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Schwellenländer Unsicherheit nach Wahl schickt Ukraine-Anleihen in den Keller

24.11.2004 ·  Nach der Stichwahl sehen sich beide Präsidentschafts-Kandidaten der Ukraine als Sieger. Die Opposition spricht von Wahlfälschung und demonstriert. Die Lage ist unsicher - und Gift für Anleihen des Landes, die heftig leiden.

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In der Ukraine hat auch die Stichwahl keine klare Antwort auf die Frage gegeben, wie der neue Präsident heißt. Offiziell ist der von Rußland unterstützte Kandidat der Regierung, Wiktor Janukowitsch, zum Sieger erklärt worden. Doch die Opposition spricht von mehr als 11.000 Verstößen gegen die Wahlordnung und hat deshalb den Vorwurf der Wahlfälschung erhoben. Unterstützt wird sie am lautesten von den Vereinigten Staaten.

Nachdem Prognosen ihren Kandidaten Wiktor Juschtschenko vorne gesehen hatten, hat sie diesen zum Wahlsieger gekürt. An der Wahl Janukowitschs hatten schon am Montag das Kiewer Stadtparlament und der Bürgermeister ernsthafte Zweifel angemeldet und das nationale Parlament aufgefordert, der Wahlleitung das Mißtrauen auszusprechen.

Nun gilt die Lage im Land als oberflächlich ruhig, aber gleichzeitig als gespannt und unübersichtlich. Auch der Einsatz staatlicher Gewalt gegen Oppositionelle, die auf ukrainischen Straßen für ihren Kandidaten demonstrieren, wird von Beobachtern nicht ausgeschlossen. Dieses Maß an Unsicherheit schlägt sich auch an den Finanzmärkten nieder. Die ausstehenden Dollar- und Euro-Anleihen des Landes sind erheblich unter Druck geraten. Analysten raten, um die Ukraine derzeit am besten einen Bogen zu machen. Zuminest solange die Lage von Unsicherheit geprägt ist.

Enorme Risikoprämie wegen politischer Unsicherheit

Der Kurs der 2007 auslaufenden Euro-Anleihe ist in den vergangenen Tagen übel abgestürzt. Wer in der Hoffnung auf einen klaren und friedlichen Wahlausgang vor dem Urnengang zu einem Kurs von etwa 107,5 Prozent (oder 1.075 Euro) eingestiegen ist, hat einen satten Verlust zu gewärtigen. Zur Wochenmitte notiert der Titel mit 104,3 Prozent. Das bedeutet ein Minus von umgerechnet von 32 Euro. Das ist ein Drittel des Jahreskupons. Das bisherige Jahrestief lag bei 106,5 Prozent.

Bei einem Kupon von zehn Prozent - die Zinsen werden anteilig alle drei Monate gezahlt - rentiert der Papier nun mit knapp 8,2 Prozent. Das ist auch bei einem Titel mit einem schwachen B1/B+-Rating eine enorme Risikoprämie. Zum Vergleich: Eine im selben Jahr auslaufende Anleihe von Brasilien wirft bei einem Kupon von 9,5 Prozent lediglich 4,98 Prozent ab. Und eine dreijährige Bundesanleihe bringt 2,6 Prozent.

Die Rendite spiegelt klar das politische Risiko wider, wie Beda Kronlage, Anleiheanalyst bei der WGZ-Bank im Gespräch mit FAZ.NET sagte. Marktteilnehmer und Anleger stellten sich nun die Frage, wie schlimm die Lage in der Ukraine wirklich sei. Falls sich die Lage nach einer Woche beruhige und sich die Opposition mit den Wahlfälschungen abfinde, ohne mit staatlicher Gewalt eingeschüchtert zu werden, könnten sich die Kurse bald wieder erholen. Doch: die Einlassungen der Opposition lassen dies gerade nicht vermuten.

„Großer Gefahr weiterer Kursverluste“

Derzeit hat die WGZ-Bank ukrainische Anleihen angesichts der stark verbesserten wirtschaftlichen Lage noch auf „Halten“ gestuft. (Die Wirtschaft des Landes wächst zu zwölf Prozent, die Inflation liegt knapp unter zehn Prozent, das Budgetdefizit bei drei bis 3,5 Prozent und die Auslandsverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt bei etwa 30 Prozent, während mit BB bewertete Staaten bei dieser Kennziffer auf 44 Prozent kommen und nur mit knapp fünf Prozent wachsen.) Auch äußerte er sich zuversichtlich, daß die Ukraine die Zinsen bedienen und Anleihe im Gesamtvolumen von gut 500 Millionen Euro zurückzahlen werde. Kronlage sieht angesichts der angespannten Lage und der Formierung der Anhänger des offiziellen Kandidaten Janukowitsch, die zu einer Eskalation führen könnte, aber eine erhebliche Gefahr weiterer Kursverluste. Nach dem Absturz zuzugreifen, wäre aus seiner Sicht zu spekulativ.

Gintaras Shlizhyus von der Raiffeisen Zentral-Bank (RZB) in Wien drückt es in einem tagesaktuellen Kommentar härter aus: Sein Ausblick auf die politischen Entwicklungen in der Ukraine sei „bearish“, also alles andere als zuversichtlich. Die Spannungen könnten zu Blutvergießen führen, warnt er. „In diesem Lichte besehen raten wir Anlegern, sich von der Ukraine fernzuhalten, solange eine gewaltfreie Lösung in weiter Ferne scheint.“ Es sei nie zu spät, in Anleihen eines Schwellenlandes zu investieren, wenn man das Risiko abschätzen könne. „Im Fall der Ukraine können wir zu diesem Schluß aber nicht kommen.“

Vor diesem Hintergrund müssen sich Anleger fragen, ob sie bereit sind, weitere und womöglich erhebliche Kursverluste in Kauf zu nehmen. Die Einlassung von Juschtschenko, er würde einer Wiederholung der Stichwahl zustimmen, falls die andere Seite dies akzeptiert, gibt zwar Anlaß zur Hoffnung (und hat den Kurs der Anleihen zwischenzeitlich wieder etwas vom Jahrestief zurückkommen lassen) - aber auch nicht mehr. Die Antwort hängt auch vom Kaufkurs ab. Wer erst in der zweiten Jahreshälfte 2003 oder gar in diesem Jahr eingestiegen ist, sitzt auf satten Kursverlusten, die einen namhaften Teil des stolzen Kupons aufgefressen haben. Lockerer können es Investoren, die 2002 oder Anfang 2003 zugegriffen haben. Sie haben noch schöne Kursgewinne zu Buche stehen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @thwi
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