vereinbartes Niveau, erhalten sie eine hohe Verzinsung des eingesetzten Geldes. Swaps setzen Unternehmen beispielsweise ein, um sicherzustellen, dass sie in einem Jahr mit hohen Auszahlungen ihre Verpflichtungen erfüllen können.